Mike Doustdar hat sich am 13. August klar positioniert: Der Adipositas-Markt werde kein Duell mit nur einem Gewinner. Ich halte diese Aussage für den eigentlichen Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Novo-Nordisk-Aktie – wichtiger als jede einzelne Kurszahl.
Der Vorstandschef verteidigte damit implizit eine Strategie, die von Analysten zunehmend infrage gestellt wird. Berenberg senkte am 12. August das Rating auf Hold und das Kursziel auf 47 US-Dollar, explizit wegen der Konkurrenz im Bereich orale Abnehmpillen.
Das Timing ist bemerkenswert: Nur zwei Tage später erhielt Eli Lilly in Großbritannien die Zulassung für die eigene Pille Foundayo – laut Reuters die zweite orale GLP-1-Zulassung im Königreich nach Novos Wegovy-Pille im Juni. Der Wettlauf um die Pille ist real, und er wird von Woche zu Woche enger.
Die Doppelstrategie: Breite statt Tiefe
Für mich zeigt sich hier ein Muster, das über die Doustdar-Aussage hinausreicht. Novo Nordisk setzt nicht auf eine einzelne Wunderwaffe, sondern auf eine ganze Pipeline-Front: die Wegovy-Pille, CagriSema, und jetzt auch OASIS-5 – eine am 12. August gestartete Spätphasenstudie mit 450 erwachsenen Teilnehmern, die niedrigere Erhaltungsdosen der Wegovy-Pille testen soll. Ergebnisse werden laut Reuters erst 2028 erwartet, was diese Wette zu einer sehr langfristigen macht.
Parallel dazu läuft eine Kooperation mit Novonesis zu Mikrobiom-Supplementen als möglicher Ergänzung zu GLP-1-Präparaten. Novonesis rechnet laut Medienberichten mit Ergebnissen erst in der zweiten Jahreshälfte 2027. Auch das ist eine Wette auf die Zukunft, keine kurzfristige Lösung für das aktuelle Wettbewerbsproblem.
Meine Einschätzung: Diese Breite ist strategisch nachvollziehbar, aber sie kostet Zeit – und Zeit ist genau das, was der Aktie derzeit fehlt. Der Kurs notiert bei 39,98 Euro und liegt damit 27 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 54,86 Euro, erreicht im Januar. Das Chart-Bild spiegelt die Verunsicherung wider, die aus dem Nebeneinander von langfristiger Pipeline-Substanz und kurzfristigem Konkurrenzdruck entsteht.
Was für Geduld spricht – und was dagegen
Auf der Habenseite steht die operative Stärke: Novo Nordisk hatte Anfang August die Jahresprognose angehoben, nach einem stärker als erwarteten Start ins Jahr. Seither hat sich die Aktie um 4,1 Prozent erholt – ein Hinweis darauf, dass der Markt die fundamentale Geschäftsentwicklung durchaus honoriert, wenn sie geliefert wird.
Auf der anderen Seite bleibt die Skepsis der Analysten bestehen, und sie ist nicht unbegründet. Eli Lillys Zulassungserfolg in Großbritannien zeigt, dass der Wettbewerber im Pillenmarkt nicht nur aufholt, sondern operativ Tempo macht.
Die europäische Zulassung für Foundayo war zum Zeitpunkt der britischen Genehmigung noch offen – doch schon die Fortschritte in einem einzelnen Markt genügen, um Novos Vorsprung infrage zu stellen, den das Unternehmen sich mit der EMA-Empfehlung für die eigene Pille im Juni erst erarbeitet hatte.
Unterm Strich sehe ich die Aktie in einem Spannungsfeld zwischen bewährter operativer Stärke und einem sich verengenden strategischen Zeitfenster. Die Dividendenzahlung von 3,75 dänischen Kronen je Aktie am 14. August ändert daran wenig – sie ist Ausdruck von Substanz, nicht von Wachstumsdynamik.
Die 40-prozentige annualisierte Volatilität der letzten 30 Handelstage passt zu diesem Bild: Der Markt ist sich uneins, wie er die Doppelstrategie aus Breite und Geduld bewerten soll. Für mich überwiegt derzeit die Skepsis, solange OASIS-5 und die Novonesis-Kooperation Jahre statt Monate bis zu belastbaren Ergebnissen brauchen.
Doustdars Aussage, es gebe keinen Alleingewinner, mag strategisch richtig sein – für die Aktie bedeutet sie aber vor allem eines: Geduld ist gefragt, und der Markt hat davon derzeit wenig.
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