Nokia-Aktionäre erleben gerade eine harte Woche. Der Kurs ist binnen sieben Tagen um 18,31 Prozent eingebrochen und schloss am Freitag bei 8,90 Euro. Am Donnerstag, den 23. Juli, muss der finnische Technologiekonzern nun liefern – und zwar den Beweis, dass seine milliardenschwere Wette auf künstliche Intelligenz mehr ist als eine Ankündigung.

Der Kursverfall hat die Aktie weit von ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 11,96 Euro entfernt. Der RSI liegt bei 31,5 und nähert sich damit überverkauftem Terrain. Trotzdem bleibt die Jahresperformance mit einem Plus von 59,21 Prozent deutlich positiv – der Absturz der vergangenen Tage wirkt vor allem wie eine kurzfristige Verunsicherung nach starkem Lauf.

Die NVIDIA-Partnerschaft als Prüfstein

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht eine Kooperation, die erst vor wenigen Tagen bekannt wurde. Am 15. Juli stellte Nokia gemeinsam mit NVIDIA die erste kommerzielle AI-RAN-Plattform der Branche vor. Das System verbindet Nokias anyRAN-Software mit NVIDIAs Aerial-AI-RAN-Technologie und soll klassische Mobilfunknetze in KI-native Plattformen verwandeln.

Erste Pilotprojekte sollen noch in diesem Jahr starten. Die volle kommerzielle Verfügbarkeit plant Nokia für 2027. Das Versprechen dahinter: deutlich mehr Spektrumseffizienz, möglicherweise eine Verdopplung der Netzkapazität bis 2028, und die Möglichkeit für Telekom-Anbieter, KI-Anwendungen direkt auf ihrer Funkinfrastruktur laufen zu lassen. Für CEO Justin Hotard ist das der Kern seiner Strategie „Connecting Intelligence“ – Nokia soll vom klassischen Telekom-Zulieferer zum KI-Infrastrukturanbieter werden.

Was der Quartalsbericht zeigen muss

Im ersten Quartal 2026 legte der Umsatz im Bereich Optical Networks um 20 Prozent zu. Die Sparte AI & Cloud wuchs sogar um 49 Prozent. Nokia hob daraufhin seine Wachstumsprognose für die Netzinfrastruktur auf 12 bis 14 Prozent für das Gesamtjahr an.

Am Donnerstag zeigt sich, ob dieser Schwung bis zur Jahresmitte trägt. Das Management hält an seiner Gewinnprognose von 2,0 bis 2,5 Milliarden Euro operativem Ergebnis für 2026 fest. Besonders genau werden Analysten prüfen, ob die Übernahme von Infinera – dem Spezialisten für optische Netzwerktechnik, den Nokia zur Stärkung seiner Hyperscale-Rechenzentrumssparte gekauft hat – bereits die erhofften Synergien liefert.

Ein weiterer Blickpunkt: die Mobilfunk-Infrastruktursparte. Sie kämpfte zuletzt mit zyklischer Schwäche. Die neue AI-RAN-Initiative soll hier für Stabilisierung sorgen – ob das gelingt, wird der Bericht zeigen.

Bewertungslücke zwischen Kurs und Erzählung

Aktuell notiert Nokia rund 40,55 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 14,97 Euro, das erst Anfang Juni erreicht wurde. Diese Lücke zwischen der KI-Wachstumsstory und der jüngsten Kursentwicklung ist genau der Punkt, den der Markt jetzt auflösen will.

Der Bericht erscheint um circa 8:00 Uhr MESZ, ein Analysten-Webcast folgt am Nachmittag um 15:00 Uhr MESZ. Für die gesamte Handelswoche dürfte dieser Termin den Ton vorgeben. Entscheidend wird sein, ob die Zahlen belegen, dass der Umbau zu KI-gestützter Infrastruktur den Rückgang im klassischen Telekomgeschäft ausgleichen kann – und ob das reicht, um eine höhere Bewertung zu rechtfertigen.