Liebe Traderinnen und Trader,

zum Monatsschluss verschiebt sich das Geld sichtbar von den überhitzten AI-Trades in solide Substanzwerte. Während in New York eine milliardenschwere AI-Wette binnen Tagen in sich zusammenfällt und die Chip-Euphorie erste Risse zeigt, halten sich Siemens, Siemens Energy und Rheinmetall bemerkenswert stabil. Genau diese relative Stärke im Bereich Netzinfrastruktur und Verteidigung ist die eigentliche Geschichte dieser Woche – und ein Setup, das Sie für die kommenden Sitzungen im Blick behalten sollten.

Der DAX klopft ans Hoch – und zieht die Hand zurück

Der Frankfurter Leitindex schloss am Freitag praktisch unverändert bei 25.633 Punkten, nachdem er im Tageshoch bis auf 25.891 Zähler vorgestoßen war – nur einen Wimpernschlag unter dem 52-Wochen-Hoch von 25.900 Punkten vom 6. Juli. Genau darin liegt die Spannung dieses Monatsschlusses: Der Index nähert sich dem Rekord, findet aber keine Kraft für den Ausbruch. Elliott-Wellen-Analysten sehen in dieser Zone den möglichen Endpunkt der laufenden Aufwärtsbewegung. Die Marke um 25.900 Punkte wird damit zur Entscheidungslinie – Sommerkorrektur oder Befreiung nach oben.

Auffällig ist die Schwäche in der zweiten und dritten Reihe: MDAX und SDAX gaben spürbar deutlicher nach als der Leitindex. Das ist ein klassisches Rebalancing-Muster zum Monatsende: Kapital sammelt sich in den liquiden Schwergewichten, während Nebenwerte abgestoßen werden.

Siemens auf Rekordkurs – die Infrastruktur schlägt den Chip

Der eigentliche Gewinner im Index heißt Siemens. Die Aktie markierte am Freitag bei 286,85 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch und schloss mit Plus bei 283,30 Euro – auf Zwölfmonatssicht ein Zuwachs von über 26 Prozent. Während die Halbleiterwerte im Zuge der AI-Ernüchterung wackeln, zieht das Infrastruktur- und Elektrifizierungsgeschäft von Siemens die Käufer an. Das ist kein Zufall: Der weltweite Ausbau von Stromnetzen und Rechenzentren braucht genau die Hardware, die Siemens liefert. Die AI-Story wandert damit von den Chip-Herstellern zu den Ausrüstern des Stromhungers.

Wie real dieser Kampf um Strom und Standorte inzwischen ist, zeigt eine Randnotiz aus den USA: Ein Entwickler verklagt eine Kleinstadt in Kentucky, weil sie ein 4,8-Milliarden-Dollar-Rechenzentrum mit 1,2 Gigawatt Leistung nahe einem Nationalpark blockiert. Wer auf dieser Seite des Trades sitzt – bei den Netzausrüstern statt bei den Rechenzentrums-Betreibern –, profitiert vom Engpass, statt an ihm zu leiden.

Siemens Energy: Korrektur mit Einstiegslogik

Siemens Energy notiert bei 145,80 Euro und damit klar unter der 200-Tage-Linie von rund 160 Euro – nach dem Lauf auf das Dreijahreshoch von 188,76 Euro Ende April. Für Trader ist das die interessantere Konstellation als das Siemens-Rekordhoch, denn hier läuft eine Korrektur innerhalb eines intakten Aufwärtstrends. Die relevanten Unterstützungen liegen gestaffelt bei 140 Euro, dann bei 130 bis 135 Euro und schließlich bei 120 Euro. Wer auf die Grid-Story setzt, findet damit ein Pullback-Setup mit klar definierten Levels: Hält die 140er-Zone, bleibt das Momentum-Bild konstruktiv.

Infineon springt – der Chart mahnt trotzdem zur Vorsicht

Infineon war mit einem Tagesplus von 4,5 Prozent auf 62,17 Euro der stärkste DAX-Wert des Tages. Doch der Blick auf den größeren Rahmen dämpft die Freude: Auf Monatssicht steht der Chip-Konzern über 20 Prozent im Minus, und vom 52-Wochen-Hoch bei 89,67 Euro aus Anfang Juni trennt die Aktie noch immer mehr als 30 Prozent. Der Tagessprung ist eine Gegenbewegung in einem angeschlagenen Trend, keine Trendwende.

Warum das gerade jetzt zählt, zeigt ein Blick nach New York: Der frühere OpenAI-Forscher Leopold Aschenbrenner verwaltete mit seinem AI-Hedgefonds „Situational Awareness“ auf dem Höhepunkt 45 Milliarden Dollar – und verlor binnen weniger Tage den Großteil davon, ausgelöst von fallenden Halbleiteraktien und Margin Calls der Wall Street. Das ist die eigentliche Warnung hinter dem Infineon-Rebound: Die hochgehebelten AI- und Chip-Wetten entladen sich gerade. Wer den Tagesgewinn als Einstiegssignal liest, riskiert, in eine Bärenmarkt-Rally zu laufen statt in eine Trendwende.

Der aktuelle Umbruch im Chip-Sektor zeigt deutlich, wie sehr sich die Kräfteverhältnisse gerade verschieben – und genau darum geht es auch im Live-Webinar „Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“. Bernd Wünsche und Johannes Daut analysieren am 02.08.2026 um 18:00 Uhr, wie sich der eskalierende Wettlauf um Mikrochips zwischen den USA und China auf Nvidia, dessen Konkurrenten und die gesamte Halbleiter-Branche auswirkt – von den Kurskapriolen der vergangenen Wochen bis zu den geopolitischen Verwerfungen rund um Taiwan und Washington. Sie erfahren, welche Unternehmen aus dem Machtkampf um die Chip-Vorherrschaft gestärkt hervorgehen könnten und wie Sie diese Entwicklung für Ihre eigene Positionierung einordnen. Gerade nach einem Tag wie diesem, an dem Infineon zwar sprang, aber der Abstand zum Juni-Hoch riesig bleibt, lohnt sich der Blick auf die größeren Kräfte hinter dem Chip-Beben. Jetzt zum Webinar anmelden

Krypto im Tiefschlaf – Bitcoin ohne Volumen

Bitcoin notiert schwach im Bereich um 64.000 Dollar (Grayscale Mini Trust ETF: 63.798 Dollar), doch die eigentliche Nachricht ist nicht der Kurs, sondern das Volumen: Das Spot-Handelsvolumen ist laut Glassnode auf den niedrigsten Stand seit 2019 gefallen. Institutionelle parken ihr Geld lieber in Cash und US-Staatsanleihen – kein Wunder, wenn die 30-jährige Treasury-Rendite bei über 5,2 Prozent auf einem 19-Jahres-Hoch steht. Die Kontraktion zieht sich durch den gesamten Sektor: Binance Research meldet für das erste Halbjahr einen Rückgang des DeFi-TVL um 38 Prozent.

Immerhin gibt es Lichtblicke: Die Bitcoin-Spot-ETFs verzeichneten zuletzt 233 Millionen Dollar Nettozufluss, und Ripple hat die MiCA-Lizenz in der EU erhalten – ein regulatorischer Meilenstein für den europäischen Markt. Für Trader gilt trotzdem: In einem derart dünnen Markt sind Ausschläge in beide Richtungen jederzeit möglich. Coinbase liefert die passende Mahnung dazu – die Aktie fiel nach dem dritten Quartalsverlust in Folge (359 Millionen Dollar Nettoverlust im zweiten Quartal), das Trading-Geschäft schwächelt, und der Umbau zu Stablecoins und Derivaten muss seine Tragfähigkeit erst noch beweisen.

Marschroute

Für die kommenden Sitzungen bündelt sich alles an drei Marken. Der DAX braucht den Bruch über 25.900 Punkte, sonst droht die Sommerkorrektur. Siemens Energy ist der sauberere Trade der Grid-Story – solange die 140-Euro-Zone hält, bleibt das Bild bullisch. Und bei Infineon gilt: Der Tagessprung ist keine Trendwende, solange der Abstand von über 30 Prozent zum Juni-Hoch bestehen bleibt und die AI-Trades an der Wall Street weiter entladen werden. Krypto bleibt bei Rekord-Niedrigvolumen ein Markt für die kurze Leine, nicht für den Positionsaufbau.

Das Wochenende bringt keine neuen Kurse, aber Zeit, die Grid-Charts in Ruhe durchzugehen – die Levels von heute dürften Montag früh die erste Reaktion bestimmen.

Gute Trades, Ihr Andreas Sommer