Marktchaos durch Trump-Drohungen

Drohende US-Zölle gegen Europa und Japans expansive Haushaltspolitik verunsichern die Finanzmärkte. Anleger flüchten in Sicherheitswerte wie Gold und Platinum.

Marktchaos durch Trump-Drohungen
Kurz & knapp:
  • S&P 500 stürzt nach Trump-Zolldrohungen ab
  • Gold erreicht neues Allzeithoch bei 4.887 Dollar
  • Japans Staatsanleihen-Renditen schießen in die Höhe
  • Dollar verzeichnet stärksten Tagesverlust seit Wochen

Die Finanzmärkte erleben einen Tag des Ausverkaufs: Während US-Präsident Donald Trump in Davos seine handelspolitische Agenda bekräftigt, flüchten Anleger aus amerikanischen Aktien, Anleihen und dem Dollar. Die Drohung mit Zöllen gegen Europa wegen Grönland löst die größte Tagesverlust-Welle seit drei Monaten aus – und erinnert an den „Sell America“-Trend vom vergangenen April.

Der S&P 500 stürzte um 2,1 Prozent ab, während die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihen gefährlich nahe an die psychologisch wichtige Marke von fünf Prozent heranrückt. Gleichzeitig verlor der Dollar-Index 0,53 Prozent – der stärkste Tagesrückgang seit sechs Wochen. „Globale Investoren nehmen diese Drohungen ernst“, warnt Jack Ablin von Cresset Capital. Anders als nach den Zollankündigungen im April würden diesmal viele Anleger zögern, in den Ausverkauf hinein zu kaufen.

Gold glänzt in der Krise

Inmitten der Turbulenzen flüchten Investoren in klassische Sicherheitshäfen. Gold durchbrach erstmals die Marke von 4.800 Dollar je Unze und kletterte bis auf ein Rekordhoch von 4.887 Dollar. Die Rallye des Edelmetalls spiegelt die Nervosität wider, die Trump mit seiner Forderung nach US-Kontrolle über Grönland ausgelöst hat – eine Forderung, die der französische Präsident Emmanuel Macron in Davos als „Erpressung“ bezeichnete.

Die Drohung, acht europäische Länder mit zehn Prozent Sonderzöllen zu belegen und diese im Juni auf 25 Prozent anzuheben, versetzt die Märkte in Alarmbereitschaft. Tony Sycamore von IG Australia spricht von „Ängsten vor anhaltender Unsicherheit, angespannten Allianzen und einem Vertrauensverlust in die US-Führung“. Auch Platinum profitiert vom Sicherheitsbedürfnis und überschritt erstmals 2.500 Dollar.

Wall Street unter Druck

Der Nasdaq Composite fiel auf den tiefsten Stand seit einem Monat, während auch die Renditen von Staatsanleihen auf mehrmonatige Höchststände schossen. Die Anleger fragen sich: Wird Trump diesmal wirklich ernst machen oder nach seinem bekannten Muster zurückrudern? „TACO“ – „Trump Always Chickens Out“ – nennt die Wall Street das Phänomen, dass der Präsident oft nach dramatischen Drohungen wieder einlenkt.

„Ich denke definitiv, dass Händler besorgt sind, voll auf eine Abwärtsbewegung zu setzen, wegen des Potenzials für ein TACO“, erklärt Tom Graff von Facet. Doch die Hoffnung auf Deeskalation während Trumps Davos-Rede reichte zunächst nur für eine zaghafte Erholung: US-Futures legten am Mittwochmorgen lediglich 0,3 Prozent zu.

Das Problem: Die fundamentale Story der US-Wirtschaft bleibt stark, mit erwarteten Gewinnsteigerungen von 15,5 Prozent für 2026 bei den S&P-500-Unternehmen. Doch wenn ausländische Investoren ihre US-Positionen reduzieren, könnte die Angebots-Nachfrage-Dynamik kippen. „Das könnte die Renditen dämpfen“, warnt Anne Walsh von Guggenheim Partners am Rande des Weltwirtschaftsforums.

Japans Schuldenkrise verschärft sich

Parallel erschüttert eine zweite Krise die globalen Anleihemärkte: Die Rendite 40-jähriger japanischer Staatsanleihen explodierte um 27,5 Basispunkte auf ein Rekordhoch von 4,215 Prozent – eine Bewegung, die Erinnerungen an den „Truss-Schock“ von 2022 weckt, als die britische Premierministerin mit unfinanzierten Steuersenkungen die Märkte in Panik versetzte.

Premierministerin Sanae Takaichi hat für den 8. Februar Neuwahlen angesetzt und verspricht eine radikale Abkehr von der bisherigen Haushaltsdisziplin. Ihr „lange gehegter Traum“: die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel für zwei Jahre auszusetzen – ein Tabu, das selbst ihr Mentor Shinzo Abe nicht zu brechen wagte. Die Kosten: rund fünf Billionen Yen jährlich, etwa so viel wie der gesamte Bildungshaushalt.

„Die jüngsten Renditeanstiege sind ein Zeichen, dass die Märkte das Vertrauen in Japans Staatsfinanzen verlieren“, warnt eine mit Takaichiʼs Wirtschaftspolitik vertraute Quelle. Mit einer Schuldenquote von über 230 Prozent des BIP – die höchste aller entwickelten Volkswirtschaften – kann sich Japan steigende Finanzierungskosten kaum leisten. Fast ein Viertel des Haushalts fließt bereits in den Schuldendienst.

Yen unter Doppeldruck

Der Yen gerät zwischen alle Fronten: Einerseits schwächt ihn die Sorge vor ausufernden Staatsausgaben, andererseits profitiert er nicht vom Dollar-Ausverkauf. Die japanische Währung fiel auf ein Rekordtief von 200,19 pro Schweizer Franken und notiert nahe historischen Tiefstständen von 185,50 pro Euro.

Die Bank of Japan steht vor einem Dilemma: Eine Zinserhöhung bei der Sitzung am Freitag gilt als unwahrscheinlich, obwohl sowohl der schwache Yen als auch die politische Unsicherheit Inflationsrisiken bergen. Die Zentralbank besitzt inzwischen die Hälfte aller am Markt gehandelten japanischen Staatsanleihen – ein gewaltiger Puffer, der aber durch die geplante Reduzierung der Anleihekäufe schrumpft.

Takaichiʼs Gegner warnen bereits vor den Folgen. Yuichiro Tamaki, Chef der einflussreichen Demokratischen Partei für das Volk und ehemaliger Finanzministeriums-Bürokrat, schlägt vor, Japan könne Anleihen zurückkaufen oder die Emission reduzieren. Doch solche Maßnahmen würden nur begrenzt wirken, solange Politiker um die großzügigsten Wahlversprechen wetteifern.

Trump blockiert Wall-Street-Immobilienkäufe

In einer überraschenden Kehrtwende unterzeichnete Trump am Dienstagabend eine Anordnung, die Wall-Street-Investoren vom Kauf von Einfamilienhäusern ausschließen soll. Die Maßnahme zielt darauf ab, Wohneigentum für amerikanische Familien erschwinglicher zu machen – ein Versuch, vor den anstehenden Zwischenwahlen Wählerstimmen zu gewinnen.

Das Finanzministerium und Trumps Wirtschaftsberater haben 60 Tage Zeit, die Vorgabe umzusetzen. Betroffen wären Investmentfirmen wie Blackstone und American Homes 4 Rent, die seit der Finanzkrise 2008 Tausende Eigenheime aufgekauft haben. „Große institutionelle Investoren sollten keine Einfamilienhäuser kaufen, die sonst von Familien erworben werden könnten“, heißt es in der Order.

Indien lockert Fiskalzügel

Während Japan und die USA die Märkte mit Haushaltsplänen beunruhigen, steuert Indien einen vorsichtigeren Kurs. Ab April 2026 wechselt die Regierung vom Defizitziel zur Schuldenquote als Steuerungsgröße – eine Verschiebung, die mehr Spielraum für wachstumsfördernde Ausgaben schafft.

Ökonomen erwarten für das Haushaltsjahr 2026/27 ein Defizit zwischen 4,2 und 4,3 Prozent des BIP bei einer angestrebten Schuldenquote von 55 Prozent. Die Bruttokreditaufnahme dürfte auf ein Rekordniveau von 16 bis 17,5 Billionen Rupien steigen – allerdings bei gleichzeitig wachsendem Bruttoinlandsprodukt. „Das Wachstum der Kreditaufnahme läge immer noch unter dem nominalen BIP-Wachstum und wäre damit handhabbar“, beruhigt HSBC.

Marktausblick bleibt angespannt

Die entscheidende Frage lautet: Wie lange hält die Nervosität an? Während europäische Börsen sich auf eine verhaltene Eröffnung vorbereiten und der Euro Stoxx 50 leicht nachgibt, klammern sich Anleger an die Hoffnung auf versöhnliche Töne aus Davos. Doch selbst wenn Trump zurückrudert – das Vertrauen in amerikanische Assets hat Risse bekommen.

„Solange die Regierungskoalition nicht konkret zeigt, wie sie Ausgabenpläne finanzieren will, bleiben die Märkte instabil“, warnt Naoya Hasegawa von Okasan Securities mit Blick auf Japan. Ähnliche Sorgen treffen nun auch die USA: Bei Bewertungen nahe Perfektion sind die Märkte anfällig für negative Überraschungen.

Matthew Miskin von Manulife John Hancock fasst die Stimmung zusammen: „Dies ist eine Zeit, in der man über Absicherungen nachdenken oder defensive Optionen erwägen sollte, falls ein weiteres geopolitisches Ereignis die Schlagzeilen beherrscht.“

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Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.