Liebe Leserinnen und Leser,
52 Prozent in einer Woche – das ist keine Krypto-Spekulation, sondern der Kurssprung einer US-Gesundheitsaktie, die noch vor wenigen Monaten kaum jemand auf dem Radar hatte. Gleichzeitig plant einer der wertvollsten Tech-Konzerne der Welt offenbar, Tausende Stellen zu streichen – ausgerechnet um KI-Investitionen zu finanzieren. Und im Hintergrund läuft die eigentliche Geschichte dieser Woche: Der Iran-Krieg verschiebt sich in eine neue Phase, und die Auswirkungen reichen weit über Öl hinaus. Diese Ausgabe zeigt, welche Sektoren gerade unter Strom stehen – und wo sich für aufmerksame Anleger unerwartete Zusammenhänge auftun.
Der Hormuz-Effekt: Wenn ein Schiff-Stau die Welt ernährt
Die erste Schockwelle ist durch. Was jetzt kommt, ist komplizierter.
Analysten von BCA Research beschreiben die Marktdynamik des Iran-Krieges in drei Phasen – und die zweite hat begonnen. Die sogenannte „Ripple Effects“-Phase bedeutet: Der initiale Ölpreisanstieg war erst der Auftakt. Jetzt greifen die Störungen tiefer ins System ein. Tanker meiden die Straße von Hormuz, Lagerkapazitäten füllen sich, und Golfproduzenten könnten bald gezwungen sein, die Förderung zu drosseln. Was als Logistikproblem begann, droht zu einem echten Angebotsschock zu werden.
Für deutsche Anleger ist dabei ein Nebeneffekt besonders relevant: Höhere Energie- und Gaspreise treiben die Düngemittelproduktion in die Höhe. Stickstoffdünger wird aus Erdgas hergestellt – und genau deshalb explodierten diese Woche die Aktien von CF Industries (+16,9 %), Mosaic (+13 %) und Nutrien (+10 %). Das ist kein Zufall, sondern Physik: Energie wird teurer, Dünger wird teurer, Lebensmittelpreise folgen. Wer also nach dem nächsten inflationären Dominostein sucht, sollte den Blick auf Agrarrohstoffe richten.
Hinzu kommt: Japan und Südkorea haben heute offiziell Alarm geschlagen. Ihre Währungen – Yen und Won – stürzen ab, weil der Dollar als sicherer Hafen gefragt ist. Der Yen nähert sich der 160er-Marke, die in der Vergangenheit Interventionen ausgelöst hat. Was das für den Euro bedeutet? Vorerst wenig Direktes – aber ein stärkerer Dollar macht Rohstoffimporte für die gesamte Welt teurer.
Hims & Hers: Wie ein Streit mit Novo Nordisk zur Kursrakete wurde
Manchmal braucht eine Aktie nur eine Nachricht, um alles umzudrehen.
Hims & Hers, eine US-amerikanische Telemedizin-Plattform mit hohem Short-Interesse, schoss diese Woche um über 52 Prozent nach oben. Der Auslöser: eine neue Partnerschaft mit Novo Nordisk, durch die die Plattform künftig Ozempic und Wegovy direkt verkaufen darf. Das klingt nach einer Randnotiz – ist es aber nicht. Hims & Hers hatte bislang mit Novo Nordisk im Clinch gelegen, weil die Plattform günstigere Kompoundierungen der Abnehmspritze angeboten hatte. Die Einigung beendet diesen Konflikt und öffnet einen der heißesten Märkte der Pharmabranche für das Unternehmen.
Für Anleger, die Novo Nordisk im Depot haben – und das dürften nach den vergangenen Jahren viele sein –, ist das ein interessantes Signal. Der dänische Pharmariese wählt offenbar den Weg der Kooperation statt der Konfrontation, um seine GLP-1-Medikamente breiter zu vertreiben. Ob das die Margen langfristig unter Druck setzt oder neue Umsatzkanäle erschließt, bleibt abzuwarten.
Meta plant den nächsten Schnitt – und das Muster dahinter ist beunruhigend
Mark Zuckerberg hat ein Effizienz-Problem. Genauer gesagt: Er hat ein Effizienz-Programm.
Laut Reuters plant Meta offenbar einen massiven Stellenabbau, der bis zu 20 Prozent der rund 79.000 Beschäftigten treffen könnte. Das wäre die größte Entlassungsrunde seit dem „Jahr der Effizienz“ 2022/23, als über 21.000 Jobs gestrichen wurden. Die offizielle Begründung klingt vertraut: KI steigert die Produktivität, kleinere Teams können mehr leisten. Ein Meta-Sprecher bezeichnete die Berichte als „Spekulationen über theoretische Vorgehensweisen“ – was in der Unternehmenskommunikation oft bedeutet, dass die Pläne zwar existieren, aber noch nicht spruchreif sind.
Was dahintersteckt, ist ein struktureller Widerspruch: Meta kündigt gleichzeitig an, bis 2028 satte 600 Milliarden Dollar in Rechenzentren zu investieren, kauft KI-Startups für Milliarden und wirbt Spitzenforscher mit Hunderte-Millionen-Dollar-Paketen ab. Das Geld muss irgendwo herkommen – und Personalkosten sind der schnellste Hebel. Amazon hat es im Januar vorgemacht (16.000 Stellen, knapp 10 Prozent der Belegschaft), Block hat die halbe Belegschaft entlassen. CEO Jack Dorsey war dabei besonders direkt: KI-Tools ermöglichen es, mit weniger Menschen mehr zu erreichen.
Das ist kein isoliertes Phänomen. Es ist ein Branchentrend, der sich gerade beschleunigt.
Software-Aktien: Disruption von innen
Goldman Sachs hat diese Woche einen Bericht veröffentlicht, der in der Branche für Gesprächsstoff sorgt. Der Kern: Agentic AI – also KI-Systeme, die selbstständig Code schreiben und Software entwickeln – bedroht die Geschäftsmodelle etablierter Softwareunternehmen von innen heraus.
Das klingt dramatischer als es kurzfristig ist. Analysten betonen, dass große Softwarefirmen sogenannte „Moats“ besitzen – tiefe Verwurzelung in Unternehmensabläufen, riesige Datensätze und jahrelange Kundenbeziehungen. Diese Gräben kaufen Zeit. Aber Goldman-Analystin Gabriela Borges formuliert es präzise: Die Etablierten innovieren als „Fast Follower“ – sie integrieren KI in bestehende Plattformen, statt von Startups überrollt zu werden. Oracle lieferte diese Woche ein Beispiel dafür: Die Quartalszahlen übertrafen die Erwartungen, der Kurs schoss zunächst um 9,2 Prozent hoch. Analyst Siti Panigrahi von Mizuho sieht darin die Bestätigung, dass Oracles Cloud-Kapazitätsausbau greift.
Für Anleger bleibt die Botschaft von Goldman klar: Selektion ist alles. Wer in Software investiert, sollte genau prüfen, welche Unternehmen KI monetarisieren – und welche nur darüber reden.
Anzeige: Die Frage, welche Unternehmen den KI- und Chip-Boom wirklich monetarisieren, beschäftigt auch Börsenexperte Bernd Wünsche – und er hat dabei einen konkreten Kandidaten aus dem Halbleitersektor identifiziert. In seiner Analyse zum Chip-Krieg zwischen USA und China stellt er ein Unternehmen vor, das er als zentralen Profiteur der nächsten KI-Infrastrukturwelle sieht: einen Halbleiter-Konzern mit über 40 Milliarden Dollar Jahresumsatz, der bislang kaum im Fokus der breiten Anlegermasse steht. Bernd Wünsches Chip-Analyse: Der potenzielle KI-Profiteur 2026
Finanzwerte unter Druck: Private Credit als neues Sorgenkind
Ein Thema, das diese Woche etwas unterging, aber Aufmerksamkeit verdient: Finanzwerte gerieten am Donnerstag unter Druck – darunter Deutsche Bank, JPMorgan, Morgan Stanley und Goldman Sachs. Der Auslöser war Sorge um Ansteckungseffekte aus dem Private-Credit-Markt.
Private-Credit-Fonds – also nicht börsennotierte Kreditfonds – haben in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Jetzt beginnen einige Investoren, aus diesen Fonds auszusteigen, was Banken, die als Zwischenhändler agieren, exponierter macht. Für Goldman Sachs-Analysten ist ein systemischer Kreditausfall-Zyklus derzeit noch unwahrscheinlich – aber die Warnung ist ernst zu nehmen. Wer Bankaktien im Portfolio hat, sollte diesen Bereich im Auge behalten.
Ausblick: Was die nächste Woche bringt
Drei Termine sollten deutsche Anleger im Kalender haben. Am 18. März legt Micron Technology seine Quartalszahlen vor – ein wichtiger Indikator für den Halbleitermarkt und damit für die gesamte KI-Infrastruktur-Kette. Am 20. März folgt Xpeng, der chinesische E-Auto-Hersteller, dessen Zahlen Aufschluss über den Wettbewerb mit Tesla und NIO geben.
Das eigentliche Leitmotiv dieser Woche lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Der Hormuz-Effekt ist kein Öl-Problem mehr – er ist ein Systemproblem, das Energie, Dünger, Währungen und Unternehmensstrategien gleichzeitig unter Druck setzt. Wer das versteht, liest die nächsten Wochen mit anderen Augen.
Bis nächste Woche,
Andreas Sommer


