Nel ASA hat im zweiten Quartal einen Verlust von 189 Millionen Kronen eingefahren. Ein Vergleich mit dem japanischen Partner Iwatani über 70 Millionen Kronen belastete das Ergebnis zusätzlich. Im selben Quartal hat sich der Auftragseingang aber mehr als verdreifacht.

Bei Nel ASA prallen gerade zwei gegensätzliche Erzählungen aufeinander. Die Aktie notiert aktuell bei 0,1986 Euro, ein Tagesminus von 2,17 Prozent.

Der norwegische Wasserstoff-Spezialist veröffentlichte seine Quartalszahlen am 15. Juli 2026. Der Umsatz aus Kundenverträgen sank um 12 Prozent auf 153 Millionen Kronen.

Gesamterlöse und Erträge fielen von 215 auf 182 Millionen Kronen im Vorjahresvergleich. Unter dem Strich blieb ein Verlust von -0,10 Kronen je Aktie.

Die entscheidende Frage

Kann Nel ASA seine neue Plattform für druckbeaufschlagte Alkali-Elektrolyseure erfolgreich hochfahren und den prallen Auftragsbestand in profitables Wachstum verwandeln? Oder fällt die Aktie unter ihr 52-Wochen-Tief von 0,1731 Euro, bevor das gelingt? Genau zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Bewertung des Unternehmens gerade.

Bull-Szenario: Auftragsflut trifft auf überverkaufte Aktie

Optimisten verweisen zuerst auf die operative Pipeline. Der Auftragseingang im zweiten Quartal sprang um 224 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 230 Millionen Kronen. Der Auftragsbestand wuchs dadurch auf 1.213 Millionen Kronen, ein Plus von 9 Prozent zum Vorquartal.

Hinzu kommt die neue Alkali-Plattform. Das Management verspricht damit 40 bis 60 Prozent geringere Kapitalkosten für Kunden und einen um bis zu 80 Prozent kleineren Platzbedarf der Anlagen.

Auch die Charttechnik liefert Argumente für eine Erholung. Der 14-Tage-RSI liegt bei 37,5 und nähert sich damit überverkauftem Terrain. Die Aktie notiert bereits 14,73 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief, ein erstes Zeichen für nachlassenden Verkaufsdruck.

Mit einer Kassenposition von 1.328 Millionen Kronen und einer EU-Förderzusage über 135 Millionen Euro hat Nel ASA finanziellen Spielraum. Bis Ende 2026 will das Unternehmen die Produktion am Standort Heröya auf 500 Megawatt hochfahren.

Gelingt das, könnte der Titel die aktuelle Lücke von gut 20 Prozent zum 50-Tage-Durchschnitt bei 0,2483 Euro schließen. Anschließend wäre der Weg frei Richtung 200-Tage-Durchschnitt bei 0,2148 Euro.

Bear-Szenario: Strukturelle Kosten und ein schwacher Sektor

Die Gegenseite verweist auf die anhaltenden operativen Verluste. Trotz des wachsenden Auftragsbestands fielen Gesamterlöse und Erträge im Jahresvergleich um mehr als 15 Prozent. Das zeigt: Die Kommerzialisierung kommt langsamer voran als erhofft.

Belastend wirken zudem hohe Fixkosten aus ungenutzten Produktions- und Organisationskapazitäten. Das Management rechnet damit, dass diese Last so lange bestehen bleibt, bis größere Aufträge abgesichert sind. Der Iwatani-Vergleich hat diesen Druck im zweiten Quartal zusätzlich verschärft.

Die Marktbewertung spiegelt dieses Misstrauen wider. Die Aktie liegt aktuell 45,66 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 0,3655 Euro.

Auch der breitere Sektor sendet Warnsignale: Der Ladeinfrastruktur-Anbieter Kempower senkte kürzlich seine Wachstumsprognose wegen schwächerer Auftragseingänge. Das deutet auf eine branchenweite Investitionsflaute hin, die auch Nel ASA treffen könnte. Gelingt es dem Unternehmen nicht, den Auftragsbestand in echten Cashflow zu verwandeln, könnte der Abstand zum 52-Wochen-Tief schnell schmelzen.

Ausblick: Der nächste Prüfstein heißt Oktober

Solange sich die Aktie über ihrem 52-Wochen-Tief von 0,1731 Euro hält, dürfte sie vorerst in ihrer aktuellen Spanne konsolidieren. Der Rückgang von 15,27 Prozent auf Zwölfmonatssicht zeigt aber einen hartnäckigen Abwärtstrend. Nur konkrete fundamentale Auslöser dürften diesen Trend drehen.

Der nächste wichtige Termin ist die Vorlage der Zahlen zum dritten Quartal 2026, die für Oktober erwartet wird. Bleibt eine Stabilisierung der Kernumsätze aus, oder übertrifft der Jahresverlust die Analystenerwartung von -0,315 Kronen je Aktie, dürfte der Kurs weiter nachgeben. Schafft Nel ASA dagegen den Sprung über den 100-Tage-Durchschnitt bei 0,2320 Euro, spricht mehr für eine Erholung in Richtung des 200-Tage-Durchschnitts bei 0,2148 Euro.