Nasdaq 25.000, Apple 111 Milliarden – und die Fed schaut zu

US-Börsen erreichen neue Höchststände trotz Stagflationssignalen im ISM-Index und einer abwartenden Notenbank.

Nasdaq 25.000, Apple 111 Milliarden – und die Fed schaut zu
Kurz & knapp:
  • Nasdaq durchbricht 25.000er-Marke
  • Apple übertrifft Umsatzerwartungen deutlich
  • ISM-Daten deuten auf Stagflation hin
  • Fed lässt Zinsen 2026 unverändert

Liebe Leserinnen und Leser,

gestern schloss ich mit dem Satz, die geopolitische Risikoprämie habe nur eine Pause eingelegt. Die Wall Street hat daraus am Donnerstagabend eine eigene Schlussfolgerung gezogen: Sie ignoriert die Pause und kauft weiter. Während Europa am 1. Mai die Arbeit feiert, arbeiten die US-Indizes an neuen Rekorden. Der Nasdaq Composite durchbrach erstmals die 25.000-Punkte-Marke. Der Dow Jones erreichte in der Spitze 49.985 Zähler – fünfzehn Punkte fehlten zur nächsten runden Schallmauer. Der S&P 500 ließ die 7.200er-Marke hinter sich. „Sell in May“ war gestern. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Das Fundament dieser Rallye ist schmaler, als die Schlagzeilen vermuten lassen.

Apple liefert – und warnt im selben Atemzug

Den Takt gab Apple vor. Der Konzern meldete für das zweite Fiskalquartal einen Umsatz von 111,2 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Gewinn je Aktie lag bei 2,01 US-Dollar. Das iPhone-Geschäft wuchs um 22 Prozent auf knapp 57 Milliarden US-Dollar, der Umsatz in Greater China sprang um 28 Prozent. Die Aktie reagierte mit einem Kurssprung von bis zu 6 Prozent und näherte sich dem Rekordhoch von 288,62 US-Dollar.

Doch die eigentliche Nachricht stand im Kleingedruckten. Noch-CEO Tim Cook warnte vor „erheblich“ höheren Kosten für Speicherchips ab dem Juni-Quartal. Die Bruttomargen-Prognose taxierte Apple auf 47,5 bis 48,5 Prozent. Der Markt nahm es gelassen – ebenso wie den angekündigten CEO-Wechsel zu John Ternus am 1. September und ein Aktienrückkaufprogramm über 100 Milliarden US-Dollar. Morgan Stanley und Stifel Nicolaus halten an Kurszielen von 330 US-Dollar fest. Die Frage ist, ob diese Gelassenheit verdient ist oder ob die Chipkosten-Warnung in drei Monaten wie ein Bumerang zurückkehrt.

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10 Gigawatt – drei Jahre zu früh

Abseits der Quartalszahlen verschiebt sich das Gewicht im Tech-Sektor weiter in Richtung physischer Infrastruktur. OpenAI hat den Meilenstein von 10 Gigawatt KI-Rechenleistung überschritten – drei Jahre vor dem ursprünglichen Ziel 2029. Oracle-Aktien kletterten nach dieser Meldung um 4,1 Prozent auf 168,06 US-Dollar. Nebius erreichte nach der Genehmigung einer Gigawatt-Superfabrik in Missouri ein Allzeithoch, ein Plus von 10,3 Prozent an einem Tag.

Die Dimensionen der Investitionen sind bemerkenswert. Blue Owl, Chirisa Technology Parks und PowerHouse Data Centers schlossen eine 750-Millionen-Dollar-Tranche innerhalb einer Fünf-Milliarden-Dollar-Partnerschaft für CoreWeave-Anlagen ab. In Pennsylvania entsteht ein Rechenzentrum für 15 Milliarden Dollar mit 1,35 Gigawatt Kapazität. Auch das Pentagon positioniert sich: Verträge für klassifizierte KI-Netzwerke gingen an Nvidia, Microsoft, AWS, SpaceX und Google. Anthropic wurde wegen Sicherheitsbedenken in der Lieferkette ausgeschlossen. Die KI-Wette wird zunehmend in Beton und Kupferkabel gegossen – mit allen Konsequenzen für Energiepreise und Lieferketten.

Stagflation im ISM, Stillstand bei der Fed

Während die Börsen feiern, senden die Konjunkturdaten ein anderes Signal. Der US ISM-Einkaufsmanagerindex für die Industrie stagnierte im April bei 52,7 Punkten, unter den erwarteten 53,2. Die Zusammensetzung ist brisant: Der Teilindex für bezahlte Preise sprang auf 84,6 Punkte – den höchsten Stand seit April 2022. Der Beschäftigungsindex fiel auf ein Viermonatstief von 46,4 Punkten. Steigende Preise bei sinkender Beschäftigung – das Lehrbuch nennt es Stagflation.

Für die Notenbanken ergibt sich daraus ein immer schärferer Kurs-Kontrast. Die Märkte preisen inzwischen ein, dass die Fed die Zinsen im gesamten Jahr 2026 nicht anrühren wird. Die EZB hält bei 2,0 Prozent und schlägt falkenhaftere Töne an. Die Bank of England bei 3,75 Prozent warnte gar vor einer britischen Inflation von 6 Prozent, sollte der Iran-Konflikt andauern. Der Dollar-Index fiel derweil unter 98,00 – was dem Euro und dem Pfund Rückenwind gibt, aber die transatlantische Zinsdivergenz nur noch deutlicher macht.

Öl: Chevron schlägt Erwartungen, der Ausblick drückt

Im Energiesektor treffen geopolitische Restrisiken auf nüchterne Nachfrageprognosen. Chevron übertraf im ersten Quartal mit einem bereinigten Gewinn von 1,41 US-Dollar je Aktie die Schätzungen von 0,90 US-Dollar deutlich. Trotzdem fiel der absolute Gewinn im Jahresvergleich von 3,5 auf 2,2 Milliarden US-Dollar, und die Aktie eröffnete schwächer.

Der Grund liegt im Ausblick: Die Internationale Energieagentur prognostiziert für das zweite Quartal 2026 eine globale Nachfragekontraktion von 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Das Weiße Haus signalisierte zudem, die Kampfhandlungen im Iran-Konflikt seien im Sinne der War Powers Resolution bereits Ende Februar beendet worden. Die Ölpreis-Entspannung, die am Donnerstag den DAX beflügelte, setzt sich damit fort – allerdings weniger als geopolitische Entwarnung denn als Nachfrage-Warnung.

Bitcoin konsolidiert, Blockchain institutionalisiert sich

Bitcoin handelt nach einem starken April – plus 11,87 Prozent – in einer engen Spanne zwischen 76.000 und 78.351 US-Dollar. Auffällig bleibt die Diskrepanz zwischen steigenden Preisen und sinkendem Handelsvolumen. Das deutet auf Konsolidierung, nicht auf den nächsten Ausbruch.

Währenddessen nimmt die institutionelle Infrastruktur Gestalt an. Das Canton Network aktivierte am 1. Mai sein „Institutional Grade Enforcement“ – Goldman Sachs und JPMorgan unterliegen als Super-Validatoren nun strikten Governance-Regeln. In Europa trat die spanische BBVA dem Qivalis-Konsortium bei, das gemeinsam mit Unicredit in der zweiten Jahreshälfte einen Euro-gekoppelten, regulierten Stablecoin lancieren will. Die Blockchain wandert vom Spekulationsobjekt in die Compliance-Abteilung.

Was nächste Woche zählt

Für den DAX wird der Montag zum Realitätscheck: Die US-Vorgaben sind stark, aber die europäische Zinslandschaft spricht eine andere Sprache. Der entscheidende Datenpunkt der Woche ist der US-Arbeitsmarktbericht für April. Erwartet werden lediglich 73.000 neue Stellen nach 178.000 im März. Sollte sich dieser Rückgang bestätigen, während die ISM-Preisindizes auf Vierjahreshochs verharren, steht die Rekordrallye vor ihrem ersten ernsthaften Belastungstest. Rekorde und Stagflationssignale in derselben Woche – das passt auf Dauer nicht zusammen. Einer von beiden hat Unrecht.

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Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Herzlichst, Ihr Andreas Sommer

Über Andreas Sommer 3918 Artikel

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