Nokia zieht sich weiter aus China zurück. Der Netzwerkausrüster gab gestern bekannt, seinen Forschungs- und Entwicklungsstandort für Funktechnologie in Hangzhou bis Ende 2026 zu schließen. Rund 1.600 Arbeitsplätze fallen weg. Hintergrund ist die schwächelnde Nachfrage aus dem chinesischen Markt, auf die der finnische Konzern nun mit einer Neuausrichtung seines Standortnetzes reagiert.

Der Schritt fügt sich in eine Reihe von Restrukturierungsmaßnahmen, die Nokia in diesem Jahr angestoßen hat. Insgesamt rechnet der Konzern für 2026 mit Restrukturierungskosten von 800 Millionen Euro. Davon sollen 350 Millionen Euro auf die Integration des China-Joint-Ventures entfallen, das innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen werden soll. Weitere 200 Millionen Euro fließen in zusätzliche Programme, die vor allem Europa betreffen.

China-Rückzug trifft auf wachsendes AI-Geschäft

Während sich Nokia aus dem chinesischen Kerngeschäft zurückzieht, wächst an anderer Stelle ein neues Standbein. Im Segment AI & Cloud verzeichnete das Unternehmen im zweiten Quartal Auftragseingänge von 2,8 Milliarden Euro, der Umsatz in diesem Bereich hat sich mehr als verdoppelt.

Nokia hatte im Juli zudem die nach eigenen Angaben erste kommerzielle AI-RAN-Plattform vorgestellt, die auf der Aerial-Software und dem Rechenstack von Nvidia aufbaut. Ziel ist es, mit künstlicher Intelligenz mehr Kapazität aus bestehenden 4G- und 5G-Funkzellen herauszuholen und zugleich den Weg zu 6G vorzubereiten.

Diese strategische Nähe zu Nvidia zeigt sich auch in der Aktionärsstruktur: Aus einer Mitteilung im August geht hervor, dass Nvidia eine Beteiligung an Nokia im Wert von 1,0 Milliarden Dollar hält, eingebettet in eine breitere Investitionsstrategie entlang der KI-Infrastruktur.

Für viele Marktteilnehmer gilt ein derart hohes Engagement des Chipkonzerns als Bestätigung, dass Nokias Netzwerktechnik für KI-Rechenzentren und die Anbindung am Netzwerkrand relevant bleibt.

Regulatorisches Umfeld begünstigt nicht-chinesische Anbieter

Zusätzlichen Rückenwind erhält Nokia derzeit aus der Regulierung. Medienberichten zufolge arbeitet die US-Regulierungsbehörde FCC an einem Verbot für neue optische Transceiver chinesischer Herkunft. Ein solcher Schritt würde die Aufmerksamkeit stärker auf Anbieter außerhalb Chinas lenken, zu denen auch Nokia zählt.

Auf der Wettbewerbsseite untermauert eine Einschätzung des Marktforschers Omdia die Position des Konzerns: Im Bericht „Market Landscape: Core Vendors“ belegte Nokia zum zweiten Mal in Folge Platz eins bei der Wettbewerbsfähigkeit im Mobile-Core-Portfolio und wurde in allen sieben untersuchten Kategorien als führend eingestuft – von Cloud-nativer Reife über Automatisierung bis hin zu KI- und Analysefähigkeiten.

Aktie bewegt sich seitwärts nach starkem Lauf

An der Börse hat sich die Nokia-Aktie zuletzt konsolidiert. Der Titel schloss am Mittwoch bei 8,95 Euro und notiert damit etwa 40 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 14,97 Euro, das im Juni erreicht wurde.

Zugleich liegt der Kurs weiterhin deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 8,23 Euro, ein Zeichen dafür, dass der übergeordnete Aufwärtstrend trotz der jüngsten Schwäche intakt bleibt. Auf Jahressicht steht bei der Aktie ein Plus von 60 Prozent.

Parallel zu den strategischen Weichenstellungen ordnet Nokia auch sein Portfolio neu: Die Sparten Fixed Wireless Access CPE und Enterprise Campus Edge wurden als aufgegebene Geschäftsbereiche eingestuft.

Für das CPE-Geschäft hat Nokia bereits eine Vereinbarung mit Inseego getroffen, für Enterprise Campus Edge gilt ein Verkauf als sehr wahrscheinlich. Der Konzern konzentriert sich damit zunehmend auf Netzwerkinfrastruktur und KI-nahe Wachstumsfelder, während er sich von Randgeschäften und einem schwierigen China-Standort trennt.