Ausgerechnet an dem Tag, an dem Nokia seine womöglich wichtigste Technologie-Neuheit seit Jahren vorstellt, gerät die Aktie unter massiven Verkaufsdruck. Der Titel fällt am Donnerstag um 7,61 Prozent auf 9,10 Euro. Damit liegt das Papier inzwischen 39,21 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 14,97 Euro, das erst Anfang Juni markiert worden war. Die Ankündigung einer neuen KI-Netzwerktechnologie reicht offenbar nicht aus, um die Anleger von der kurzfristigen Wachstumsstory zu überzeugen – zumal die Branche insgesamt unter Druck steht, nachdem der Wettbewerber Ericsson vor steigenden Chipkosten gewarnt hatte und dessen Aktie ebenfalls deutlich nachgab.

Erste kommerzielle KI-native RAN-Plattform

Im Zentrum des Tages steht die Vorstellung dessen, was Nokia als erste kommerziell verfügbare KI-native RAN-Plattform der Branche bezeichnet. Entwickelt wurde sie gemeinsam mit Nvidia auf Basis der Aerial-Technologie. Nokia verspricht eine Steigerung der spektralen Effizienz von aktuell mehr als 20 Prozent, mit dem Ziel, diesen Wert bis 2027 auf 50 Prozent und bis 2028 auf über 100 Prozent zu erhöhen. Die Plattform soll in drei Varianten verfügbar sein: als Kapazitäts-Plug-in für die bestehende AirScale-Hardware, als eigenständiger AI-RAN-Knoten oder als cloud-native Lösung auf Standardhardware, jeweils vertrieben über ein Software-Abonnementmodell. Erste Pilotprojekte sind für das Ende des laufenden Jahres geplant, der kommerzielle Rollout soll 2027 folgen.

Nokia-CEO Justin Hotard bezeichnete den Schritt als einen der bedeutendsten technologischen Fortschritte in der Funktechnik seit Jahren. Auch Nvidia-Chef Jensen Huang äußerte sich zu der Partnerschaft und beschrieb die Technologie sinngemäß als Wandlung klassischer Funknetze in einen global vernetzten KI-Computer. Die Ankündigung zielt langfristig auch auf die Vorbereitung von 6G-Netzen ab, deren Kapazität sich laut Nokia bis 2028 verdoppeln soll, bei gleichzeitig sinkenden Kosten pro übertragenem Bit.

Blick auf die Zahlen am 23. Juli

Anleger richten den Blick nun zunehmend auf den Termin kommende Woche: Am 23. Juli veröffentlicht Nokia seine Zahlen zum zweiten Quartal und zum ersten Halbjahr 2026. Für das operative Comparable-Ergebnis hat das Unternehmen eine Spanne von 2,0 bis 2,5 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Analysten rechnen laut MarketBeat mit einem Gewinn je Aktie von 0,07 US-Dollar bei einem Umsatz von 5,57 Milliarden US-Dollar – nach 0,06 US-Dollar Gewinn je Aktie und 5,21 Milliarden US-Dollar Umsatz im Vorquartal. Der Analystenkonsens bei MarketBeat lautet auf „Moderate Buy“ mit einem durchschnittlichen Kursziel von 12,57 US-Dollar. AInvest nennt für dieselben Analysten ein durchschnittliches Kursziel von 15,16 US-Dollar, JPMorgan sieht das Papier sogar bei 21 US-Dollar.

Sektorweite Nervosität als Belastungsfaktor

Der Kursrutsch bei Nokia fällt in eine Woche, in der auch andere Technologiewerte unter die Räder kommen. Auslöser war unter anderem die Sorge vor steigenden Kosten in der Chip-Lieferkette, nachdem Chiphersteller wie Taiwan Semiconductor trotz Rekordgewinnen im zweiten Quartal mit ihren Ausblicken für sinkende Margen in der zweiten Jahreshälfte für Verunsicherung sorgten. Diese Gemengelage aus hohen Erwartungen an KI-Investitionen einerseits und Kostendruck in der Zulieferkette andererseits trifft Netzwerkausrüster wie Nokia doppelt: Sie müssen liefern, was ihre KI-Wachstumsstory verspricht, während die Komponentenkosten in der Branche als Belastungsfaktor gelten.

Für Nokia bedeutet das: Die technologische Ankündigung vom Donnerstag mag langfristig strategisch bedeutsam sein, kurzfristig überwiegt an der Börse jedoch die Skepsis. Ob sich das Blatt wendet, dürfte maßgeblich von den Zahlen am 23. Juli und dem darin enthaltenen Ausblick für das laufende Geschäftsjahr abhängen.