Ausverkauft für 2027 – und trotzdem fällt die Aktie in den vergangenen 30 Tagen um 14 Prozent. Für mich ist genau diese Diskrepanz die eigentliche Geschichte bei Nebius, nicht die Wandelanleihe von vor rund einem Monat, deren Nachwirkungen den Kurs seither belasten. Wer heute auf die Zahlen aus den vergangenen Tagen blickt, erkennt ein Unternehmen, das operativ auf allen Zylindern läuft – und einen Markt, der trotzdem misstrauisch bleibt.

Nachfrage, die selbst das Management überrascht

Auf der Goldman-Sachs-Konferenz Communacopia + Technology berichtete Nebius-Management laut Medienberichten, dass die Kundennachfrage inzwischen bis ins erste und zweite Quartal 2028 reicht. Einzelne Kunden fragen demnach zehntausende vGPUs und GPUs nach. Das ist kein vages Wachstumsversprechen, sondern eine sehr konkrete Auftragslage, die weit über den aktuellen Berichtszeitraum hinausreicht.

Ergänzend dazu: Die erste Blackwell-Kapazitätsauktion schloss laut Berichten 15 Prozent über dem bisherigen Preisrekord ab, während kurzfristige Deals inzwischen zu 40 bis 50 Millionen Dollar pro Megawatt verhandelt werden – gegenüber 20 bis 25 Millionen Dollar bei mittelfristigen Verträgen. Wer Preissetzungsmacht sucht, findet sie hier.

Dass Nebius im zweiten Quartal einen Umsatz von 582,3 Millionen Dollar meldete, ein Plus von 454 Prozent gegenüber dem Vorjahr, ist inzwischen bekannt. Neu und für mich bedeutsamer ist die Aussage des Managements, man könne die gesamte Kapazität für 2027 schon heute verkaufen. Das verschiebt die Investment-These: Es geht nicht mehr darum, ob Nachfrage entsteht, sondern ob Nebius schnell genug bauen kann.

Palantir als Türöffner, Institutionen als Vertrauensbeweis

Die Ernennung zum bevorzugten Infrastrukturpartner für souveräne KI-Einsätze durch Palantir hat den Kurs am Tag der Meldung um 7,7 Prozent nach oben getrieben. Für mich zeigt diese Reaktion, dass der Markt durchaus bereit ist, gute Nachrichten zu honorieren – nur eben selektiv und kurzlebig.

Bemerkenswert finde ich zudem, dass die Saudi-Zentralbank ihre Nebius-Position im zweiten Quartal mehr als verdoppelt hat, auf 167.819 Aktien im Wert von rund 46,3 Millionen Dollar. Ein Notenbank-Investment dieser Größenordnung ist kein Zufallskauf, sondern ein Signal institutionellen Vertrauens in die langfristige Story.

Gleichzeitig sitzt der Wachstumsstory ein gewaltiger Finanzierungsbedarf im Nacken. Auf der Global-TMT-Konferenz sprach das Management laut Berichten von 5 Gigawatt kontrahierter Kapazität bis 2030, wofür etwa 250 Milliarden Dollar an Finanzierung nötig seien – gesichert seien bislang rund 20 Prozent.

Diese Lücke ist real, und sie erklärt einen Teil der Nervosität, die sich im Kursverlauf spiegelt. Reuters ordnete Nebius jüngst in eine Gruppe von KI-Rechenzentrum-Aufsteigern ein, in die auch Nvidia direkt investiert hat – ein Kontext, der die strategische Relevanz unterstreicht, aber auch zeigt, wie kapitalintensiv dieses Rennen für alle Beteiligten ist.

Dass Konkurrent Nscale laut Reuters gerade einen mehrjährigen Deal mit Figure abgeschlossen hat, macht deutlich: Der Wettbewerb um Kapazität und Kunden verschärft sich, das Fenster für Marktanteilsgewinne bleibt aber offen.

Mein Fazit

Unterm Strich überwiegen für mich die operativen Argumente die Finanzierungssorgen – zumindest auf Sicht der nächsten Quartale. Eine Nachfrage, die bis 2028 reicht, steigende Preise in Auktionen und ein prominenter Neukunde wie Palantir sprechen für strukturelles, nicht zyklisches Wachstum.

Der Kurs notiert derzeit bei 193,88 Euro, rund 26 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch, aber immer noch 220 Prozent über dem Jahrestief. Diese Spanne zeigt, wie stark der Markt zwischen Euphorie und Vorsicht pendelt. Die 250-Milliarden-Dollar-Frage bleibt der entscheidende Belastungstest – wird sie gelöst, dürfte die aktuelle Skepsis übertrieben wirken.