Der Irankrieg hat die Finanzmärkte in einen Ausnahmezustand versetzt – und ein Ende bleibt ungewiss. Während Waffenstillstandshoffnungen die Kurse stützen, zeigen Öl, Inflation und Zentralbankpolitik, wie tief der Konflikt die globale Wirtschaft bereits verwundet hat.
Zwischen Hoffnung und Hochspannung
An den US-Börsen herrscht vorsichtiger Optimismus. S&P 500 und Nasdaq markierten zuletzt Rekordhochs, getragen von Trumps Ankündigung, ein Ende des Krieges stehe bevor. Ein zehntägiger Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon gibt den Märkten zusätzlichen Rückenwind. US-Futures zeigen sich am Freitag kaum verändert – Anleger warten ab, ob das angekündigte Wochenend-Gespräch zwischen Washington und Teheran Substanz hat.
Doch Öl erzählt eine andere Geschichte. Brent-Rohöl notiert zwar unter 100 Dollar pro Barrel – liegt damit aber noch immer rund 33 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Der Grund: Die Straße von Hormus bleibt faktisch blockiert. Durch diesen schmalen Meerenge fließen normalerweise rund 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung. ING-Analysten schätzen, dass täglich etwa 13 Millionen Barrel Rohöl durch die Schließung des Seewegs ausfallen. „Die Kontrolle über die Straße bleibt der zentrale Brennpunkt“, warnen Analysten der OCBC – und rechnen damit, dass Verhandlungen bis zu sechs Monate dauern könnten.
Zentralbanken im Inflations-Dilemma
Der Energiepreisschock stellt Währungshüter weltweit vor ein klassisches Stagflationsdilemma: steigende Preise bei gleichzeitig nachlassendem Wachstum. Der IWF erwartet, dass die Europäische Zentralbank ihren Leitzins in diesem Jahr um 50 Basispunkte anheben wird – um die Inflationserwartungen zu verankern, so IWF-Europachef Alfred Kammer. Der EZB-Leitzins liegt derzeit bei 2,0 Prozent. 2027 könnten die Zinsen wieder sinken, sofern der Energiepreisdruck nachlässt. Kammer betont jedoch die Unsicherheit: „Das ist keine in Stein gemeißelte Empfehlung.“
In den USA spitzt sich die Lage politisch zu. Die Fed-Futures haben sich seit Kriegsbeginn Ende Februar dramatisch verschoben: Statt zwei erwarteter Zinssenkungen rechnen Märkte nun mit unveränderten Zinsen bis Jahresende. Kommende Woche wird Kevin Warsh, Trumps designierter Fed-Vorsitzender, vor dem Kongress befragt – in einem denkbar schwierigen Umfeld, das Trumps explizitem Wunsch nach niedrigeren Zinsen direkt widerspricht. Trump hat zuletzt öffentlich gedroht, Amtsinhaber Jerome Powell von seinem separaten Vorstandsposten zu feuern.
China hingegen steht vor einer anderen Herausforderung. Dank robusten Wachstums von 5,0 Prozent im ersten Quartal – nach 4,5 Prozent im Vorquartal – und zuletzt wieder positiver Erzeugerpreise sieht die Volksbank China keinen Anlass für Zinssenkungen. Alle 20 Befragten in einer Reuters-Umfrage erwarten, dass die einjährige Loan Prime Rate am Montag bei 3,00 Prozent bleibt.
Europa kämpft an mehreren Fronten
Für Europa treffen hohe Energiepreise auf strukturelle Schwächen. Italien wuchs im ersten Quartal moderat – gestützt ausgerechnet von den Mailand-Cortina-Winterspielen, die Tourismusdaten und internationale Flüge beflügelten. Doch die Banca d’Italia hat ihre Wachstumsprognose für 2026 auf nur noch 0,6 Prozent gesenkt, der IWF sogar auf 0,5 Prozent. Energieintensive Sektoren wie Chemie, Metalle und Papier – rund 16 Prozent der italienischen Güterexporte – stehen unter Druck.
Der Euro hat sich derweil von seinen Kriegsverlusten erholt und notiert wieder nahe dem Vorkrisenniveau bei 1,1782 Dollar. Das ist auf den dritten Wochengewinn in Folge. BofA-Stratege Michalis Rousakis warnt jedoch, der Markt könnte der Realität vorauseilen: „Der Euro-Dollar-Kurs steht wieder dort, wo er vor dem Irankrieg war – obwohl die Energiepreise deutlich höher sind. Das legt nahe, dass die Märkte etwas zu weit vorausgesprungen sind.“ Ohne eine nachhaltige Normalisierung der Energiepreise sei ein Kurs von 1,18 Dollar schwer zu rechtfertigen.
Die türkische Zentralbank steht vor ihrer wohl folgenreichsten Sitzung des Jahres. Als einer der größten Energieimporteure der Welt hat die Türkei im vergangenen Monat fast 50 Milliarden Dollar Reserven verbrannt, um die Lira zu stützen. JPMorgan und Bank of America erwarten eine Zinsanhebung von 300 Basispunkten zurück auf 40 Prozent.
Geopolitik prägt den Ausblick
Die kommende Woche bringt weitere Bewährungsproben: PMI-Daten aus aller Welt werden zeigen, wie stark die Unternehmen im April unter dem Energieschock litten. Inflationsdaten aus Japan, Großbritannien, Neuseeland und Kanada dürften wenig Erfreuliches liefern. Indonesien und die Philippinen halten Zinssitzungen ab – beide Länder kämpfen mit schwachen Währungen und anziehender Inflation.
Estlands Verteidigungsminister Hanno Pevkur brachte am Rande der Entwicklungen einen weiteren Gedanken ins Spiel: Eine Lösung des Irankonflikts könnte die USA dazu bringen, sich wieder stärker auf die Ukraine zu konzentrieren. „Für unsere Region bleibt das das Hauptproblem“, sagte er in Vilnius.
Wie schnell der Konflikt endet, bleibt das alles entscheidende Fragezeichen. Deutsche-Bank-Makrostratege Jim Reid hält eine Lösung in den kommenden Wochen für wahrscheinlicher als nicht – „auch wenn der Weg dorthin kaum geradlinig sein wird“. Bis dahin bleibt die Straße von Hormus das Nadelöhr der Weltwirtschaft – und die Märkte gefangen zwischen Hoffnung und Hochspannung.


