Ein neues chinesisches KI-Modell hat der Chip-Rally in der vergangenen Woche einen empfindlichen Dämpfer versetzt – und Nvidia steht mitten im Sturm. Der Philadelphia Semiconductor Index rutschte um rund 20 Prozent unter sein Juni-Hoch und damit technisch in einen Bärenmarkt. Auslöser war die Veröffentlichung von Kimi K3 durch das chinesische Unternehmen Moonshot AI, einem der größten offenen KI-Modelle überhaupt. Die Sorge der Anleger: Wenn leistungsfähige KI-Modelle künftig günstiger und außerhalb der US-Technologiesphäre entstehen, könnte das die Preissetzungsmacht der amerikanischen Chip-Lieferanten schwächen.

An der Frankfurter Kursstellung zeigte sich die Nvidia-Aktie zuletzt jedoch robust: Sie notiert aktuell bei 180,28 Euro und legt am heutigen Handelstag um 1,59 Prozent zu. Das Papier bewegt sich damit rund 8,84 Prozent über seinem 200-Tage-Durchschnitt, was auf einen intakten mittelfristigen Aufwärtstrend hindeutet, auch wenn der Abstand zum 52-Wochen-Hoch fast 11 Prozent beträgt.

Kimi K3 als Belastungstest für die US-Chip-Führung

Analysten sind sich uneinig, wie stark die China-Konkurrenz Nvidia tatsächlich trifft. Die Analysten von SemiAnalysis widersprechen der These, dass effizientere KI-Modelle automatisch weniger Hardware benötigen: Kimi K3 verfügt über mehr als 2,8 Billionen Parameter und braucht laut ihrer Einschätzung über 1,5 Terabyte Speicher sowie mindestens 64 gekoppelte Chips für eine effiziente Inferenz – ein Setup, das kompatibel mit Nvidias GB200- und GB300-NVL72-Systemen ist. Die Analysten verweisen auf das Jevons-Paradox: Sinkende Inferenzkosten würden die KI-Nutzung insgesamt ausweiten und damit langfristig sogar mehr Hardware-Nachfrage erzeugen statt weniger.

Auch Hwang Su-uk, Analyst bei Meritz Securities, sieht in Kimi K3 grundsätzlich positive Signale für die US-Chip-Infrastruktur. Er weist darauf hin, dass Nvidias Umsatzanteil aus dem Geschäft mit Hyperscalern seit dem dritten Quartal 2025 zurückgeht, während KI-Cloud-Anbieter und klassische Unternehmen einen wachsenden Anteil der Nachfrage stellen. Offene Modelle wie Kimi K3 würden die GPU-Nachfrage zusätzlich über Infrastrukturdienstleister wie Fireworks AI oder Together AI befeuern.

JPMorgan sieht Einstiegschance, Wall Street bleibt bullish

Trotz des Ausverkaufs im Sektor rät JPMorgan zum Zugreifen. Die Bank stuft Halbleiterwerte mit Overweight ein und bezeichnet den jüngsten Rücksetzer als „compelling tactical opportunity“. Als Argument dient die aus Sicht der Bank enge Versorgungslage bei DRAM- und NAND-Speichern, die bis 2028 anhalten dürfte – die DRAM-Umsätze könnten demnach von 143 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf über 1,2 Billionen US-Dollar im Jahr 2028 steigen. Auch der Auftragsfertiger TSMC lieferte Rückenwind: Der Nettogewinn stieg im zweiten Quartal um 77 Prozent auf umgerechnet rund 22 Milliarden US-Dollar. TSMC-Finanzchef Wendell Huang kündigte zudem eine zusätzliche Investition von 100 Milliarden US-Dollar in Arizona an, womit sich das Gesamtengagement in den USA auf rund 265 Milliarden US-Dollar summiert – ein Beleg für den anhaltenden Kapazitätsbedarf der Branche.

Der durchschnittliche Kurszielkonsens der Wall-Street-Analysten für Nvidia liegt bei 302,31 US-Dollar, deutlich über dem zuletzt gehandelten Niveau von rund 202,81 US-Dollar an der Nasdaq. KeyBanc hob sein Kursziel jüngst auf 330 US-Dollar an.

Japan-Expansion und der Blick auf die Hyperscaler-Bilanzen

Parallel zur China-Debatte treibt Nvidia seine internationale Expansion voran. Firmenchef Jensen Huang reiste in der Woche vor dem 20. Juli nach Tokio, um sich mit Regierungsvertretern, Robotik-Herstellern und Zulieferern zu treffen. Aus der Reise resultierten mehrere Partnerschaften, darunter die geplante „Vera Rubin AI Factory“ mit dem japanischen Unternehmen Noetra, die 13.750 Vera-CPUs und 27.500 Rubin-GPUs umfassen soll, sowie Robotik-Kooperationen mit Fanuc, Yaskawa und Kawasaki.

Für die kommenden Wochen richtet sich der Blick vor allem auf die Bilanzen der großen Cloud-Anbieter: Alphabet berichtet am 22. Juli, Intel am 23. Juli, Microsoft und Meta folgen am 29. Juli, Amazon am 30. Juli. Microsoft gilt als Nvidias größter Kunde und steuerte im vergangenen Geschäftsjahr rund 22 Prozent zum Umsatz bei – die dortigen Aussagen zu Cloud-Wachstum und Investitionsbudgets für das kommende Geschäftsjahr dürften richtungsweisend für die weitere Kursentwicklung der Chip-Branche sein. Nvidia selbst meldet seine nächsten Quartalszahlen am 26. August, im vergangenen Quartal hatte der Konzern beim Data-Center-Umsatz ein Plus von 92 Prozent gegenüber dem Vorjahr ausgewiesen.