Die Eskalation im Nahen Osten versetzt die Weltwirtschaft in Alarmbereitschaft. Nach den jüngsten militärischen Angriffen der USA und Israels auf den Iran schießen die Ölpreise in die Höhe, während Zentralbanken und Regierungen fieberhaft an Notfallplänen arbeiten. Die Folgen der Krise reichen von den Devisenmärkten über die Geldpolitik bis hin zu den Aktienbörsen – und könnten die ohnehin fragile wirtschaftliche Erholung gefährden.
Sichere Häfen im Fokus: Schweizer Franken und Gold gefragt
Der Schweizer Franken erlebt seinen dramatischsten Anstieg seit über einem Jahrzehnt. Der Euro fiel am Montag auf 0,9037 Franken – der tiefste Stand seit dem berüchtigten „Franc Shock“ von Januar 2015. Angesichts dieser Entwicklung sah sich die Schweizerische Nationalbank zu einer seltenen verbalen Intervention gezwungen. „Unsere Bereitschaft, am Devisenmarkt zu intervenieren, hat zugenommen“, erklärte die SNB in einer Stellungnahme und signalisierte damit ihre Absicht, die Aufwertung des Frankens einzudämmen.
Eine zu starke Währung könnte die Inflation ins Negative drücken und Schweizer Exporteure empfindlich treffen. Die letzte vergleichbare Ankündigung der SNB erfolgte 2016 nach dem Brexit-Votum. Analysten erwarten zwar Deviseninterventionen durch die Zentralbank, gehen aber nicht davon aus, dass die SNB eine bestimmte Kursschwelle verteidigen wird. „Sie wollen dem Bewegung etwas Tempo herausnehmen, aber werden beispielsweise nicht die 0,90-Marke verteidigen“, erklärt UBS-Ökonom Alessandro Bee. Der Grund: Die starken Zuflüsse in den Franken könnten sich sehr schnell wieder umkehren.
Auch Gold profitiert massiv von der Flucht in sichere Anlagen. Der Goldpreis kletterte am Montag um rund zwei Prozent, während US-Staatsanleihen gefragt waren und die Rendite zehnjähriger Treasuries kurzzeitig auf ein Elfmonatstief fiel.
Japans Dilemma: Stagflation und geldpolitische Gratwanderung
Besonders hart trifft die Krise Japan, das über 90 Prozent seines Rohöls aus dem Nahen Osten bezieht. Die Ölpreise schnellten am Montag um bis zu 13 Prozent nach oben – ein Schock für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Japanische Reedereien stellten den Betrieb rund um die strategisch wichtige Straße von Hormus ein, nachdem die US-israelischen Luftschläge begannen.
Premierministerin Sanae Takaichi ordnete bereits am Wochenende Schätzungen über die wirtschaftlichen Auswirkungen an. Während Japan über Ölreserven für drei Monate verfügt, droht ein längerer Konflikt den ohnehin schwachen Konsum weiter zu belasten. Morgan Stanley MUFG Securities rechnet damit, dass ein Anstieg der Ölpreise um zehn Prozent das reale Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozentpunkte drücken würde. Das Nomura Research Institute geht bei anhaltenden Störungen sogar von einem Rückgang um 0,18 Prozentpunkte und einem Inflationsanstieg um 0,31 Prozentpunkte aus.
„Ein starker Anstieg der Ölpreise würde kurzfristige Stagflationsrisiken darstellen“, warnt Takeshi Yamaguchi, Chef-Ökonom bei Morgan Stanley MUFG Securities. Die Bank of Japan steht damit vor einem Dilemma: Einerseits will sie die Zinsen weiter erhöhen, andererseits könnten sich die wirtschaftlichen Abwärtsrisiken verschärfen. Eine für April erwartete Zinserhöhung gilt nun als zunehmend unwahrscheinlich. Der Yen schwächte sich bereits um 0,6 Prozent auf 156,95 je Dollar ab und nähert sich damit der psychologisch wichtigen Marke von 160 – was die Importkosten weiter in die Höhe treiben würde.
Wall Street unter Druck: Tech-Sektor besonders verwundbar
An der Wall Street herrscht Katerstimmung. Die US-Aktien-Futures rutschten am Montag um mehr als ein Prozent ab, der Nasdaq 100 verlor sogar 1,86 Prozent. Die Geopolitik trifft auf eine bereits angeschlagene Marktlage: Der Februar war für die Börsen ein Monat mit schwachen Nerven. Unsicherheiten über KI-bedingte Kosten, Zollsorgen und geopolitische Spannungen hielten die Risikobereitschaft in Schach. Der S&P 500 und die Nasdaq verzeichneten ihre stärksten Monatsverluste seit März 2025.
US-Präsident Donald Trump deutete laut Medienberichten an, dass sich der Konflikt noch vier Wochen hinziehen könnte. Diese Perspektive belastet die Märkte zusätzlich, zumal in dieser Woche wichtige Wirtschaftsdaten anstehen: Einzelhandelszahlen für Januar, ADP-Beschäftigungszahlen und der mit Spannung erwartete Arbeitsmarktbericht. Ein anhaltender Anstieg der Ölpreise würde das Risiko wieder steigender Inflation erhöhen – ausgerechnet jetzt, wo die US-Notenbank Fed signalisiert hat, Zinssenkungen vorerst vom Tisch zu nehmen.
Der Technologiesektor, der bereits unter KI-bedingten Bewertungssorgen leidet, steht besonders unter Druck. Selbst der Chipriese Nvidia konnte mit seinem jüngsten Quartalsbericht die Anleger nicht beruhigen – die Aktie verlor über fünf Prozent.
Rohstoffabhängige Volkswirtschaften auf Bewährung
Die Krise offenbart auch strukturelle Schwächen in anderen Regionen. Kasachstan meldete für Februar den zweiten Monat in Folge eine Schrumpfung der Industrieproduktion. Der Einkaufsmanagerindex fiel auf 48,1 von 49,8 im Januar – deutlich unter der Wachstumsschwelle von 50. Die Produktion ging so stark zurück wie seit Oktober nicht mehr, getrieben von fehlender Nachfrage. Unternehmen schickten Mitarbeiter in unbezahlten Urlaub.
Noch dramatischer ist die Lage in Rumänien, wo der verarbeitende Sektor den stärksten Rückgang seit Beginn der Datenerhebung im Juli 2023 verzeichnete. Der PMI stürzte auf 45,3 ab. Hersteller beklagen gedämpfte Nachfrage aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheit und knapper Kundenbudgets. Gleichzeitig beschleunigte sich die Inputpreisinflation auf ein Fünfmonatshoch, angetrieben von höheren Treibstoff-, Energie- und Rohstoffkosten – ein klares Warnsignal für stagflationäre Tendenzen.
China sucht nach neuen Wachstumstreibern
Während die Weltwirtschaft mit der Nahostkrise ringt, bereitet sich China auf seinen jährlichen Volkskongress vor. Ab Donnerstag will die Führung in Peking ihre Prioritäten für die kommenden fünf Jahre darlegen – mit besonderem Fokus auf Künstliche Intelligenz, Robotik und die Halbleiterindustrie. Die Veranstaltung findet nur Wochen vor einem geplanten Treffen zwischen Präsident Xi Jinping und Donald Trump statt, bei dem Technologiekontrollen und Lieferketten im Mittelpunkt stehen dürften.
Der chinesische KI-Entwickler DeepSeek, dessen viraler Modellstart im vergangenen Jahr einen globalen Tech-Ausverkauf auslöste, soll in den kommenden Tagen eine neue Generation vorstellen. „Der Schock ist vorbei“, sagt Alfredo Montufar-Helu von Ankura Consulting in Peking. „Jetzt gibt es eine Erwartung, was China als Nächstes bringen kann.“
Doch die Umsetzung bleibt herausfordernd. Eine Gerichtsentscheidung von September 2025, die es illegal machte, Sozialversicherungszahlungen zu umgehen, sollte Ressourcen von Produzenten zu Verbrauchern umverteilen und die binnenorientierte Nachfrage stärken. Die Realität sieht anders aus: Viele Unternehmen zahlen weiterhin nur auf einen Bruchteil der Gehälter ein oder strukturieren Vergütungen um. „China ist zu groß“, begründet ein Fabrikmanager aus Shenzhen die laxe Durchsetzung.
Das Dilemma verdeutlicht Chinas grundsätzliches Problem: Kann die Regierung kurzfristige Schmerzen für langfristige Gewinne akzeptieren? „Die Antwort scheint in diesem Fall nein zu sein“, urteilt Nick Marro vom Economist Intelligence Unit. „Das könnte aufschlussreich sein, wenn man über andere schwierige marktorientierte Reformen nachdenkt.“
Was kommt als Nächstes?
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Weltwirtschaft den Schock aus dem Nahen Osten abfedern kann. Zentralbanken stehen vor schwierigen Abwägungen zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsunterstützung. Die Märkte dürften volatil bleiben, zumal die Unsicherheit über die Dauer des Konflikts anhält. Klar ist: Die Krise trifft eine Weltwirtschaft, die sich noch nicht vollständig von früheren Schocks erholt hat – und nun erneut ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis stellen muss.


