Ein Analystenhaus stuft die Aktie auf „Verkaufen“, das Unternehmen kauft im selben Zeitraum eigene Anteile zurück wie am Fließband. Für mich ist genau dieser Widerspruch die eigentliche Geschichte hinter Novo Nordisk in diesen Tagen – nicht die einzelne Kurszielsenkung.
Die Deutsche Bank hat gestern ihr Votum für Novo Nordisk von „Halten“ auf „Verkaufen“ gesenkt und das Kursziel von 290 auf 265 dänische Kronen reduziert.
Begründet wird der Schritt mit dem Aus für den Herz-Kreislauf-Kandidaten Ziltivekimab nach einer gescheiterten Phase-3-Studie sowie mit dem wachsenden Konkurrenzdruck durch Eli Lilly im GLP-1-Markt. Das ist eine harte, aber nachvollziehbare Einschätzung – ein Pipeline-Rückschlag ist kein Kleinigkeit für ein Unternehmen, dessen Bewertung stark von künftigem Wachstum lebt.
Der Rückkauf spricht eine andere Sprache
Bemerkenswert finde ich, wie sehr das eigene Kapitalmarktverhalten des Unternehmens diesem Pessimismus widerspricht. Zwischen dem 17. und 21. August erwarb Novo Nordisk 1.045.000 B-Aktien für 309,2 Millionen dänische Kronen, eine Woche zuvor bereits eine Million Aktien zu einem Durchschnittskurs von 303,04 Kronen.
Das Programm mit einem Gesamtvolumen von 15 Milliarden Kronen läuft munter weiter, der Bestand an eigenen Aktien liegt inzwischen bei knapp 44 Millionen B-Aktien, rund einem Prozent des Grundkapitals. Ein Unternehmen, das seine eigenen Anteile systematisch aus dem Markt nimmt, signalisiert Vertrauen in die eigene Bewertung – unabhängig davon, wie man das im Einzelfall interpretiert.
Gleichzeitig zahlte Novo Nordisk am 25. August eine Dividende von 0,5786 US-Dollar je Aktie an Anteilseigner, die zum 17. August im Aktienregister standen. Auch das ist kein Verhalten, das zu einem Unternehmen passt, das an sich selbst zweifelt.
China und Europa liefern Wachstumsargumente
Für mich überwiegen im operativen Geschäft derzeit die positiven Signale. Am 15. Juli erteilte die Europäische Kommission die Zulassung für die orale Einmal-täglich-Version von Wegovy zur Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Adipositas oder Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung.
Zwei Tage später, gestern, nahm die chinesische Zulassungsbehörde NMPA den Marktzulassungsantrag für die orale Wegovy-Variante offiziell zur Prüfung an. Das sind zwei separate, aber zusammenhängende Fortschritte in den beiden wichtigsten Wachstumsmärkten außerhalb der USA.
Bezeichnend ist allerdings, dass Eli Lillys orales GLP-1-Präparat Orforglipron bereits im April in den USA zugelassen wurde und in China nun ebenfalls im Prüfverfahren steht – noch vor Novo Nordisks eigenem Zeitplan in dieser Region.
J.P. Morgan sieht das differenzierter: Am 25. August bestätigte die Bank ihre neutrale Einstufung, hob das Kursziel aber von 250 auf 275 Kronen an und verwies auf verbesserte Wachstumsaussichten für Ozempic und Wegovy außerhalb der USA. Das ist keine Euphorie, aber auch kein Alarmsignal.
Meine Einordnung
Die Aktie notiert nach dem gestrigen Rückgang von 2,2 Prozent bei 39,67 Euro und damit rund 28 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 54,86 Euro. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 40,21 Euro liegt bei nur 1,4 Prozent – die Aktie bewegt sich also in unmittelbarer Nähe ihres mittelfristigen Trends, keineswegs im freien Fall.
Unterm Strich sehe ich die Deutsche-Bank-Einschätzung als berechtigte Warnung vor Wettbewerbsdruck und Pipeline-Risiko, nicht aber als das letzte Wort. Die regulatorischen Fortschritte in Europa und China sowie die anhaltenden Aktienrückkäufe sprechen dafür, dass das Management selbst deutlich zuversichtlicher ist als mancher externe Beobachter.
Entscheidend dürfte werden, was Novo Nordisk beim Kapitalmarkttag am 21. September zu seiner Pipeline für Adipositas- und Diabetes-Therapien der nächsten Generation präsentiert. Bis dahin bleibt die Aktie ein Fall, bei dem Fundamentaldaten und Analystenstimmung deutlich auseinanderlaufen – und genau das macht sie für mich derzeit so schwer einzuordnen.
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