Der Nahe Osten brennt – und die Weltwirtschaft zittert. Sechs Wochen nach Kriegsbeginn verdichtet sich das Bild: Was als regionaler Konflikt startete, entwickelt sich zur schwersten globalen Energiekrise seit den 1970ern. Die Straße von Hormus ist praktisch blockiert, Kuwaitische Ölanlagen stehen in Flammen, und Analysten warnen vor einem nicht-linearen Absturz des Wachstums.
Die Straße von Hormus: Schlagader der Weltwirtschaft
Der Öldurchfluss durch die Straße von Hormus ist von rund 20 Millionen Barrel täglich auf unter 2 Millionen eingebrochen. 90 Prozent des normalen Verkehrsaufkommens – einfach weg. Die Bank of America hat daraufhin ihren Brent-Rohöl-Jahresdurchschnitt auf 92,50 Dollar je Barrel angehoben und rechnet im zweiten Quartal mit einem Angebotsdefizit von 4 Millionen Barrel pro Tag.
Noch hält die Welt den Atem an, weil Notfallreserven und noch auf See befindliche Tanker die Versorgungslücke überbrücken. Doch BofA-Analysten warnen: Diese Puffer sind endlich. Hält die Störung weitere zwei bis vier Wochen an, könnte der globale Ölmarkt schlicht an seine Kapazitätsgrenzen stoßen – mit erzwungener Verbrauchsrationierung als Konsequenz.
Vom Öl auf See zum Angriff auf Land
Irans Strategie hat sich verschoben. Nach wochenlangen Angriffen auf Küstenraffinerien traf ein iranischer Drohnenangriff am Sonntagmorgen das Hauptquartier der Kuwait Petroleum Corporation (KPC) in Kuwait City – Sitz des kuwaitischen Ölministeriums. Das Gebäude wurde evakuiert. Gleichzeitig griffen iranische Drohnen zwei Strom- und Entsalzungsanlagen des Landes an.
Teheran veröffentlichte kurz zuvor über die staatliche Nachrichtenagentur Fars eine aktualisierte Zielliste, die neben Öl- und Chemieanlagen nun explizit Strom-, Wasser- und Dampfanlagen umfasst. Marktanalysten beobachten mit besonderer Besorgnis, dass Kuwaits Petrochemical Industries Company (PIC) – ein wichtiger Düngemittel- und Polymerhersteller – ebenfalls auf dieser Liste steht. Der Angriff auf Verwaltungszentren trifft die operative Handlungsfähigkeit der Golfstaaten an ihrer empfindlichsten Stelle: Wer die Führungsebene ausschaltet, lähmt auch die Koordination von Notfallreparaturen.
Gleichzeitig führten US-amerikanische und israelische Streitkräfte in den zurückliegenden 24 Stunden rund 272 Angriffe auf 14 iranische Provinzen durch, mit Schwerpunkten auf Teheran, Chuzestan und Isfahan. Petrochemische Komplexe, Militärbasen und Luftwaffenstützpunkte standen im Fokus.
Washingtons Dominanz-Rhetorik und die Realität
Präsident Trump sprach von „totaler Dominanz“ und stellte Teheran ein 48-Stunden-Ultimatum zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus. Die Realität ist komplizierter. Iranische Streitkräfte schossen in den vergangenen Tagen zwei amerikanische Militärflugzeuge ab. Am Ostersonntag verkündete Trump zwar die dramatische Rettung eines zweiten abgestürzten US-Kolonels aus den iranischen Bergen – doch der Vorfall selbst illustriert, wie weit der Krieg davon entfernt ist, gewonnen zu sein.
Militäranalysten differenzieren zwischen „Luftüberlegenheit“ in bestimmten Zonen und echter „Lufthoheit“ über dem gesamten Konfliktgebiet. General Dan Caine beschrieb die Herstellung von Luftkontrolle intern als „schrittweisen Prozess“. Irans dezentrale, niedrig fliegende Luftabwehrsysteme erweisen sich als hartnäckiger Gegner – anders als frühere US-Operationen in Afghanistan oder Jemen.
Die Eurasia Group warnt, dass Teheran die Kontrolle über die Straße von Hormus nicht mehr als Verhandlungsmasse betrachtet, sondern als strategischen Gewinn, den es zu verteidigen gilt.
NATO-Risse und das Ende der alten Weltordnung
Der Krieg stellt auch die westliche Sicherheitsarchitektur auf eine harte Probe. Trump soll laut Wall Street Journal intern „Abscheu“ über europäische Verbündete geäußert haben, die sich weigern, an den Militäroperationen teilzunehmen. Spanien und Italien untersagten US-Bombern den Zugang zu NATO-Stützpunkten wie Sigonella und Rota.
Das ist mehr als diplomatisches Zerwürfnis. Experten warnen, dass die NATO ihre Abschreckungswirkung verliert, sobald der US-Präsident deren Beistandspflicht öffentlich in Frage stellt – unabhängig vom rechtlichen Status des Vertrags. Ein faktischer Rückzug der USA würde Europa zu einem massiven Aufrüstungsprogramm zwingen und Kapital aus Sozialausgaben und Infrastruktur abziehen.
Rezessionsrisiko: Nicht mehr nur ein Wort
BCA Research warnt in seinem Quartalsausblick unter dem Titel „The R Word Being Whispered“ vor einem Paradigmenwechsel: Die Märkte hätten bislang Inflation als primäres Problem betrachtet. Bald werde das Wachstum dominieren. Sollte die Energiestörung bis Mitte April anhalten, rechnen die Analysten mit einem raschen und aggressiven Umschwung hin zur Rezessionserwartung.
Großbritannien liefert ein Warnsignal. Die Deutsche Bank hat ihre BIP-Wachstumsprognose für das Vereinigte Königreich auf 0,35 bis 0,7 Prozent gesenkt. Die Kombination aus stagnierendem Arbeitsmarkt, sinkenden Realeinkommen und dem fünften großen Versorgungsschock in zehn Jahren mache das Land besonders anfällig. Das Muster – hohe Energiekosten bei zugleich schwachem Lohnwachstum – ist stagflationär und trifft Konsumenten wie Unternehmen gleichzeitig.
Saudi-Arabiens Nicht-Öl-Sektor sendete am Wochenende ein weiteres Alarmsignal: Der Riyad-Bank-Einkaufsmanagerindex fiel im März auf 48,8 – erstmals seit der Covid-Hochphase 2020 unter die Wachstumsschwelle von 50. Exportaufträge brachen so stark ein wie seit fast sechs Jahren nicht.
Informationskontrolle als Kriegswerkzeug
Planet Labs, ein führender Anbieter kommerzieller Satellitenbilder, hat auf Anfrage der US-Regierung alle Aufnahmen aus dem Nahen Osten ab dem 9. März zurückgehalten. Die Maßnahme soll verhindern, dass gegnerische Akteure kommerzielle Bilddaten zur Zielerfassung nutzen. Auch Vantor (ehemals Maxar Technologies) hat eigene Zugangsbeschränkungen eingeführt.
Für Anleger bedeutet das: Unabhängige Informationen über Infrastrukturschäden, Truppenverschiebungen oder den Zustand der Energieanlagen werden knapper. Die Unsicherheit über das tatsächliche Ausmaß der Zerstörungen im Golf dürfte die Risikoprämien vorerst hoch halten.
BCA empfiehlt, kein zusätzliches Risiko in Portfolios aufzunehmen. Die Empfehlung klingt nüchtern – der Kontext dahinter nicht.


