Manchmal erkennt man den Wandel eines Unternehmens am besten dort, wo es sich verabschiedet. Nokia schließt sein Forschungszentrum in Hangzhou und zieht sich bis Jahresende praktisch vollständig aus dem chinesischen Festland zurück.

Rund 1.600 Stellen in der Forschung und Entwicklung fallen weg. Wer sich die Zahlen anschaut, versteht, warum: Der Umsatz in China ist von 1,84 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf 913 Millionen Euro im Jahr 2025 eingebrochen. Ein Markt, der einst zentral war, ist zur Randnotiz geworden.

Dieser Rückzug ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil eines größeren Musters. Nokia baut gerade zwei parallele Realitäten ab und auf: das alte Geschäft mit Mobilfunkgeräten und Massenmärkten stirbt Stück für Stück, während sich der Konzern auf Netzwerkinfrastruktur für die KI-Ära konzentriert.

Auch die Marke HMD Global hat kürzlich das Software-Support-Ende für das Nokia G310 5G verkündet – ein weiterer Schritt weg vom klassischen Consumer-Geschäft, hin zu HMD-eigenen Geräten. Nokia als Markenname im Alltagsgebrauch der Verbraucher verblasst, während Nokia als Infrastrukturanbieter für Rechenzentren und Mobilfunkkerne an Kontur gewinnt.

Die Rechnung für den Umbau

Der Preis dieses Strukturwandels ist konkret beziffert: Das Management hat das Restrukturierungsbudget für 2026 von 250 Millionen auf 800 Millionen Euro angehoben. Rund 350 Millionen Euro davon sind für Abfindungen in China und die Integration des Joint Ventures Nokia Shanghai Bell reserviert. Wer den Rückzug aus einem Markt vollzieht, in dem man Jahrzehnte investiert hat, zahlt eben nicht nur mit Umsatzverzicht, sondern auch mit barer Münze.

Gleichzeitig verschiebt sich das Kräfteverhältnis geografisch. Ab Oktober müssen deutsche Telekommunikationsbetreiber den Anteil chinesischer Zulieferkomponenten in ihren Netzen auf unter 25 Prozent senken.

Medienberichten zufolge dürfte diese regulatorische Vorgabe Nokias Marktanteil im heimischen europäischen Umfeld stärken. Der Konzern verlässt also nicht nur China – er profitiert zugleich davon, dass Europa sich von chinesischen Anbietern distanziert. Zwei Seiten derselben geopolitischen Medaille.

Anerkennung dort, wo die Zukunft liegt

Während das alte Geschäft schrumpft, sammelt Nokia Belege dafür, dass die Wette auf KI-Infrastruktur aufgeht. Im Marktbericht „Market Landscape: Core Vendors – 2026“ des Analysehauses Omdia belegt Nokia zum zweiten Mal in Folge den ersten Platz bei der Wettbewerbsfähigkeit im Mobilfunkkernportfolio – mit Führungsrollen bei KI/ML, Automatisierung und Cloud-nativer Reife.

Auch der Breakthrough Award an den US-Netzbetreiber Midco für ein Mehrstaaten-Konnektivitätsprojekt in North Dakota, das 200 Terabit pro Sekunde Gesamtbandbreite für KI-Infrastruktur liefert, zeigt, wo Nokia heute Wertschöpfung sieht.

Die Beteiligung an Nscale, einem KI-Infrastrukturanbieter, der jüngst einen Vertrag über 45 Milliarden Dollar für Rechenkapazität an seinem Standort in West Virginia unterzeichnet hat, unterstreicht das zusätzlich.

Bemerkenswert ist auch ein kleines Detail aus der Führungsebene: Fünf leitende Manager, darunter Raghav Sahgal und David Heard, haben Mitte August koordiniert Aktien zu einem Kurs von 9,0910 Euro erworben. Käufe von Personen, die den Konzern von innen kennen, sind zwar keine Kaufempfehlung, aber immerhin ein Signal für Vertrauen in die eingeschlagene Richtung.

Was der Kurs davon hält

An der Börse spiegelt sich diese Transformation in großer Schwankungsbreite. Die Aktie notiert aktuell bei 8,79 Euro, nach einem Jahresplus von 57 Prozent und einem Anstieg von 137 Prozent binnen zwölf Monaten.

Zugleich liegt der Kurs 41 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 14,97 Euro – ein Hinweis darauf, dass die Euphorie der vergangenen Monate nicht ungebrochen anhält. Die annualisierte Volatilität von 62 Prozent zeigt, wie nervös der Markt auf jede neue Nachricht aus Restrukturierung oder KI-Geschäft reagiert.

Nokia ist damit ein Lehrstück dafür, wie ein traditionsreicher Konzern sich neu erfindet: schmerzhafte Einschnitte in gewachsenen Märkten, kombiniert mit forschem Vorstoß in Wachstumsfelder wie KI-Rechenzentren und Netzinfrastruktur. Ob diese Wette am Ende aufgeht, wird sich weniger an einzelnen Auszeichnungen zeigen als daran, ob sich das neue Kerngeschäft schneller füllt, als das alte schrumpft.