Der oberösterreichische Faserhersteller Lenzing leitet unter seinem seit Mai amtierenden CEO Georg Kasperkovitz eine tiefgreifende strategische Neuausrichtung ein. Das Programm mit dem Titel „Grow Nonwovens, Reset Textiles“ sieht eine drastische Verkleinerung der Produktionskapazitäten und einen massiven Stellenabbau vor. Ziel ist es, den Konzern stärker auf Vliesstoffe (Nonwovens) und Premium-Nischenprodukte auszurichten, um dem wachsenden Wettbewerbsdruck aus Asien zu begegnen.

Strategiewechsel: Fokus auf Nonwovens und Spezialitäten

Die neue Strategie markiert einen Wendepunkt für den Tencel-Produzenten. Laut Berichten von WWD will sich Lenzing künftig auf Segmente konzentrieren, die eine höhere Wertschöpfung und stabilere Margen versprechen. Dazu zählen neben Vliesstoffen auch Flammschutzfasern und die Beteiligung an Projekten wie TreeToTextile. Während die Textilsparte grundlegend restrukturiert wird, sollen Spezialitäten und Nischenmaterialien das künftige Kernsegment bilden.

In diesem Zuge plant das Management eine signifikante Portfolio-Bereinigung. Der Verkauf der indonesischen Tochtergesellschaft PT South Pacific Viscose ist bereits eingeleitet. Die Marke Tencel soll laut Unternehmensangaben jedoch als Kernbestandteil im Konzern verbleiben und nicht veräußert werden, selbst wenn einzelne Produktionsstandorte neue Eigentümer finden.

Werksschließungen und massiver Stellenabbau bis 2030

Der Umbau ist mit schmerzhaften Einschnitten für die Belegschaft verbunden. Wie die Zürcher Börsenbriefe berichten, plant Lenzing den Abbau von insgesamt 2.000 Stellen bis zum Jahr 2030. Aktuell beschäftigt der Konzern rund 7.700 Vollzeitmitarbeiter weltweit. Bereits bis Ende 2027 soll die Mitarbeiterzahl, die Ende 2025 noch bei etwa 8.100 gelegen hatte, deutlich reduziert werden. Betroffen sind unter anderem 600 Stellen im administrativen Bereich (SG&A).

Zwei wichtige Produktionsstandorte stehen vor dem Aus: Das Werk in Heiligenkreuz im Burgenland soll die Produktion bis Ende 2026 einstellen, der Standort im britischen Grimsby folgt voraussichtlich Ende 2027. In Heiligenkreuz sind direkt 285 Beschäftigte von dem geplanten Produktionsstopp betroffen. Ein Sozialplan für die dortigen Mitarbeiter wurde bereits ausgearbeitet, um die Folgen der Standortentscheidung abzufedern.

Verkaufschancen und verhaltene Reaktion am Aktienmarkt

Trotz der angekündigten Schließungen besteht für das Werk in Heiligenkreuz die Hoffnung auf eine Fortführung unter neuer Flagge. Geschäftsführer Bernd Zauner betonte gegenüber Medienvertretern, dass der Standort kein Sanierungsfall sei, sondern wirtschaftlich positiv agiere. Man strebe daher einen Verkauf des gesamten Areals inklusive Immobilien und Anlagen bis Ende 2026 an. Erste Interessenten für den Betrieb im Burgenland haben sich laut Zauner bereits gemeldet.

An der Börse wurde die Nachricht über den harten Sparkurs und die Schrumpfungsstrategie mit einer Mischung aus Erleichterung über das Ende der Unsicherheit und Skepsis hinsichtlich der langfristigen Wachstumsaussichten aufgenommen. Die Aktie konnte sich gestern deutlich von ihren vorherigen Verlusten erholen und schloss am Donnerstag bei 23,15 Euro. Damit verbuchte das Papier ein Plus von 4,51 Prozent an einem einzigen Handelstag. Trotz dieser kurzfristigen Erholung notiert der Wert mit einem Abstand von 19,33 Prozent zum 52-Wochen-Tief weiterhin auf einem historisch vergleichsweise niedrigen Niveau. Analysten und Anleger warten nun darauf, ob die Radikalkur die gewünschte Stabilisierung der Ertragslage einleitet.