Die Finanzmärkte zeigen sich in einer bemerkenswerten Verfassung: Trotz neuer Zollankündigungen von US-Präsident Donald Trump erreichen asiatische Aktien Rekordstände, während Gold und Silber nahe historischer Höchstwerte verharren. Die unerwartete Widerstandsfähigkeit der Börsen wirft Fragen über die tatsächliche Wirkung der Handelspolitik auf – und offenbart eine Anlegerstrategie, die Analysten als „TACO“ bezeichnen: Trump Always Chickens Out.
Südkorea im Fadenkreuz – Märkte reagieren gelassen
Am Montagabend verkündete Trump eine Erhöhung der Zölle auf südkoreanische Importe von 15 auf 25 Prozent. Betroffen sind Automobilexporte, Holzprodukte und Pharmazeutika. Der Vorwurf: Seoul komme seinen Verpflichtungen aus dem im Juli vereinbarten Handelsabkommen nicht nach. Die Reaktion der Börse Seoul überraschte jedoch selbst erfahrene Marktteilnehmer. Nach anfänglichen Verlusten von über einem Prozent drehte der KOSPI ins Plus und legte um mehr als zwei Prozent zu – ein neues Allzeithoch.
„Investoren nutzen den Dip zum Einstieg in Asiens besten Markt des Jahres 2025″, erklärt ein Marktstratege die unerwartete Wendung. Die Erwartung, dass Südkoreas Industrieminister Kim Jung-kwan bereits am Freitag nach Washington reisen könnte, nährt Hoffnungen auf eine baldige Deeskalation. Diese Dynamik spiegelt ein wiederkehrendes Muster: Anleger setzen darauf, dass Trump letztlich zurückrudert – eine Strategie mit Risiken, aber bislang erstaunlich erfolgreich.
Precious Metals profitieren von Unsicherheit
Während Aktien steigen, erleben Edelmetalle einen beispiellosen Höhenflug. Gold kletterte um ein Prozent auf 5.066 Dollar je Unze und notiert damit nur knapp unter dem Rekordhoch von 5.110 Dollar. Noch dramatischer entwickelt sich Silber: Mit einem Sprung von sechs Prozent auf 110,60 Dollar nähert sich das Edelmetall seinem am Montag erreichten Allzeithoch von 117,70 Dollar.
„Die hektische Natur der Unsicherheit, gepaart mit einem schwächeren Dollar, sind die Haupttreiber dieser jüngsten Rally“, analysiert Christopher Louney, Rohstoffstratege bei RBC Capital Markets. Seine Prognose klingt geradezu euphorisch: Basierend auf der Performance von 2025 könnte Gold bis Jahresende auf bis zu 7.100 Dollar steigen. Historische Vergleiche deuten darauf hin, dass die aktuelle Rallye bis September oder Dezember anhalten könnte.
Auch Platin profitiert von der Flucht in sichere Häfen und gewann 2,7 Prozent auf 2.656 Dollar je Unze. Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten, verstärkt durch die Ankunft US-amerikanischer Schiffe in der Region, sowie Trumps angedrohtes faktisches Handelsembargo gegen Kanada befeuern die Nachfrage nach Edelmetallen zusätzlich.
Tech-Earnings als Marktmotor
Der Optimismus an den Börsen speist sich vor allem aus den anstehenden Quartalszahlen der Tech-Giganten. Ab Mittwoch präsentieren Meta, Microsoft und Tesla ihre Ergebnisse – ein entscheidender Test für die Nachhaltigkeit der KI-getriebenen Marktrallye. Die Erwartungen sind hoch: Nasdaq-Futures legten um 0,5 Prozent zu, der MSCI-Index für asiatisch-pazifische Aktien außerhalb Japans erreichte ein neues Rekordhoch.
„Die Begeisterung über die ereignisreichste Earnings-Woche der Saison lässt Investoren ihre Tech-Exposures erhöhen, bevor vier der Magnificent Seven ihre Zahlen vorlegen“, erklärt Jose Torres, Senior-Ökonom bei Interactive Brokers. Die fundamentale Frage dahinter: Rechtfertigt die tatsächliche Performance der Unternehmen die hohen Bewertungen, oder hat sich der Markt zu weit von der Realität entfernt?
Dollar unter Druck – Yen im Aufwind
Der US-Dollar gerät in den ersten Wochen des Jahres 2026 zunehmend unter Druck. Eine wachsende Bandbreite von Faktoren – Washingtons Wunsch nach einer schwächeren Währung und Trumps unberechenbare Politik – zwingt Investoren zum Umdenken ihrer optimistischen Annahmen über die Stabilität des Greenback.
Besonders dramatisch fiel der Rückgang gegenüber dem japanischen Yen aus: Nach Gerüchten über „Rate Checks“ der New York Fed und Spekulationen über eine gemeinsame Intervention Washingtons und Tokios verlor der Dollar in nur zwei Handelstagen 2,6 Prozent. Mit 154,55 Yen notiert die US-Währung deutlich unter der 160er-Marke, die als rote Linie japanischer Behörden gilt.
Gegen einen Korb von sechs Hauptwährungen verharrt der Dollar bei 97,12 – nahe einem viereinhalbjährigen Tief von 96,8. Am Anleihenmarkt stieg die Rendite zehnjähriger Treasuries leicht um zwei Basispunkte auf 4,2292 Prozent, nachdem sie zuvor vier Sitzungen in Folge gefallen war.
Fed-Sitzung im Schatten der Powell-Affäre
Die am Mittwoch anstehende Zinsentscheidung der Federal Reserve dürfte zur Nebensache werden. Überschattet wird das Treffen von der strafrechtlichen Untersuchung gegen Fed-Chef Jerome Powell durch das Justizministerium – ein beispielloser Vorgang in der Geschichte der Notenbank. Powell könnte in seiner Pressekonferenz andeuten, dass er nach Ablauf seiner Amtszeit als Chair im Mai als Gouverneur im Fed-Board bleiben wird – ein Szenario, das Trump zusätzlich provozieren dürfte.
Online-Wettmärkte sehen mittlerweile eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass BlackRocks Anleihen-Chef Rick Rieder Powells Nachfolger wird. Rieder gilt als Befürworter niedrigerer Zinsen – ganz im Sinne Trumps. An den Märkten wird mit einer unveränderten Zinspolitik gerechnet, doch die langfristigen Erwartungen verschieben sich angesichts des schwächeren Dollars und der politischen Unsicherheit.
Geopolitische Neuordnung beschleunigt sich
Während Trump die globalen Handelsbeziehungen aufmischt, suchen andere Nationen alternative Wege. Am Dienstag unterzeichneten Indien und die Europäische Union ein Freihandelsabkommen, das 25 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts und ein Drittel des internationalen Handels umfasst. Das bilaterale Handelsvolumen zwischen Neu-Delhi und Brüssel belief sich im Fiskaljahr bis März 2025 auf 136,5 Milliarden Dollar.
Diese Entwicklung verdeutlicht einen strategischen Shift: Die Unsicherheit über US-Handelspolitik treibt andere Wirtschaftsräume zusammen. Parallel arbeiten Japan und die USA unter hohem Zeitdruck an einem 550-Milliarden-Dollar-Investitionspaket. Zu den ersten konkreten Projekten zählt der Bau einer Anlage für synthetische Diamanten in den USA – unter Beteiligung von Element Six, einem Unternehmen der De Beers Group. Ziel ist der Aufbau einer amerikanisch-japanischen Lieferkette für das strategisch wichtige Material, das insbesondere in der Halbleiterfertigung unverzichtbar ist.
Inflationsdruck in Japan steigt
Aus Tokio kommen Signale, die weitere Zinserhöhungen der Bank of Japan rechtfertigen könnten. Der Preisindex für Dienstleistungen im Produzentenbereich stieg im Dezember um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr – ein Beleg für anhaltende Lohnsteigerungen und steigenden Kostendruck durch den schwachen Yen. Besonders arbeitsintensive Branchen wie Hotels und Baugewerbe verzeichneten deutliche Preisanstiege.
„Arbeitskräftemangel wird sich voraussichtlich weiter verschärfen und Unternehmen dazu veranlassen, Lohnkosten weiterzugeben“, prognostiziert Koya Miyamae, Senior-Ökonom bei SMBC Nikko Securities. Die Kerninflation liegt seit fast vier Jahren über dem Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank. Swap-Märkte preisen mittlerweile eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung auf 1,0 Prozent bis April ein.
Shutdown-Gefahr belastet Washington
Im Hintergrund der Marktbewegungen schwelt in den USA eine innenpolitische Krise. Nach einem tödlichen Zwischenfall in Minneapolis – einem 37-Jährigen, der von einem Grenzschutzbeamten erschossen wurde – fordern Demokraten neue Beschränkungen für das Heimatschutzministerium. Die Republikaner benötigen jedoch Stimmen der Demokraten, um einen erneuten Government Shutdown zu vermeiden.
Trump versucht zu deeskalieren und führte ein als „sehr gut“ bezeichnetes Telefonat mit Minnesotas Gouverneur Tim Walz. Bis zum 31. Januar muss ein Finanzierungspaket unterzeichnet sein. „Ob ein Kompromiss erreicht werden kann, bleibt abzuwarten, aber Investoren sind zumindest momentan nicht übermäßig besorgt“, kommentieren Analysten von Vital Knowledge.
Rohstoffmärkte zeigen gemischtes Bild
Während Edelmetalle glänzen, gaben Ölpreise leicht nach. Brent-Crude fiel um 0,7 Prozent auf 65,13 Dollar je Barrel, WTI verlor 0,6 Prozent auf 60,25 Dollar. Die Verluste blieben jedoch begrenzt, da ein schwerer Wintersturm in den USA die Infrastruktur belastete und schätzungsweise bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag oder etwa 15 Prozent der nationalen Produktion ausfiel.
Die Märkte navigieren durch ein Umfeld maximaler Unsicherheit – und zeigen dabei eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit, die auf die Überzeugung baut, dass letztlich wirtschaftliche Vernunft über politische Drohgebärden siegen wird.


