Nel ASA steht vor einer Weichenstellung. Der norwegische Elektrolyseur-Hersteller hat seit Jahresbeginn 83 Prozent zugelegt und notiert nur knapp unter dem 52-Wochen-Hoch von 0,36 Euro. Die Aktie schloss am Freitag bei 0,35 Euro. Doch hinter der Rally lauert ein ungelöstes Bilanzproblem: Zwei stillgelegte Produktionslinien am Standort Herøya könnten weitere Abschreibungen nach sich ziehen.
Zwei Linien, eine offene Frage
Am Herøya-Werk liegen zwei 500-Megawatt-Linien für atmosphärische alkalische Elektrolyseure brach. Nel prüft derzeit, ob die Anlagen reaktiviert, verkauft oder endgültig stillgelegt werden. Eine Stilllegung würde weitere Wertberichtigungen auslösen — zusätzlich zu den 799 Millionen Kronen, die das Unternehmen bereits 2025 auf Produktionsanlagen und immaterielle Vermögenswerte abschreiben musste.
Der Nettoverlust im Geschäftsjahr 2025 belief sich auf 1,27 Milliarden Kronen. Ende März 2026 verfügte Nel über liquide Mittel von 1,44 Milliarden Kronen — genug, um den Betrieb bis Jahresende zu finanzieren. Die beiden stillgelegten Linien bleiben dennoch ein Risiko für die Bilanz.
Schwacher Auftragseingang belastet
Im ersten Quartal 2026 erzielte Nel Umsatzerlöse von 152 Millionen Kronen, nach 175 Millionen im Vorjahresquartal. Das EBITDA lag bei minus 100 Millionen Kronen, der Nettoverlust bei minus 144 Millionen Kronen.
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Der Auftragseingang brach um 73 Prozent auf 85 Millionen Kronen ein. Der Auftragsbestand sank auf 1,11 Milliarden Kronen — ein Rückgang von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und von 16 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das PEM-Geschäft steuert 843 Millionen Kronen bei, die alkalische Sparte nur 270 Millionen Kronen.
Neue Plattform soll Kosten senken
Nach acht Jahren Entwicklung ist Nels druckbeaufschlagte alkalische Elektrolyseur-Plattform bereit für den kommerziellen Einsatz. Die neue Technologie soll die Systemkosten um 40 bis 60 Prozent senken und Projektlaufzeiten verkürzen. Im Dezember 2025 fiel die finale Investitionsentscheidung zur Industrialisierung. Die Produktionskapazität am Herøya-Standort soll zunächst ein Gigawatt pro Jahr erreichen, mit einer Roadmap bis vier Gigawatt.
Parallel arbeitet Nel an einer PEM-Plattform der nächsten Generation. Ein Prototyp-Stack soll 2026 entstehen, mit dem Ziel, die Kosten auf Stack-Ebene um rund 70 Prozent zu reduzieren. Die kommerzielle Umsetzung liegt allerdings noch Jahre entfernt.
EU-Mittel als Rückenwind
Am 9. Mai 2026 genehmigte die Europäische Union einen Fonds über fünf Milliarden Euro zur industriellen Dekarbonisierung. Der Fokus liegt auf schwer zu dekarbonisierenden Sektoren wie Stahl, Raffinerien und Ammoniakproduktion — genau die Zielmärkte für Nels druckbeaufschlagte Plattform.
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Nel erwartet im zweiten Quartal 2026 eine EU-Förderung von elf Millionen Euro zur Industrialisierung der neuen Plattform. Insgesamt hat der EU-Innovationsfonds bis zu 135 Millionen Euro zugesagt, die bis zu 60 Prozent der förderfähigen Kosten abdecken.
Das Management rechnet mit mehr finalen Investitionsentscheidungen in 2026 als im Vorjahr und sieht Momentum für 2027 und 2028.
Analysten bleiben skeptisch
Trotz der Kursrally bleibt die Analystengemeinde zurückhaltend. Von 13 Analysten empfehlen sieben den Verkauf, sechs raten zum Halten — keine einzige Kaufempfehlung. Das durchschnittliche Zwölf-Monats-Kursziel liegt bei 2,12 Kronen, rund 45 Prozent unter dem aktuellen Niveau.
Am 15. Juli veröffentlicht Nel die Halbjahreszahlen. Bis dahin wird sich zeigen müssen, ob Gespräche mit potenziellen Kunden in verbindliche Aufträge münden. Auch die Entscheidung über die Herøya-Linien dürfte bis dahin feststehen. Ob die Technologie-Transformation in kommerzielle Realität übergeht oder die Rally der Fundamentaldaten vorauseilt, wird sich dann klären.
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