Die EU-Kommission hat die Wegovy-Tablette mit dem Wirkstoff Semaglutid zugelassen, dazu segnete Brüssel eine höher dosierte Injektionsform mit 7,2 Milligramm ab. Es ist die fünfte Zulassung der oralen Abnehmpille weltweit, nach den USA, Großbritannien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain. Grundlage bildet die OASIS-4-Studie, in der Patienten nach 64 Wochen einen Gewichtsverlust von 16,6 Prozent verzeichneten, gegenüber 2,7 Prozent unter Placebo. Die Genehmigung gilt in allen 27 EU-Staaten sowie in Norwegen, Island und Liechtenstein. Ein Markstart in weiteren Ländern ist für die zweite Jahreshälfte 2026 vorgesehen.
Analysten zwischen Chance und Risiko
Die Reaktion der Finanzhäuser fällt gespalten aus. Morningstar hob die globale Umsatzprognose für die Wegovy-Pille bis 2030 von 9 auf 11 Milliarden Dollar an, senkte im selben Atemzug aber den fairen Wert der Aktie von 54 auf 48 Dollar. Grund ist ein höherer Kapitalkostensatz von 8,0 statt 7,2 Prozent, der die Abhängigkeit von Selbstzahlern als systematisches Risiko stärker gewichtet. Das Rating für die Kapitalallokation stufte Morningstar von „Exemplary“ auf „Standard“ zurück. Ein Investmentanalyst von Nordnet dämpfte parallel die Erwartungen an den europäischen Tablettenstart, weil die Produktionskapazität von Novo Nordisk weiterhin unklar bleibt – die US-Einführung der Pille war bereits am 5. Januar 2026 erfolgt.
Erste Group Bank senkte ihre Gewinnschätzung für das Geschäftsjahr 2026 leicht von 3,23 auf 3,22 Dollar je Aktie, während der Marktkonsens bei 3,38 Dollar liegt. Das durchschnittliche Rating bleibt bei „Hold“, das Kursziel bei 65,56 Dollar, gestützt auf 5 Kauf-, 16 Halte- und 2 Verkaufsempfehlungen. Im ersten Quartal hatte Novo Nordisk einen Gewinn je Aktie von 1,03 Dollar bei einem Umsatz von 10,85 Milliarden Dollar ausgewiesen, bei einer Nettomarge von 37,23 Prozent. Zacks Research stufte die Aktie zugleich auf „Strong Sell“ herab, und der Investor W.G. Shaheen & Associates reduzierte seine Position im ersten Quartal um 90,4 Prozent auf noch 25.305 Aktien.
Neue Märkte in Indien und Südafrika
Auch abseits Europas expandiert das Unternehmen. Indiens Arzneimittelbehörde CDSCO ließ Wegovy als ersten GLP-1-Wirkstoff gegen die Fettlebererkrankung MASH zu – betroffen sind laut den Angaben rund zwei Drittel der indischen Erwachsenen. Novo Nordisk verkaufte im ersten Halbjahr 2026 rund 76.000 Einheiten Wegovy in Indien, vertrieben wird das Präparat dort exklusiv von Emcure Pharmaceuticals unter der Marke Poviztra, deren Einstiegspreis seit April 2026 von 8.790 auf 3.999 Rupien pro Monat gesenkt wurde.
In Südafrika bringt Novo Nordisk am 27. Juli 2026 gemeinsam mit dem Partner Acino die erste autorisierte, vom Originalhersteller gefertigte Semaglutid-Kopie auf den Markt, registriert bei der Arzneimittelbehörde SAHPRA. Ein Preis steht noch nicht fest. Voraus ging ein einstweiliger juristischer Sieg gegen den Anbieter iDexis wegen nicht registrierter Compounded-Versionen. Etwa 2,3 Millionen südafrikanische Erwachsene, gut 7,2 Prozent der Bevölkerung, leben mit Diabetes. Morningstar bescheinigt Novo Nordisk unterdessen einen breiten Burggraben: Das Unternehmen halte rund 30 Prozent des 100 Milliarden Dollar schweren globalen Diabetesmarktes und etwa die Hälfte des Insulinmarktes von mehr als 15 Milliarden Dollar.
Kursbild bleibt angespannt
An der Börse zeigt sich die Gemengelage aus Zulassungsfreude und Kapazitätssorgen in einem volatilen Kursverlauf. Die Aktie notiert aktuell bei 43,95 Euro und verliert im Tagesverlauf 2,36 Prozent. Zum 52-Wochen-Hoch von 60,95 Euro, erreicht am 25. Juli 2025, klafft weiterhin eine Lücke von 27,90 Prozent. Gleichzeitig liegt der Kurs noch 9,79 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 40,03 Euro, was auf eine seit einigen Wochen laufende Erholungsbewegung hindeutet. Ob die regulatorischen Fortschritte in Europa, Indien und Südafrika ausreichen, um das Vertrauen der Anleger nachhaltig zurückzugewinnen, hängt maßgeblich davon ab, wie schnell Novo Nordisk die viel diskutierten Kapazitätsengpässe bei der Wegovy-Tablette in den Griff bekommt.
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