Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé hat die operative Führung über sein Russland-Geschäft verloren. Ein Dekret des russischen Präsidenten Wladimir Putin unterstellt die Tochtergesellschaften Nestlé Russia und Nestlé Kuban einer staatlich angeordneten externen Verwaltung. Am gestrigen Freitag reagierten die Anleger mit Verkäufen: Die Nestlé-Aktie gab an den europäischen Börsen um 2,2 Prozent auf 81,03 Euro nach.
Sechs Werke unter externer Leitung
Die Kontrolle über die russischen Aktivitäten geht an das Unternehmen L.E.V. Management über. Nestlé bleibt zwar formell Eigentümer der betroffenen Gesellschaften, kann die Geschäfte vor Ort jedoch nicht mehr lenken. Der Zugriff auf Finanzmittel und Dividendenzahlungen ist blockiert. Der Schweizer Konzern betreibt im Land sechs Produktionsstätten für Süßwaren, Babynahrung und Tierfutter und beschäftigt dort rund 7.000 Mitarbeiter.
Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete den Schritt als vorübergehende Maßnahme und begründete das Vorgehen mit der Unterstützung westlicher Staaten für die Ukraine. Nestlé teilte mit, nach der Anordnung alle verfügbaren Optionen für die betroffenen Einheiten zu prüfen. Ähnliche Zwangsmaßnahmen trafen zeitgleich auch andere westliche Handels- und Logistikunternehmen.
Finanzielle Dimension des Kontrollverlusts
Für den Gesamtkonzern ist das Russland-Geschäft von überschaubarer Größe, hinterlässt in der Bilanz aber spürbare Spuren. Vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 steuerte der Markt rund zwei Prozent zum weltweiten Konzernumsatz bei, zuletzt lag dieser Anteil nach Schätzungen aus dem Markt bei etwas mehr als einem Prozent.
Das Analysehaus Jefferies beziffert die drohende Abschreibung inklusive nicht transferierter Gelder auf rund eine Milliarde Schweizer Franken. Sollte das operative Geschäft vollständig entfallen, könnte dies nach Berechnungen von JPMorgan den Gewinn je Aktie um drei bis vier Prozent mindern. Marktbeobachter werten die Maßnahme als faktischen Entzug der unternehmerischen Verfügungsgewalt.
Zusätzliche Untersuchungen in Indien
Neben den Ereignissen in Moskau sieht sich Nestlé zeitgleich im asiatischen Raum mit behördlichen Auflagen konfrontiert. Die indische Lebensmittelaufsicht FSSAI leitete am Freitag drei juristische Prüfverfahren gegen Nestlé India ein. Gegenstand der Beanstandungen sind Werbeaussagen auf Verpackungen der Säuglingsnahrungen NAN Excella Pro Stage 1 und Lactogen Pro 1 sowie Abweichungen beim Biotin-Gehalt in einer Folgeprüfprobe.
Einen Rückruf oder ein Verkaufsverbot verhängten die indischen Behörden bislang nicht. Nestlé erklärte zu den Vorgängen in Neu-Delhi, mit den Regulierern zu kooperieren und die gesetzlichen Standards vor Ort einzuhalten. Dennoch erhöht das Verfahren den Druck auf das Segment für Babynahrung in einem wichtigen Wachstumsmarkt.
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