Liebe Leserinnen und Leser,
drei Schlagzeilen, drei Welten, eine gemeinsame Frage: Wer gewinnt, wenn die alten Gewinner straucheln? Microsoft kassiert ein seltenes Downgrade, während der Dow Jones erstmals die 50.000er-Marke durchbricht. Mercedes-Chef Ola Källenius warnt vor wirtschaftlichem Niedergang und politischem Rechtsruck in Deutschland. Und an der Wall Street vollzieht sich eine bemerkenswerte Rotation: Weg von überteuerten Tech-Giganten, hin zu günstigen Nebenwerten und Old-Economy-Titeln. Was nach chaotischem Durcheinander aussieht, folgt einer klaren Logik – und die hat weitreichende Konsequenzen für Ihr Portfolio.
Microsoft: Wenn selbst die Stärksten zweifeln lassen
Stifel hat diese Woche getan, was an der Wall Street selten vorkommt: Die Analysten stuften Microsoft von „Kaufen“ auf „Halten“ herunter und senkten das Kursziel drastisch von 540 auf 392 Dollar. Die Begründung liest sich wie eine Abrechnung mit überzogenen Erwartungen: Die Prognosen für 2027 seien „zu optimistisch“, Azure kämpfe mit anhaltenden Kapazitätsengpässen, und die Konkurrenz durch Google Cloud und Anthropic verschärfe sich dramatisch.
Besonders pikant: Stifel hebt die Investitionsschätzung für das Geschäftsjahr 2027 auf rund 200 Milliarden Dollar an – etwa 40 Prozent mehr als bisher und deutlich über den Markterwartungen von 160 Milliarden. Diese massiven Ausgaben werden die Profitabilität belasten. Die Analysten senken ihre Bruttomarge-Prognose von 67 auf 63 Prozent. „Microsoft tritt in eine neue, wenn auch effiziente Ausgabenphase ein“, heißt es – ein höflicher Ausdruck für: Die Zeiten müheloser Margen sind vorbei.
Das Timing könnte kaum schlechter sein. Während Microsoft kämpft, beschleunigt Google Cloud auf 48 Prozent Wachstum, Azure kommt nur auf 39 Prozent – und das bei künstlicher Kapazitätsbeschränkung. Microsoft fehlt ein eigenes Frontier-AI-Labor wie Google es hat, und die Partnerschaft mit OpenAI bindet Ressourcen, ohne exklusiv zu sein. Stifel sieht die Aktie erst dann wieder steigen, wenn entweder die Investitionsausgaben im Verhältnis zum Azure-Wachstum sinken oder das Cloud-Geschäft deutlich beschleunigt. Beides erscheint kurzfristig unwahrscheinlich.
Mercedes-Chef schlägt Alarm: „Dann kommen die Populisten“
Während die Tech-Welt ihre Milliarden-Budgets jongliert, kämpft die deutsche Industrie mit fundamentaleren Problemen. Ola Källenius, Chef von Mercedes-Benz, findet im „Spiegel“ drastische Worte: „Deutschland entwickelt sich wirtschaftlich seit etwa 10 bis 15 Jahren in eine falsche Richtung. Wenn man das nicht dreht, dann kommen die Populisten von rechts, die für nichts eine Lösung haben.“
Der Schwede an der Spitze des Stuttgarter Traditionskonzerns sieht die Ursache in mangelnder Leistungsbereitschaft: „Es ist, als ob man vor einer Fußball-WM sagt, wir trainieren genug, obwohl alle anderen doppelt so viel trainieren.“ Deutschland habe die höchsten Arbeitskosten der Welt, was jahrelang durch Produktivitätssteigerungen kompensiert werden konnte. Doch das reiche nicht mehr.
Källenius‘ Forderung ist klar: „Wir müssen bei Energie, Steuern und Arbeitskosten wieder in eine Richtung gehen, dass sich Unternehmertum und Investitionen in Deutschland lohnen. Sonst fließt das Kapital woandershin.“ Bei der Teilzeit zeigt er sich differenziert – sie sei bei Kindererziehung oder Pflege „ein wunderbares Instrument“, aber insgesamt müssten die Deutschen wieder mehr arbeiten, sonst gerate „unsere einzigartige Produktivitätsmaschine noch stärker ins Stocken“.
Die europäische Industriepolitik kritisiert er scharf: „Wir müssen weg von Verpflichtungen und Strafen und hin zu marktbasierten Anreizen sowie massiven Investitionen in die Infrastruktur. Egal, ob es um Chemie, Stahl oder Autos geht – wir machen überall die gleichen methodischen Fehler.“ Für deutsche Anleger ist das mehr als CEO-Rhetorik: Wenn selbst die Chefs der Vorzeigeunternehmen so deutlich warnen, sollte man die strukturellen Risiken im heimischen Markt nicht ignorieren.
Die große Rotation: Wenn Dow und Russell die Tech-Giganten abhängen
Während Microsoft und die Software-Branche unter Druck stehen, erlebt der breite Markt eine bemerkenswerte Wende. Der Dow Jones durchbrach am Freitag erstmals die 50.000-Punkte-Marke – angeführt von Halbleiteraktien und Industriewerten. Gleichzeitig verlor die Software-Branche binnen einer Woche eine Billion Dollar an Marktwert.
Die Rotation ist eindeutig: Der Russell 2000, der Index für kleinere Unternehmen, schoss am Freitag um 3,5 Prozent nach oben und übertraf damit S&P 500 (plus 1,78 Prozent) und Nasdaq 100 (plus knapp 2 Prozent) deutlich. Seit Tech-Aktien Ende Oktober ihren Höhepunkt erreichten und seitdem 9 Prozent verloren, legten die meisten anderen Sektoren zu – vier davon sogar zweistellig.
„Die Rotation ist das beherrschende Thema dieses Jahres“, sagt Angelo Kourkafas von Edward Jones. „Wir sehen, wie Old-Economy-Sektoren und Aktien wirklich Zuneigung erfahren. Gleichzeitig scheint die Erwartungshaltung an Tech so hoch, dass Anleger bei jedem Quartalsbericht natürlich geneigt sind, Gewinne mitzunehmen.“
Das Problem für den S&P 500: Tech macht immer noch etwa ein Drittel des Index aus. Solange dieser Sektor schwächelt, wird es für den Gesamtindex schwer, deutlich zu steigen – selbst wenn andere Bereiche boomen. Deutsche Bank-Analyst Jim Reid warnt: „Ein Markt kann eine längere Rotation mit großen Sektorgewinnern ohne offensichtlichen Index-Stress für einige Zeit verkraften. Je länger und tiefer jedoch der Ausverkauf in einem dominanten Sektor wird, desto schwerer kann es für den breiteren Index werden, dem Sog zu widerstehen.“
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Software-Crash und KI-Zweifel: Die Billion-Dollar-Frage
Der Software-Sektor hat in etwas über einer Woche 15 Prozent verloren – ein dramatischer Einbruch, der die Frage aufwirft: Sind die KI-Erwartungen zu hoch gegriffen? Die Ängste konzentrieren sich auf zwei Aspekte: Erstens könnten die Hyperscaler wie Amazon, Microsoft und Alphabet durch ihre massiven KI-Investitionen die Margen der Software-Anbieter unter Druck setzen. Zweitens droht KI selbst, etablierte Geschäftsmodelle zu kannibalisieren.
„Früher hieß es ‚KI hebt alle Boote'“, erklärt Matthew Miskin von Manulife John Hancock Investments. „Jetzt gibt es Sorgen, dass diese massive Beschleunigung im Tech-Bereich dazu führen könnte, dass andere Unternehmen nicht mehr die Wachstumsraten sehen, die sie zuvor hatten.“ Amazon verlor massiv, nachdem das Unternehmen 200 Milliarden Dollar KI-Investitionen ankündigte – Anleger fragen sich, wie diese Summe jemals Rendite abwerfen soll.
Auch Amazon kassierte diese Woche ein Downgrade: DA Davidson stufte die Aktie auf „Neutral“ herunter, weil AWS „die Führung verliert“. Während AWS nur 24 Prozent wuchs, beschleunigte Google Cloud auf 48 Prozent und Azure auf 39 Prozent. Der Analyst Gil Luria sieht Amazon ohne eigenes Frontier-AI-Labor und ohne exklusive OpenAI-Partnerschaft im Nachteil. Zudem drohe dem Retail-Geschäft Gefahr durch ein „neues, chat-gesteuertes Internet, das von Gemini und ChatGPT dominiert wird“.
Die Erholung am Freitag ändert wenig am Gesamtbild. Der iShares Expanded Technology Software ETF gewann zwar 3,5 Prozent zurück, beendete die Woche aber dennoch 9,1 Prozent im Minus. Trader warnen vor zu viel Optimismus: „Die Menschen werden künftig starke Zweifel und Fragen haben“, sagt Thierry Wizman von Macquarie. Diese drehen sich um die Profitabilität der Hyperscaler-Investitionen und das Ausmaß der Schäden, die KI bei etablierten Geschäftsmodellen anrichten könnte.
Fed im Spagat: Wenn Wachstum und Jobs auseinanderdriften
Hinter den Marktbewegungen steht auch die Unsicherheit über die Fed-Politik. Deutsche Bank-Analysten haben eine beunruhigende Beobachtung gemacht: Die normalerweise starke Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Beschäftigung ist seit der Pandemie zusammengebrochen. Von 2002 bis 2019 lag die Korrelation bei 84 Prozent – heute ist sie praktisch verschwunden.
„Selbst während das Wirtschaftswachstum stark blieb und generell solide war, blieben die Einstellungstrends schwach“, schreiben die Analysten um Matthew Luzzetti. Das hatte massive Auswirkungen: Die Fed senkte 2025 mehrfach die Zinsen, um den schwächelnden Arbeitsmarkt zu stützen – obwohl das Wachstum robust blieb und die Inflation über dem 2-Prozent-Ziel lag.
Für die kommenden Monate zeichnen sich zwei Szenarien ab: Entweder konvergieren Beschäftigung und Wachstum wieder nach oben – dann wird die Fed die Zinsen hoch halten, bis die Inflation klar Richtung 2 Prozent sinkt. Oder das Wachstum schwächt sich in Richtung der schwachen Beschäftigungszahlen ab – dann könnte die Fed erneut senken, um den Arbeitsmarkt zu stützen. Das erste Szenario würde Republikaner vor den Midterms im November begünstigen, das zweite die Demokraten.
Die Märkte preisen derzeit etwa zwei weitere Zinssenkungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte bis Dezember ein – mit der nächsten wahrscheinlich im Juni. Dann könnte bereits Kevin Warsh, Trumps Fed-Nominierter, das Ruder übernommen haben. Die am Mittwoch anstehenden Arbeitsmarktdaten für Januar (Konsens: plus 70.000 Jobs) und der Verbraucherpreisindex am Freitag werden zeigen, in welche Richtung die Reise geht.
Was das für Sie bedeutet
Die Märkte befinden sich in einer Phase der Neubewertung – und das ist mehr als nur kurzfristige Volatilität. Die Rotation von überteuerten Tech-Werten zu günstigeren Nebenwerten und Industrietiteln folgt einer nachvollziehbaren Logik: Nach Jahren, in denen fast nur Mega-Cap-Tech funktionierte, suchen Anleger nach Alternativen mit attraktiveren Bewertungen.
Für deutsche Anleger heißt das: Diversifikation wird wieder belohnt. Wer ausschließlich auf die „Magnificent Seven“ gesetzt hat, erlebt gerade schmerzhafte Korrekturen. Gleichzeitig bieten Energie, Basiskonsumgüter und Industriewerte – Sektoren, die jahrelang hinterherhinkten – plötzlich wieder Chancen. Der Dow bei 50.000 ist kein Zufall, sondern Ausdruck dieser Verschiebung.
Källenius‘ Warnung sollte man ernst nehmen: Die strukturellen Probleme Deutschlands und Europas – hohe Energiekosten, regulatorische Überfrachtung, mangelnde Investitionsanreize – werden nicht verschwinden. Das macht internationale Diversifikation umso wichtiger, schafft aber auch Chancen bei europäischen Unternehmen, die trotz widriger Bedingungen profitabel bleiben.
In der kommenden Woche stehen mit den US-Arbeitsmarktdaten und Inflationszahlen zwei Schlüsselindikatoren an, die die Fed-Erwartungen neu kalibrieren könnten. Zudem läuft die Berichtssaison aus – mit Ergebnissen von Coca-Cola, Cisco und McDonald’s. Die Frage ist nicht mehr, ob KI die Zukunft verändert, sondern wer dabei gewinnt und verliert. Die Antworten darauf werden die Märkte noch Monate beschäftigen.
Einen erfolgreichen Start in die Woche wünscht Ihnen
Andreas Sommer


