Ein Quartalsbericht, der auf dem Papier fast alles richtig macht, und trotzdem sackt die Aktie ab. Genau das ist Nokia gerade passiert. Der Kurs fiel am Freitag um 6,32 Prozent auf 8,06 Euro, binnen einer Woche summiert sich das Minus auf 9,38 Prozent.

Der Auslöser ist paradox. Nokia meldete für das zweite Quartal 2026 ein Umsatzplus von 9 Prozent zum Vorjahr, die Bruttomarge kletterte um 70 Basispunkte auf 46 Prozent, die operative Marge ebenfalls um 70 Basispunkte auf 9 Prozent. Das Management bestätigte sogar die Jahresprognose und stellte für das dritte Quartal ein sequenzielles Umsatzwachstum von 3 bis 7 Prozent in Aussicht. Bestraft wurde die Aktie trotzdem – wegen einer einzigen Warnung von CEO Justin Hotard: Speicherchip-Engpässe werden Nokia demnach bis mindestens 2027 begleiten.

Diese Aussage reichte, um aus einem eigentlich soliden Quartal die schwächste Wochenperformance des Jahres zu machen. Der RSI ist auf 29,5 gefallen und damit tief im überverkauften Bereich, während die annualisierte Volatilität auf 66,88 Prozent hochgeschossen ist. Nach dem Ausverkauf notiert Nokia nur noch 2,84 Prozent über der 200-Tage-Linie bei 7,84 Euro – aktuell die letzte technische Haltelinie, bevor der Aufwärtstrend seit dem 52-Wochen-Tief bei 3,45 Euro grundsätzlich infrage steht.

Kann Nokia den Auftragsboom schnell genug in Umsatz verwandeln?

Die entscheidende Frage ist nicht, ob die KI-Nachfrage existiert. Sie existiert offensichtlich. Die Frage ist, ob Nokia seinen wachsenden Auftragsbestand in Umsatz verwandeln kann, bevor steigende Bauteilkosten und Lieferengpässe die gerade erst erzielten Margengewinne wieder auffressen.

Das Segment AI & Cloud lieferte im zweiten Quartal die stärkste Performance im gesamten Konzern. Der Umsatz mehr als verdoppelte sich zum Vorjahr, der Auftragseingang erreichte 2,8 Milliarden Euro. Nokia geht davon aus, dass rund die Hälfte dieses Volumens innerhalb der nächsten zwölf Monate in Umsatz übergeht – Kunden sichern sich in einem knappen Markt frühzeitig Lieferkapazitäten. Ob dieser Zeitplan hält oder weiter in Richtung 2027 rutscht, dürfte darüber entscheiden, ob sich die Aktie über der 200-Tage-Linie stabilisiert oder darunter durchbricht.

Das bullische Szenario: Die operativen Zahlen sprechen dafür

Für eine Stabilisierung spricht vor allem eines: Die operativen Kennzahlen haben sich nicht verschlechtert, sie haben sich verbessert. Die Netzwerksparte wuchs währungsbereinigt um 12 Prozent, angeführt von optischen Netzwerken mit einem Plus von 20 Prozent und IP-Netzwerken mit 16 Prozent. Der Umsatz mit KI- und Cloud-Kunden legte um 105 Prozent zu.

Das Management hat die Jahresprognose unverändert gelassen. Manche Marktbeobachter lesen das als Signal, dass der Vorstand trotz der Lieferketten-Sorgen keine kurzfristige Gefahr für die Profitabilität sieht. Selbst nach dem aktuellen Einbruch notiert die Aktie rund 44 Prozent unter ihrem Junihoch – ein Niveau, das manche technische Analysten eher als überzogenen Rücksetzer denn als Trendwende einstufen, zumal der RSI bereits tief im überverkauften Bereich liegt. Eine Entspannung bei der Speicherverfügbarkeit oder ein stärkeres zweites Halbjahr als angekündigt könnte die KI-Infrastruktur-Story neu entfachen, die die Aktie im laufenden Jahr bereits um 44,19 Prozent nach oben getrieben hat.

Das bärische Szenario: Ein mehrjähriges Kostenproblem statt eines Ausrutschers

Das Gegenrisiko: Der Speicherengpass ist kein einmaliger Dämpfer, sondern eine strukturelle Kostenlast, die sich über Jahre zieht – und das bei einem Kernsegment, das ohnehin schwächelt. Die Sparte Fixed Networks verlor 3 Prozent auf 490 Millionen Euro, währungsbereinigt 2 Prozent. Grund dafür sind vor allem geringere Verkäufe von Glasfaserprodukten für Privatkunden, während Nokia sein Portfolio bewusst in Richtung margenstärkerer Angebote verschiebt.

Diese Schwäche allein wäre verkraftbar. Sie zeigt aber, dass nicht jeder Unternehmensbereich gleichermaßen von der KI-Welle profitiert. Schwerer wiegt: Die eigene Prognose für das dritte Quartal liegt mit 3 bis 7 Prozent sequenziellem Wachstum in einem moderaten Bereich – wenig Spielraum, sollten die Bauteilkosten schneller steigen als die KI-Aufträge in Umsatz umschlagen. Hält der Speicherengpass tatsächlich bis 2027 an, wie Hotard andeutete, könnte sich die laufende Kurskorrektur noch vertiefen, bevor sie sich stabilisiert.

Die 200-Tage-Linie als Wendepunkt

Solange Nokia die 200-Tage-Linie bei 7,84 Euro verteidigt, bleibt der übergeordnete Aufwärtstrend rund um die KI-Infrastruktur-Story technisch intakt – auch wenn der überverkaufte RSI-Wert auf eine möglicherweise überzogene Verkaufswelle hindeutet. Bricht diese Marke, würde die Handelsspanne der vergangenen zwölf Monate zwischen 3,45 und 14,97 Euro erheblichen Spielraum für weitere Kursbewegungen in beide Richtungen eröffnen – bei einer Volatilität von aktuell fast 67 Prozent kein theoretisches Szenario.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der Quartalsbericht zum dritten Quartal. Dort zeigt sich, ob die von Hotard angekündigte 3-bis-7-Prozent-Wachstumsspanne tatsächlich erreicht wird – und damit, ob der Speicherengpass bereits an der Substanz nagt oder der KI-Auftragsbestand schnell genug in Umsatz fließt, um die Kostenlast auszugleichen.