Ein Konzern, der zugleich vor Gericht klagt, Aktien zurückkauft und in mehreren Ländern neue Zulassungsanträge stellt – das ist derzeit der Alltag bei Novo Nordisk. Und genau diese Gleichzeitigkeit lohnt einen genaueren Blick, denn sie zeigt, wie ein einst unangefochtener Platzhirsch der Abnehmspritzen-Branche inzwischen an mehreren Fronten kämpfen muss.
Da ist zunächst der juristische Dauerkonflikt: Gemeinsam mit Eli Lilly führt Novo Nordisk eine mehrjährige Kampagne gegen Telemedizin-Anbieter und Compoundierapotheken, die unzugelassene Nachbauten der GLP-1-Präparate vertreiben.
Nach Medienberichten hat das Unternehmen inzwischen 130 Bundesklagen eingereicht. Diese Zahl allein verdeutlicht, welches Ausmaß der Kampf gegen Nachahmerprodukte angenommen hat – ein stiller, aber teurer Nebenschauplatz des Geschäfts.
Parallel dazu meldet sich aus Russland eine neue Variante des Problems: Der Konkurrent Geropharm hat rechtliche Schritte eingeleitet, um fünf Patente von Novo Nordisk nutzen zu dürfen – nach früheren Versuchen, generische Versionen von Ozempic und Wegovy auf den Markt zu bringen. Der Patentschutz, jahrelang das Fundament des Geschäftsmodells, wird an mehreren Stellen gleichzeitig angegriffen.
Wachstum trotzdem: China und die nächste Wirkstoffgeneration
Während die Anwälte beschäftigt sind, treibt Novo Nordisk die internationale Expansion voran. Am Donnerstag teilte das Unternehmen mit, dass Chinas Arzneimittelbehörde NMPA den Zulassungsantrag für die orale Version von Wegovy zur Gewichtsreduktion angenommen hat – nach der bereits 2024 erfolgten Zulassung als Diabetesmedikament im Land. China bleibt damit ein zentraler Wachstumsmarkt, auch wenn ein Antrag noch keine Zulassung ist.
Zugleich rückt die nächste Wirkstoffgeneration näher: Für Zenagutide, ein neuartiges dual wirkendes Adipositas-Präparat, das in Phase 2 einen Gewichtsverlust von 14,6 Prozent zeigte, hat Südkoreas Gesundheitsbehörde grünes Licht für den Start klinischer Studien der Phase 3 im Land erteilt.
Global plant Novo Nordisk, das Phase-3-Programm für den Wirkstoff im zweiten Halbjahr 2026 zu starten – die südkoreanische Genehmigung ist ein Baustein in diesem weltweiten Vorhaben, keine eigenständige Zulassungshürde.
Der Rückkauf als stille Gegenwehr
Wer auf die Kursentwicklung schaut, findet wenig Grund zur Euphorie: Das Papier schloss am Freitag bei 39,41 Euro, nach einem Minus von 13 Prozent binnen 30 Tagen und einem Abstand von 28 Prozent zum 52-Wochen-Hoch aus dem Januar. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt mit 41,81 Euro über dem aktuellen Kurs, was die Schwäche der vergangenen Wochen unterstreicht.
Doch das Management reagiert nicht nur mit Worten. Zwischen dem 17. und 21. August hat Novo Nordisk gut eine Million B-Aktien zu Kursen zwischen 292,60 und 299,08 dänischen Kronen zurückgekauft – Teil eines 15-Milliarden-Kronen-Programms über zwölf Monate.
Solche Rückkäufe sind ein klassisches Signal: Das Unternehmen hält seine eigenen Papiere für unterbewertet, selbst wenn der Markt anderer Meinung zu sein scheint. Ob das ausreicht, um das skeptische Analystenlager zu überzeugen, bleibt fraglich.
Was als Nächstes zählt
Für Anleger dürfte der Blick nun auf zwei Termine fallen: Am 21. September lädt Novo Nordisk zum Capital Markets Day, bei dem das Unternehmen Updates zu seiner langfristigen Wachstumsstrategie und Pipeline in Aussicht gestellt hat.
Am 4. November folgen die Zahlen zum dritten Quartal 2026. Beide Termine dürften zeigen, ob die Wachstumsgeschichte – gestützt auf China, neue Wirkstoffe wie Zenagutide und internationale Wegovy-Expansion – die juristischen und regulatorischen Nebenschauplätze überstrahlen kann, oder ob der Gegenwind aus Klagen und Konkurrenzdruck strukturell bleibt.
Am Ende bleibt die eigentliche Frage: Kann ein Konzern, der an so vielen Fronten gleichzeitig verteidigt, parallel genug neue Wachstumsimpulse setzen, um die Substanz zu halten? Die kommenden Wochen dürften erste Antworten liefern.
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