Ein Pflichtangebot, das der eigene Vorstand seinen Aktionären ausdrücklich nicht empfiehlt — das ist selten. Bei Kontron ist genau das gerade der Fall. Der Grund: Der Preis, den Großaktionär Ennoconn bietet, liegt kaum über dem aktuellen Börsenkurs.
Pflichtangebot durch Schwellenüberschreitung
Ennoconn hatte Mitte Juni die 30-Prozent-Schwelle bei den Stimmrechten überschritten und war damit gesetzlich zum Pflichtangebot verpflichtet. Der Konzern bietet 23,50 Euro je Aktie in bar. Das klingt zunächst nach einem klaren Angebot, entpuppt sich aber als kaum mehr als der Status quo: Die Kontron-Aktie notierte zuletzt bei 23,04 Euro, praktisch auf Vortagsniveau.
Vorstand und Aufsichtsrat von Kontron sehen genau darin das Problem. Sie bezeichnen den Preis als finanziell nicht angemessen und verweisen darauf, dass er deutlich unter den zuletzt veröffentlichten Analystenkurszielen liegt. Besonders deutlich wird die Kritik bei einem Punkt: Der Gebotspreis enthalte keine Prämie, teilweise sogar eine negative Prämie gegenüber dem Marktkurs. Für ein Übernahmeangebot ist das ein ungewöhnlicher Befund — normalerweise zahlen Bieter einen Aufschlag, um Aktionäre zum Verkauf zu bewegen.
Der Markt selbst zeigte sich von der Ablehnung wenig beeindruckt. Die Aktie bewegte sich nach Handelsbeginn kaum, ein minimales Minus im XETRA-Handel deutete auf Gelassenheit statt Nervosität hin.
Operatives Geschäft läuft parallel weiter
Während der Übernahmestreit die Schlagzeilen dominiert, meldete Kontron zusätzlich einen Auftrag aus Portugal. Der Konzern soll dort das Bahn-Kommunikationsnetz der portugiesischen Eisenbahn modernisieren. Ein konkretes Auftragsvolumen nannte das Unternehmen nicht, sprach aber von einem wichtigen Meilenstein für das Bahn-Geschäft.
Die Annahmefrist für das Ennoconn-Angebot läuft noch bis zum 27. Juli. Bis dahin müssen die übrigen Aktionäre entscheiden, ob sie der Empfehlung von Vorstand und Aufsichtsrat folgen und das Angebot ablehnen — oder ob sie angesichts der Unsicherheit über den weiteren Kursverlauf lieber Kasse machen.
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