Die Schuldenängste rund um den KI-Ausbau erreichen die Neocloud-Branche mit voller Wucht. Auslöser ist diesmal der Branchenprimus CoreWeave, dessen Anleihen in die Nähe der Krisenzone rutschen. Nebius gerät als enger Konkurrent mit in den Sog.

CoreWeave als Stimmungsbarometer

CoreWeave verlor am Mittwoch mehr als 15 Prozent, vorbörslich ging es am Donnerstag weiter abwärts. Die Rendite der 2031 fälligen Anleihen sprang über 16 Prozent, ein Niveau, das üblicherweise auf Zahlungsschwierigkeiten hindeutet. Elon Musk kommentierte die Entwicklung in sozialen Medien mit einem knappen „yikes“.

Der Versicherungsschutz gegen einen Ausfall der Schulden kostet inzwischen rund 1.000 Basispunkte. Daraus lässt sich eine Ausfallwahrscheinlichkeit von knapp 63 Prozent binnen fünf Jahren ableiten. Vor einem Jahr lag sie bei etwa 30 Prozent.

Nebius, Applied Digital und Iren gaben vorbörslich zwischen 3,2 und 5 Prozent nach. Die Nebius-Aktie rutschte am Morgen um gut vier Prozent auf rund 178 Dollar. Der Ausverkauf der vergangenen Tage hat damit einen erheblichen Teil der Jahresgewinne aufgezehrt.

Gartner, Inflation und Insider

Verschärft wird die Lage durch eine Studie von Gartner. Die Analysten warnen, dass bis 2030 Infrastrukturinvestitionen von mehr als 3,5 Billionen Dollar abgeschrieben werden müssten, falls die Branche ihr Investitionstempo beibehält. Rund 80 Prozent der Neoclouds könnten bis dahin vom Markt verschwinden. Der Grund: Die Erlöse mit KI-Anwendungen reichten nicht aus, um alle geplanten Ausgaben profitabel zu machen.

Hinzu kommt das Zinsumfeld. Ein höher als erwarteter US-Verbraucherpreisbericht hat die Renditen kurzlaufender Staatsanleihen steigen lassen und Spekulationen auf weitere Zinserhöhungen der Fed befeuert. Für kapitalintensive Geschäftsmodelle wie das von Nebius sind steigende Finanzierungskosten besonders heikel.

Auch Insiderverkäufe belasten die Stimmung. Der COO trennte sich Anfang Oktober von 500.000 Aktien, Marc Boroditsky veräußerte am 12. Oktober 7.000 Papiere im Rahmen eines vorab festgelegten Plans. Investor Michael Burry soll zudem von einer direkten Short-Position auf gehebelte Put-Optionen gewechselt sein. Marktbeobachter werten das als aggressiveren bärischen Einsatz.

Gegenwehr aus dem Sektor

CoreWeave-Chef Mike Intrator hielt dagegen. In einem internen Schreiben betonte er, der Auftragsbestand übersteige die Schulden, und die Märkte reagierten mitunter irrational. Mitgründer Brannin McBee will ein Investment-Grade-Rating anstreben, um Zugang zu deutlich mehr Kapital zu bekommen.

Die breiten Märkte bieten wenig Halt. Der Halbleiterindex hat in sechs Handelstagen gut 11 Prozent eingebüßt, die Technologiebörse Nasdaq mehr als drei Prozent. Solange CoreWeaves Anleiherenditen über der Marke von 16 Prozent verharren, dürfte der Druck auf alle schuldenfinanzierten KI-Infrastrukturwerte hoch bleiben, Nebius eingeschlossen.