Micron steckt heute mit -2,1 Prozent im roten Bereich, bei 809,00 Euro, nach einem gestrigen Schlusskurs von 826,00 Euro. Auf den ersten Blick sieht das nach Ermüdung aus. Für mich ist es eher eine überfällige Verschnaufpause nach einem Anstieg von 694 Prozent binnen zwölf Monaten – und genau diese Diskrepanz zwischen kurzfristiger Nervosität und langfristiger Story ist der Kern der aktuellen Debatte um die Aktie.

Die Nachfrage ist real, das Problem liegt woanders

Dass der Speichermangel kein reines HBM-Phänomen mehr ist, sondern auf DRAM und NAND übergreift, halte ich für die wichtigste Nachricht der vergangenen Tage. Seeking Alpha stützt seine Buy-Einschätzung genau darauf: AI-Server-Nachfrage von Dell und HPE sowie generelle Angebotsknappheit sollen die Gewinne mindestens bis 2028 stützen, im Basisszenario mit einem EPS von 215 Dollar und einem fairen Wert von 1.500 Dollar.

Auch die Aussagen von Apple, Tesla, Amazon und Nvidia, die laut Motley Fool alle vor Speicherknappheit warnen, lesen sich wie ein Frühindikator für steigende Preise – Amazon hebt seinen Capex bereits auf 220 Milliarden Dollar an, Nvidia sichert sich Speicherkapazität für 279 Milliarden Dollar bis 2032. Für mich spricht das dafür, dass Micron nicht auf einen kurzfristigen Nachfrageschub reagiert, sondern auf eine strukturelle Verknappung, die noch Jahre trägt.

Gleichzeitig zeigt der Q3-Bericht, wie real diese Dynamik bereits in den Zahlen ankommt: 41,46 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 345 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einer Bruttomarge von 84,6 Prozent.

Ein Rückgang um 27 Prozent vom 52-Wochen-Hoch bei 1.103,80 Euro wirkt angesichts solcher Zahlen für mich eher wie eine Bewertungskorrektur als wie ein Zweifel am Geschäftsmodell.

Der wunde Punkt: Marktanteile und Konkurrenzdruck

Trotzdem wäre es fahrlässig, die Kehrseite zu ignorieren. Im HBM-Markt ist Microns Anteil im zweiten Quartal 2026 von 21 auf 18 Prozent gefallen, während Samsung seinen Anteil auf 33 Prozent verdoppelte.

Auch im klassischen DRAM-Geschäft schrumpft Micron von einer ursprünglich stärkeren Position auf 24 Prozent, während der chinesische Anbieter CXMT erstmals die Marke von 10 Prozent globaler DRAM-Umsätze überschreitet – zwei Jahre früher als erwartet, mit einem Wachstum von 716 Prozent im Jahresvergleich. Das ist kein Nebengeräusch. Es zeigt, dass der Speichermangel den Kuchen zwar vergrößert, Micron aber nicht automatisch den größten Anteil davon bekommt.

Bezeichnend finde ich auch, dass David Teppers Appaloosa Management seine Micron-Position in Q2 2026 um mehr als 40 Prozent reduziert und stattdessen Taiwan Semiconductor aufgestockt hat – bei gleichzeitigen Insider-Verkäufen von 182 Millionen Dollar binnen drei Monaten bei Micron selbst.

Wenn selbst Investoren, die kurzfristig noch an die Speicherstory glauben, ihr Engagement zurückfahren, ist das für mich ein Signal, die Euphorie nicht blind zu übernehmen.

Politische Risiken kommen hinzu

Zusätzlich lastet auf der Aktie die Ankündigung von US-Handelsminister Lutnick, Chipherstellern ohne US-Produktion Zölle von bis zu 100 Prozent anzudrohen.

Micron hat mit einer geplanten US-Investition von 250 Milliarden Dollar bis 2035 zwar vorgesorgt, doch die Unsicherheit über die konkrete Ausgestaltung bleibt. Hinzu kommt ein Lohnkonflikt in Taiwan, wo rund 10.000 Beschäftigte 83 Monatsgehälter fordern – ein Streik ist nicht ausgeschlossen und würde die ohnehin knappen Lieferketten zusätzlich belasten.

Mein Fazit

Unterm Strich sehe ich Micron als Unternehmen, das von einer der stärksten strukturellen Nachfragewellen der Halbleiterbranche profitiert, ohne dabei die Konkurrenz auf Distanz zu halten.

Die Bewertung mit einem KGV von rund 21,65x bei einem historischen Median von 20,72x wirkt für mich angesichts des Wachstumstempos nicht übertrieben, aber auch nicht mehr günstig. Wer an die Speicherknappheit als mehrjähriges Phänomen glaubt, findet in den Fundamentaldaten gute Argumente.

Wer aber die schrumpfenden Marktanteile im HBM- und DRAM-Geschäft sowie die politischen Risiken in Taiwan und den USA ernst nimmt, hat ebenfalls gute Gründe, vorsichtiger zu bleiben. Für mich überwiegen die strukturellen Rückenwinde – aber die Aktie hat, anders als noch vor wenigen Monaten, inzwischen mehr zu beweisen als nur „Nachfrage ist da“.