Der Nahe Osten bestimmt den Takt der Finanzmärkte — doch die Signale sind widersprüchlich. Ein fragiles Waffenstillstandsabkommen zwischen dem Libanon und Israel trifft auf anhaltende Unsicherheit über die Straße von Hormus, während Nvidia-Chef Jensen Huang in Taipeh von ungebremstem KI-Hunger spricht und europäische Technologieaktien kräftig zulegen. Die Welt reagiert auf denselben Konflikt, aber jeder Markt auf seine eigene Weise.
KI-Boom trotzt Geopolitik
In Europa legte der STOXX 600 am Dienstag um 0,7 Prozent zu — angeführt vom Technologiesektor, der um 2,4 Prozent kletterte. Der Treiber: STMicroelectronics. Der Chiphersteller überraschte mit angehobenen Umsatzzielen für sein Rechenzentrumsgeschäft und verwies auf die ungebrochene Nachfrage aus dem KI-Bereich. Die Aktie sprang um fast 10 Prozent auf den höchsten Stand seit September 2000. Infineon und Schneider Electric folgten mit Aufschlägen von 5,2 und 2,4 Prozent.
Gleichzeitig sagte Nvidia-Chef Jensen Huang auf einer Konferenz in Taipeh, sein Unternehmen sei trotz „sehr, sehr robusten Wachstums“ weiterhin angebotsseitig limitiert. Für die asiatischen Chip-Zulieferer des 5-Billionen-Dollar-Konzerns hätte das eigentlich gute Nachrichten bedeuten sollen. Doch die regionalen Märkte blieben nervös — der MSCI Asia-Pacific-Index ohne Japan gab 0,1 Prozent nach, S&P-500-Futures verloren 0,4 Prozent. Der geopolitische Lärm überlagerte selbst das KI-Narrativ.
Euro-Inflation: Diesmal kein 2022
Währenddessen richtet sich der Blick der Anleger auf einen entscheidenden Datenpunkt: den Verbraucherpreisindex der Eurozone für Mai, der für Dienstag erwartet wird. Die Prognose lautet auf 3,2 Prozent im Jahresvergleich — ein deutlicher Anstieg, aber weit entfernt von den zweistelligen Raten nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine.
Eine Reuters-Analyse von 175 Quartalsgesprächen großer börsennotierter Eurozone-Unternehmen zeigt: Nur ein Drittel der Firmen plant derzeit Preiserhöhungen als Reaktion auf den Iran-Krieg. Zum Vergleich: Nach der Ukraine-Invasion waren es fast zwei Drittel. ECB-Ratsmitglied Olli Rehn bringt es auf den Punkt: „Diesmal ist der Arbeitsmarkt weniger angespannt, das Wachstum deutlich verhaltener, und es gibt keinen so starken fiskalpolitischen Impuls.“
Die Unterschiede sind strukturell. Industrieunternehmen wie der Chemiekonzern BASF oder der Kabelhersteller Nexans geben gestiegene Kosten weiter. Konsumnahe Branchen hingegen zögern — Volkswagen etwa setzt auf Kostensenkungen statt Preiserhöhungen, Händler wie Delhaize halten ihre Preise bewusst niedrig. Wer direkt mit Endverbrauchern arbeitet, hat schlicht weniger Spielraum.
Das spielt der EZB in die Hände. Zwar gilt eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf der nächsten Ratssitzung als so gut wie sicher — vor allem als Signal gegen eine Verfestigung der Energieinflation. Doch für weitere Schritte fehlt die Grundlage. „Der Fall für weitere Straffung ist weniger klar“, urteilt Allianz-Global-Investors-Chefökonom Christian Schulz.
Yen am Abgrund — Tokio schweigt
Ganz andere Sorgen plagen Japan. Der Yen nähert sich erneut der Marke von 160 je Dollar — einem Niveau, das Märkte als psychologische Schwelle für eine Intervention betrachten. Finanzministerin Satsuki Katayama wiederholt ihr Standardrepertoire: Man sei bereit, bei Bedarf einzugreifen. Den schärferen Ton vom 30. April, als sie „entschlossenes Handeln“ ankündigte und damit eine massive Intervention auslöste, vermeidet sie bewusst.
Der Grund liegt auf der Hand. Seit April pumpte Tokio 11,7 Billionen Yen in den Markt — die größte monatliche Intervention aller Zeiten. Der Yen erholte sich kurzzeitig auf rund 155, doch die Wirkung verpuffte. Jetzt notiert die Währung wieder nahe dem Ausgangsniveau. „Sie warten möglicherweise lieber auf ein höheres Dollar-Yen-Niveau, um die Wirkung zu maximieren und Kritik am Ressourcenverschleiß zu vermeiden“, sagt Shota Ryu von Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities.
Erschwerend kommt hinzu: Eine effektive Intervention würde wohl US-amerikanische Koordination erfordern — schwierig, solange Washington selbst mit Inflationsproblemen kämpft. Im Inland wächst derweil der Druck, die strukturellen Ursachen anzugehen. Altgedient-Politiker Taro Kono forderte auf X, die Regierung solle aufhören, die Notenbank indirekt an Zinserhöhungen zu hindern. Alle Augen richten sich nun auf BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda, der am Mittwoch sprechen wird.
Industrieländer und Schwellenländer — zwei Welten
Der Nahost-Konflikt trifft Emerging Markets anders. Indonesiens Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe verharrte im Mai bei 50,0 Punkten — technisch Stagnation. Die Inputkosten stiegen auf den zweithöchsten Stand seit Beginn der Erhebung 2011, Exportaufträge brachen zum dritten Mal in Folge ein, maßgeblich durch höhere Preise und Lieferkettenstörungen infolge des Krieges. Indonesische Hersteller gaben die gestiegenen Kosten mit dem höchsten Tempo seit Oktober 2013 an ihre Abnehmer weiter — ein Luxus, den viele europäische Unternehmen gerade nicht haben.
Der Dollar zeigt sich unterdessen verhalten: Der Dollar-Index lag bei 99,17, der Euro kaum verändert bei 1,1634 Dollar. Analysten der Commonwealth Bank of Australia erwarten noch in dieser Woche Fortschritte bei den US-Iran-Verhandlungen — und warnen: Gute Nachrichten aus Teheran würden den Dollar als Sicherheitswährung belasten.
Vorsichtiger Ausblick
Die Gleichzeitigkeit von KI-Boom, Energieschock und geopolitischer Unsicherheit schafft ein ungewöhnliches Marktumfeld. In Europa stützt die gedämpfte Preissetzungsmacht der Unternehmen paradoxerweise die Hoffnung auf ein moderateres Zinspfad. In Japan kostet dieselbe Logik — Warten auf günstigere Bedingungen — täglich Yen-Pegel. Und in Asien kühlen Waffenstillstandsgerüchte die Euphorie über Nvidias Lieferengpässe schneller ab, als sie entstehen kann.
Was offen bleibt: Ob der fragile Waffenstillstand hält — und damit, wie viel von der aktuellen Marktberuhigung nur geliehene Zeit ist.


