Manchmal erzählt ein einzelner Aktienkurs mehr als jeder Branchenbericht. Nel ASA notiert aktuell bei 0,20 Euro — rund 44 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch vom Mai 2026. Allein in den vergangenen 30 Tagen hat die Aktie über 40 Prozent verloren. Das ist kein normaler Rücksetzer. Das ist ein Stimmungsbarometer für die gesamte Wasserstoffbranche.
Und die Stimmung ist mies.
Vom Versprechen zur Realität
Der Wasserstoffsektor durchläuft gerade eine schmerzhafte Reifephase. Was in den Jahren 2021 bis 2023 wie eine Energierevolution aussah, trifft nun auf die Härte der Realität: Regulierungsverzögerungen, unzureichende Subventionen, hohe Energiekosten. Vor allem aber fehlt es an langfristigen Abnahmeverträgen. Ohne diese sogenannten Off-take-Agreements lässt sich kein Projekt finanzieren. Zahlreiche grüne Wasserstoffprojekte wurden 2024 und 2025 gestrichen oder verschoben.
Nel hat das direkt zu spüren bekommen. Im ersten Quartal 2026 sank der Auftragseingang um 73 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf nur noch 85 Millionen Norwegische Kronen. Der Auftragsbestand fiel um 24 Prozent auf 1,11 Milliarden Kronen. Der Umsatz aus laufenden Verträgen ging um 5 Prozent auf 148 Millionen Kronen zurück. Kein Wunder, dass Anleger nervös reagieren.
Hinzu kommt ein Führungswechsel zum ungünstigsten Zeitpunkt: CEO Håkon Volldal verlässt das Unternehmen. Er wechselt auf eigenen Wunsch. Für Nel bedeutet das eine Übergangsphase genau dann, wenn klare strategische Entscheidungen gefragt wären.
Technologie als Gegenargument
Wer Nel jetzt abschreibt, übersieht allerdings etwas. Im Mai 2026 brachte das Unternehmen ein neues Druckalkalielektrolyseur-System auf den Markt. Die Technologie zielt direkt auf das größte Hindernis der Branche: die Kosten.
Nel rechnet damit, dass ein schlüsselfertiges 25-Megawatt-Projekt mit dieser Plattform unter 1.450 US-Dollar pro Kilowatt realisierbar ist. Typische Industrieprojekte kosten derzeit rund 3.000 Dollar pro Kilowatt. Das ist mehr als eine Halbierung. Wenn diese Zahlen in der Praxis halten, verändert das die Wirtschaftlichkeit von Wasserstoffprojekten grundlegend.
Parallel dazu gingen im April zwei separate Bestellungen über je 7 Millionen US-Dollar für PEM-Elektrolyseure ein — für Projekte in Europa und den USA. Kleine Signale, aber immerhin: Der Markt ist nicht tot.
Wie lange dauert das Tal?
Reicht eine neue Produktplattform, um Nel aus dem Tief zu ziehen — während Auftragseingang, Führungsstruktur und Branchenumfeld gleichzeitig unter Druck stehen?
Die Langfristperspektive für den Sektor ist intakt. Der globale Elektrolyseurmarkt soll von rund 158 Milliarden US-Dollar im Jahr 2026 auf über 325 Milliarden Dollar bis 2034 wachsen. Kumulierte Investitionen in die gesamte Wasserstoffwirtschaft könnten bis 2060 die Marke von 3,2 Billionen Dollar erreichen. Diese Zahlen klingen abstrakt. Aber sie beschreiben, warum Unternehmen wie Nel trotz allem weitergebaut werden.
Der RSI liegt aktuell bei 32 — technisch im überverkauften Bereich. Das bedeutet nicht automatisch eine Trendwende. Es zeigt aber, wie stark der Ausverkauf bereits eingepreist ist.
Die eigentliche Frage für Nel ist nicht, ob Wasserstoff kommt. Die Frage ist, ob das Unternehmen die aktuelle Konsolidierungsphase mit ausreichend Kapital, neuer Führung und wachsendem Auftragsbestand überbrückt — bevor der Markt dreht. Wer die Kostenführerschaft bei Elektrolyseuren erreicht, wird an der nächsten Welle überproportional partizipieren. Nel hat die Technologie dafür. Was noch fehlt, sind die Aufträge.
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