Der Technologieindex erlebt einen der schwächsten Handelstage seit Langem. Intraday rutschte der NASDAQ 100 um mehr als sechs Prozent ab, am frühen Abend deutscher Zeit lag das Minus bei rund 4,8 Prozent. Auslöser ist ein Geflecht aus Finanzierungssorgen, politischen Risiken und nervösen Fonds.

KI-Infrastruktur verliert ihre Käufer

Im Zentrum der Verkäufe stehen Chiphersteller, Rechenzentrumsbetreiber und sogenannte Neocloud-Anbieter. Im Oktober kauften Anleger Schwächephasen in diesem Segment noch bereitwillig. Diese Haltung hat sich in den vergangenen zwei Sitzungen gedreht.

Nvidia verlor zeitweise etwa acht Prozent und fiel auf das Niveau vom April zurück. Noch härter traf es die Speicherwerte: Sandisk, Western Digital und Seagate büßten bis zu 19 Prozent ein. Die Welle erreichte auch Europa. ASML sackte um mehr als neun Prozent auf 1.210 Euro, Infineon verlor über zehn Prozent.

Einen Schub bekam die Bewegung am Mittwoch durch Berichte über wachsende Bedenken bei Microsoft gegenüber der Neocloud-Branche. Diese Firmen haben sich stark verschuldet, um Kapazitäten für erhoffte Nachfrage aufzubauen. Verzögerungen, Auflagen und hohe Kosten setzen die Geschäftsmodelle unter Druck.

Politik und Anthropic als Belastung

Nach den Zwischenwahlen kommt ein politischer Faktor hinzu. Marktteilnehmer fürchten, dass der Erfolg der Demokraten strengere Auflagen für den Ausbau von Rechenzentren nach sich zieht. IG-Marktanalyst Salah-Eddine Bouhmidi verweist darauf, dass diese Risiken auf ohnehin schwelende Zweifel treffen, wann sich die KI-Milliarden auszahlen.

Hinzu kommt der geplante Börsengang von Anthropic. Das Unternehmen hat Ende Oktober einen Antrag gestellt und peilt eine Notierung vor Thanksgiving an. Berichten zufolge könnten rund 100 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 1,5 Billionen Dollar oder mehr fließen; formale Konditionen stehen allerdings noch aus.

Der jüngste Antrag zeigt die Dimension der Finanzierungsfrage. Im dritten Quartal setzte Anthropic etwa 17 Milliarden Dollar um, schrieb aber einen Nettoverlust von gut 23 Milliarden Dollar. Die Abnahme- und Leasingverpflichtungen summieren sich auf rund 895 Milliarden Dollar, fast alle für Rechenleistung.

Scheitert oder verzögert sich die Platzierung, könnte das die Zweifel an der Finanzierbarkeit weiterer Investitionen verstärken. Marktbeobachter beschreiben das als Rückkopplung: Fallende KI-Kurse gefährden den Börsengang, und Zweifel am Börsengang belasten wiederum die Kurse.

Anleger reduzieren Risiko

Anders als sonst weichen Investoren nicht in andere Sektoren aus, sie fahren ihr Engagement insgesamt zurück. Zusätzliche Unruhe stiftet die Meldung, dass der Hedgefonds Walleye Capital einen Teil seines Kapitals an Kunden zurückgeben will. Das muss für sich genommen keine Schieflage bedeuten, passt aber zur defensiven Stimmung.

Die Experten von Index-Radar sehen eine „Übertreibung auf der Unterseite“. Zugleich gebe es kaum Hinweise, dass die Korrektur schon abgeschlossen sei. Ein Impuls aus der Berichtssaison fehlt, da die Zahlen zum dritten Quartal weitgehend vorliegen. Der Termin vor Thanksgiving, bis zu dem Anthropic seine Platzierung plant, liefert den nächsten konkreten Prüfstein für die Stimmung im Sektor.