Der erste Handelstag des zweiten Halbjahres 2026 steht ganz im Zeichen einer zentralen Frage: Wie lange hält die fragile Entspannung im Nahen Osten noch — und was bedeutet das für Inflation, Zinsen und Konjunktur? Die Antwort darauf bewegt gleichzeitig Anleihemärkte, Währungen und Aktienbörsen von Tokio bis New York.
Friedensdiplomatie als Markttreiber
Das Herzstück des aktuellen Marktgeschehens ist kein Konjunkturbericht, sondern ein Verhandlungsraum in Katar. US-amerikanische und iranische Delegationen treffen sich dort getrennt mit Vermittlern aus Katar und Pakistan — ein vorsichtiges Abtasten, keine direkte Diplomatie. Auslöser sind neue Zusammenstöße in der Straße von Hormus, die zuletzt wieder für Nervosität gesorgt haben.
Die Straße von Hormus ist das Nadelöhr des globalen Ölhandels. Als Iran sie im Frühjahr effektiv blockierte, schoss der Brent-Preis zeitweise auf über 110 Dollar je Barrel. Heute notiert er wieder bei rund 72 Dollar — nahezu auf dem Niveau vor Kriegsausbruch. Dieser Rückfall ist kein Zufall: Das im Juni unterzeichnete Rahmenabkommen zwischen Washington und Teheran hat die Märkte beruhigt, auch wenn grundlegende Streitpunkte ungelöst bleiben. Iran besteht darauf, die Kontrolle über die Meerenge zu behalten; die USA pochen auf freie Durchfahrt.
Deutsche Bank-Analysten beschreiben die Stimmung im Weißen Haus als „taubenhafte Haltung“ — Präsident Trump zeige sich zögerlich, wieder zu militärischen Optionen zu greifen, auch mit Blick auf die Midterms im November. Die 60-Tage-Frist für die Verhandlungen dürfte er verlängern.
Inflation fällt, EZB atmet auf
Die fallenden Ölpreise wirken sich direkt auf die Inflationsdaten aus — und die kamen am Mittwoch besser als erwartet. Die Teuerungsrate im Euroraum sank im Juni auf 2,8 Prozent, nach 3,2 Prozent im Mai. Ökonomen hatten lediglich 3,0 Prozent erwartet. Noch bedeutsamer: Die Kerninflation, die volatile Energie- und Lebensmittelpreise herausfiltert, fiel auf 2,4 Prozent. Die Dienstleistungsinflation, die die EZB besonders im Blick hat, gab von 3,5 auf 3,2 Prozent nach.
Das schafft Spielraum. EZB-Policymaker hatten bereits vor der Veröffentlichung angedeutet, dass nach der Zinserhöhung vom Juni keine Eile für einen weiteren Schritt im Juli bestehe. Die Bank entscheidet am 23. Juli — die Zahlen dürften die Pause-Fraktion stärken.
Ganz aus der Welt sind die Inflationssorgen allerdings nicht. Energiepreise liegen weiter über dem Vorniveau, ein Hitzesommer in Europa könnte die Ernte belasten, und die Versorgung mit Düngemitteln aus dem Nahen Osten bleibt unsicher. Die meisten Ökonomen rechnen daher mit einer Zinserhöhung im September oder Oktober.
Europas Industrie: fragile Erholung
Das Inflationsbild spiegelt sich in den Unternehmensumfragen wider. Der Einkaufsmanagerindex für die Euroraum-Industrie fiel im Juni leicht auf 51,4 Punkte — bleibt aber zum fünften Mal in Folge über der Wachstumsschwelle von 50. Bemerkenswert: Das zweite Quartal war das stärkste für die europäische Fertigung seit Anfang 2022. Kostendruck hat nachgelassen, Lieferkettenstörungen sind rückläufig.
Deutschland, die größte Volkswirtschaft des Blocks, bewegt sich mit einem PMI von 50,3 auf dünnem Eis. Das Wachstum ist marginal, Neuaufträge haben sich gerade eben stabilisiert, und der Stellenabbau hält bereits seit drei Jahren an. Firmen nennen als Lichtblick einerseits steigende Rüstungsausgaben, andererseits Hoffnungen auf ein Kriegsende im Nahen Osten. Noch dominiert aber Zurückhaltung.
Positiver das Bild in Großbritannien: Der britische Fertigungs-PMI fiel zwar von 53,9 auf 52,5 Punkte, markiert aber dennoch den achten Expansionsmonat in Folge. Die Produktion erreicht den höchsten Stand seit September 2024, angetrieben von strategischen Lageraufbauten der Kunden. Gleichzeitig drücken hohe Inputkosten und Lieferengpässe auf die Margen.
Devisenmärkte: Yen unter Druck
Während Europa verdaut, zieht der Dollar kräftig an. Der Yen fiel auf ein 40-Jahres-Tief von 162,84 zum Dollar — ein Niveau, das Japans Behörden bereits vor einigen Wochen zu Interventionen veranlasste. Marktbeobachter von Wells Fargo sehen Japan erneut „nah an einem möglichen Eingriff“. Tokio könnte den US-Feiertag am Freitag für eine solche Maßnahme nutzen, wenn die Marktliquidität dünn ist.
Die Triebfeder: US-Staatsanleiherenditen ziehen an. Die zehnjährige Treasury-Rendite kletterte auf 4,465 Prozent, befeuert von starken Stellenangebotsdata aus Mai. Händler preisen mittlerweile eine 67-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Fed-Zinserhöhung im September ein — vor einem Monat waren es noch 20 Prozent.
Fed-Chef Warsh im Blickpunkt
Alle Augen richten sich auf Kevin Warsh, den neuen Fed-Vorsitzenden, der beim EZB-Forum im portugiesischen Sintra spricht. Warsh gilt als skeptisch gegenüber klassischer Forward Guidance — er hat angedeutet, er wolle dem Markt weniger explizite Zinssignale geben als sein Vorgänger Powell. Ob er trotzdem Hinweise auf den Inflationsausblick liefert, bleibt abzuwarten. Die sinkenden Energiepreise seit dem Vorläufig-Abkommen mit Iran könnten ihm etwas Spielraum verschaffen.
Europäische Aktien und Einzelwerte
Der paneuropäische STOXX 600 trat nach seiner stärksten Quartalsperformance seit Oktober 2020 zunächst auf der Stelle und gab leicht nach. Technologieaktien, zuvor Kurstreiber, zeigten sich schwächer. ASML verlor rund ein Prozent. Schneider Electric büßte über zwei Prozent ein, nachdem der Konzern eine 3,1-Milliarden-Dollar-Übernahme des KI-Softwareanbieters Cognite angekündigt hatte.
Primark-Mutter Associated British Foods warnte, der Nahost-Konflikt belaste weiter das europäische Ergebnis. Ein klarer Beleg dafür, dass die geopolitische Unsicherheit trotz sinkender Ölpreise in den Unternehmenszahlen sichtbar bleibt.
Gegenbewegung beim schwedischen Rüstungskonzern Saab: Ein Vertrag über 16 Gripen-E-Kampfflugzeuge für die Ukraine im Wert von umgerechnet rund 2,2 Milliarden Euro trieb die Aktie um fast zwei Prozent nach oben.
Ausblick: Viele offene Fragen
Der Rest der Woche dürfte kaum ruhiger werden. Die privaten US-Lohndaten und vor allem der Arbeitsmarktbericht am Donnerstag werden zeigen, ob die Fed-Wetten begründet sind. Warsh‘ Kommentare in Sintra könnten den Ton für den Sommer setzen. Und die Verhandlungen in Katar — ob sie Fortschritte bringen oder erneut ins Stocken geraten — werden über Ölpreis und Inflationspfad mitentscheiden.
Das zweite Halbjahr 2026 beginnt mit mehr Unsicherheit als Klarheit.
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