Ausgangslage

Novo Nordisk steckt mitten in einer Häufung schlechter Nachrichten – und steht zugleich vor einem selbst gesetzten Termin, der die Richtung weisen soll.

Am Dienstag bestätigte der Konzern, dass er zwei weitere Phase-3-Studien zum Herz-Kreislauf-Wirkstoff Ziltivekimab, HERMES und ATHENA, wegen mangelnder Erfolgsaussichten beendet hat. Das folgt auf das bereits im Juli gescheiterte ZEUS-Programm. Nur eine Ziltivekimab-Studie bei Post-Herzinfarkt-Patienten läuft weiter, Daten werden erst 2027 erwartet.

Parallel dazu hat Barclays das Kursziel für die Aktie auf 300 dänische Kronen von zuvor 310 gesenkt und die Einstufung „Equal Weight“ bestätigt. Der Aktienkurs notiert aktuell bei 39,70 Euro, ein Minus von 0,3 Prozent am Tag und knapp ein Drittel unter dem 52-Wochen-Hoch von 54,86 Euro aus dem Januar.

Dass all das just jetzt zusammenfällt, ist kein Zufall der Kalenderlage: Novo Nordisk lädt laut Jyllands-Posten in rund zwei Wochen Analysten und Investoren nach London ein. Konzernchef Mike Doustdar soll dort für die Zukunft des Unternehmens werben. Der Herz-Kreislauf-Rückschlag verschärft den Erwartungsdruck auf diesen Auftritt – er soll die Wachstumsstory jenseits der reinen Pipeline-Enttäuschungen neu erzählen.

Die entscheidende Frage

Für Anleger reduziert sich die Lage auf eine Kernfrage: Kann das Kerngeschäft mit Semaglutid die Verluste im Zusatzgeschäft mit Herz-Kreislauf-Indikationen überdecken? Ziltivekimab war als Diversifizierung über Adipositas und Diabetes hinaus gedacht.

Mit drei gescheiterten Studien binnen weniger Monate bricht dieses zweite Standbein weitgehend weg. Damit hängt die Bewertung der Aktie fast vollständig an der Frage, wie stark Semaglutid – als Ozempic, Wegovy und in neuen Anwendungsfeldern – weiter wachsen kann, und ob der Londoner Auftritt genügend neue Substanz liefert, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen.

Bullisches Szenario

Die klinische Substanz von Semaglutid bleibt intakt. Am Montag meldete Novo Nordisk, dass die STEP-Young-Phase-3-Studie ihren primären Endpunkt erreicht hat: Bei Kindern zwischen sechs und unter zwölf Jahren mit schwerer Adipositas führte wöchentliches Semaglutid in Kombination mit Diät und Bewegung nach 68 Wochen bei 40,4 Prozent der Teilnehmer dazu, dass sie nicht mehr als adipös galten – gegenüber 0 Prozent in der Placebogruppe. Das öffnet potenziell ein neues Patientensegment und unterstreicht, dass der Wirkstoff über das bestehende Indikationsspektrum hinaus Substanz zeigt.

Eine unabhängige Analyse aus 23 Phase-III-Studien mit gut 16.500 Diabetes-Patienten kam zudem zu dem Schluss, dass Semaglutid in vergleichbarer Dosierung ähnliche Gewichtsverlust-Effekte erzielt wie der Konkurrenzwirkstoff Tirzepatide – ein Hinweis, dass die Dosierung entscheidet, nicht der Wettbewerbsvorteil eines einzelnen Herstellers. Gelingt es Doustdar in London, diese Breite der Semaglutid-Story überzeugend zu vermitteln, könnte die Aktie ihre aktuelle Bewertung als übertrieben pessimistisch entlarven.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt in der Pipeline-Erosion selbst. Drei gescheiterte Herz-Kreislauf-Studien in kurzer Folge sind kein Einzelfall mehr, sondern ein Muster – und sie zeigen, dass Novo Nordisk außerhalb von Diabetes und Adipositas bislang wenig klinische Substanz vorweisen kann.

Barclays‘ Kurszielsenkung auf 300 dänische Kronen bei gleichzeitig neutraler Einstufung signalisiert, dass zumindest ein großes Haus keine kurzfristige Trendwende erwartet. Hinzu kommt der Wettbewerbsdruck: Die Equivalenz-Studie zu Tirzepatide zeigt zwar, dass Semaglutid mithalten kann, entkräftet aber auch das Argument eines klaren Wirkstoffvorteils gegenüber der Konkurrenz.

Bleibt der Londoner Auftritt vage oder liefert er keine neuen Umsatztreiber, dürfte die Aktie ihre Schwächephase fortsetzen – der Titel bewegt sich bereits knapp unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 40,15 Euro, ein Zeichen, dass der mittelfristige Trend angeschlagen bleibt.

Ausblick

Solange die Semaglutid-Daten wie bei STEP Young weiterhin positiv überraschen und der Umsatz aus dem Diabetes- und Adipositasgeschäft stabil bleibt, dürfte die Aktie ihren Bodenbildungsversuch fortsetzen können. Kippt dagegen die Wahrnehmung, dass Novo Nordisk außerhalb dieses Kerngeschäfts keine neuen Wachstumsquellen erschließen kann, drohen weitere Zielsenkungen wie die von Barclays.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der Investorentag in London in rund zwei Wochen: Dort muss Doustdar eine Antwort liefern, wie der Konzern die durch das Ziltivekimab-Scheitern entstandene Lücke in der Wachstumsstory schließen will. Bis dahin bleibt die Aktie ein Fall für Anleger, die die Semaglutid-Substanz höher gewichten als die jüngste Serie an Pipeline-Rückschlägen.