Der Nahe Osten brennt – und die Finanzmärkte spüren es überall. Neue Militärschläge zwischen den USA und Iran eskalieren einen Konflikt, der längst zum bestimmenden Faktor für Devisen, Energiepreise und Konjunktur geworden ist. Vom Tokioter Devisenmarkt bis zu den Einkaufsmanagerindizes in London und Berlin zieht sich eine einzige Kausalkette.
Yen am Abgrund: Tokio warnt laut
Die 160-Yen-Marke ist zur psychologischen Schallmauer geworden. Am Mittwoch fiel der Yen erstmals seit dem 30. April wieder auf dieses Niveau – und löste damit sofortigen Handlungsdruck in Tokio aus. Premierministerin Sanae Takaichi warnte, spekulative Geschäfte ohne realwirtschaftlichen Hintergrund hätten erheblichen Einfluss auf den Devisenmarkt. Finanzministerin Satsuki Katayama äußerte sich ähnlich.
Der Kontext: Japan hatte Ende April und Anfang Mai insgesamt 11,7 Billionen Yen – rund 73 Milliarden Dollar – in einer beispiellosen Interventionsrunde aufgewendet, um die Landeswährung zu stützen. Alle diese Kursgewinne sind nun aufgezehrt. Bart Wakabayashi von State Street in Tokio fasst die Lage treffend zusammen: „Sie haben die Zahl 160 im Bewusstsein der Marktteilnehmer in Neonschrift verankert.“
Brent Donnelly von Spectra Markets sieht die Interventionswahrscheinlichkeit deutlich steigen, sobald sich der Kurs der Marke von 162 nähert. Bislang hat das Finanzministerium Fragen nach einer möglichen stillen Intervention nicht kommentiert. Chris Scicluna von Daiwa Capital Markets hält einen sogenannten „Rate Check“ – bei dem Behörden Kurse abfragen, um ihre Bereitschaft zur Intervention zu signalisieren – für möglich.
BOJ unter Druck: Zinserhöhung im Juni?
Warum ist der Yen so schwach? Der strukturelle Grund liegt in der Zinsdifferenz. Während andere Zentralbanken die Leitzinsen angehoben haben, agiert die Bank of Japan deutlich vorsichtiger. BOJ-Chef Kazuo Ueda erklärte am Mittwoch jedoch, die Zentralbank müsse Vor- und Nachteile einer Zinserhöhung abwägen, wenn Inflationsrisiken die Konjunkturrisiken überwiegen.
„Japan befindet sich derzeit in einer Situation, in der sekundäre Spillover-Effekte der Inflation aus höheren Rohölpreisen eher zu einer Überschreitung der Kerninflation führen dürften“, sagte Ueda. Seine Rede gilt als wichtiger Fingerzeig für die Sitzung am 15. und 16. Juni. Der Markt reagierte prompt: Der Dollar-Yen-Kurs fiel nach Uedas Aussagen auf sein Tagstief.
Gleichzeitig bleibt ein politischer Spannungsbogen bestehen. Takaichis Regierung gilt als fiskalisch expansiv – ihre Haltung zur geldpolitischen Straffung ist damit inhärent ambivalent. Finanzministerin Katayama versicherte zwar, sie sei mit Ueda in wesentlichen Punkten einig. Doch vollständige Klarheit herrscht nicht.
Öl als Transmissionsriemen des Krieges
Japan importiert den Großteil seines Öls und zahlt in Dollar – ein doppelter Nachteil, wenn der Ölpreis steigt und der Yen gleichzeitig fällt. Genau das geschieht gerade. Gustav Helgesson von SEB bringt es auf den Punkt: „Der Terms-of-Trade-Schock ist der entscheidende Treiber für den Yen.“ Und er ergänzt: Würde die Straße von Hormus wieder geöffnet, würde der Abwärtsdruck auf die japanische Währung nachlassen.
Die Straße von Hormus bleibt jedoch effektiv blockiert. Tehran beschuldigt die USA nach neuen Angriffen der Verletzung eines Waffenstillstands und internationalen Rechts. CENTCOM bestätigte Schläge auf die Insel Qeshm sowie die erfolgreiche Abwehr iranischer Raketen- und Drohnenangriffe auf Kuwait und Bahrain. Der Konflikt dreht sich weiter.
Diese Eskalation trifft Europa ebenfalls hart – nur mit anderem Vorzeichen.
Europas Dilemma: Inflation trifft Wachstumsschwäche
In der Eurozone beschleunigt sich die Inflation auf 3,2 Prozent – weit über dem EZB-Ziel von 2 Prozent. Senior-Ökonomen der EZB argumentieren in einem Blogbeitrag, die aktuellen Inflationsrisiken seien durchaus mit denen von 2022 vergleichbar, wenn nicht sogar ausgeprägter. Zwar seien Gasnachfrage und Haushaltsnachfrage heute schwächer, doch der globale Charakter des Schocks erhöhe das Risiko nichtlinearer Verstärkereffekte entlang globaler Lieferketten.
Eine kleine Zinserhöhung der EZB noch im Juni gilt als nahezu sicher. An aggressivere Schritte glaubt der Markt vorerst noch nicht – die Frage ist, wie lange das so bleibt.
In Großbritannien ist die Situation noch angespannter. Der Dienstleistungs-PMI fiel im Mai auf 49,3 Punkte nach 52,7 im April – die erste Schrumpfung seit über einem Jahr. Gleichzeitig berichten mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen über gestiegene Einstandskosten, vor allem durch Energie, Transport und Löhne. Unternehmen erhöhen ihre Preise mit der zweithöchsten Rate seit drei Jahren. Die Bank of England dürfte trotzdem zunächst stillhalten: Märkte preisen eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit ein, dass der Leitzins bei 3,75 Prozent bleibt.
Deutschland zeigt ein ähnliches Muster. Der Dienstleistungs-PMI stieg zwar leicht auf 48,1 von 46,9, bleibt aber zum zweiten Monat in Folge unter der Wachstumsschwelle von 50. Phil Smith von S&P Global spricht von einer Kaufkrafterosion durch hohe Energiepreise – und betont zugleich, dass der leichte Stimmungsanstieg Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Konflikts widerspiegeln könnte.
Was bleibt offen?
Die entscheidende Variable bleibt die geopolitische. Solange die Straße von Hormus blockiert ist, bleibt der Ölpreis hoch, der Dollar stark und der Yen schwach. Für Japan bedeutet das: weiterer Druck auf Währung und Kaufkraft. Für Europa: Inflation auf erhöhtem Niveau bei gleichzeitig abkühlender Konjunktur – eine Kombination, die keine einfachen geldpolitischen Antworten erlaubt.
Die Notenbanken weltweit befinden sich in derselben Zwickmühle. Bis Freitag dürften die US-Arbeitsmarktdaten neue Hinweise liefern – und möglicherweise auch den Dollar weiter antreiben.


