Nvidia-Chef Jensen Huang reist zwei Tage durch Japan und schmiedet Allianzen mit Fujitsu, Hitachi und Kawasaki Heavy Industries. Der Konzern präsentiert ein neues KI-Modell für Roboter namens Cosmos 3 Edge. Trotzdem verliert die Aktie in der vergangenen Woche 3,97 Prozent und schließt am Freitag bei 177,46 Euro, ein Tagesminus von 2,14 Prozent.

Das Muster ist auffällig. Nvidia meldet zusätzlich eine Partnerschaft mit Noetra Corp. für eine neue Vera-Rubin-KI-Fabrik mit 13.750 Vera-CPUs und 27.500 Rubin-GPUs. Positive Nachrichten häufen sich – der Kurs reagiert trotzdem nicht. Das zeigt: Neue Deal-Ankündigungen reichen derzeit nicht, um die Aktie nach oben zu ziehen.

Die entscheidende Frage

Was bestimmt die nächsten Wochen? Vor allem die Investitionspläne der großen Cloud-Kunden. Microsoft, Meta, Amazon und Alphabet legen Ende Juli ihre Quartalszahlen vor. Fallen die Aussagen zu KI-Investitionen stark aus, dürfte das direkt auf mehr Chip-Bestellungen bei Nvidia hindeuten.

Nvidias eigene Zahlen kommen dagegen erst spät. Der nächste Quartalsbericht wird für Ende August 2026 erwartet, ein offizielles Datum hat der Konzern noch nicht genannt. Bis dahin hängt die Kursrichtung fast vollständig von fremden Terminen ab, nicht von eigenen Geschäftszahlen.

Bull-Szenario: Diversifikation und Rekord-Cashflow

Die Physical-AI-Offensive in Japan zeigt eine Verschiebung der Nachfrage weg von reinen Rechenzentrum-GPUs. Neben Fujitsu, Hitachi und Kawasaki zählt auch Toyota zu den Partnern. Diese Streuung könnte Nvidia unabhängiger von einzelnen Kundengruppen machen.

Auf der China-Seite bewegt sich ebenfalls etwas. Washington erteilt inzwischen wieder Lizenzen für den Verkauf der H20-Chips in China. Damit öffnet sich ein Markt neu, den die USA zuvor blockiert hatten – ein möglicher zusätzlicher Umsatztreiber, sollte die Lizenzvergabe weiter zunehmen.

Die Geschäftszahlen aus dem ersten Quartal untermauern die Stärke des Kerngeschäfts. Nvidia erzielte einen freien Cashflow von 49 Milliarden Dollar und schüttete 20 Milliarden Dollar an Aktionäre aus. Der Konzern erhöhte zudem seine gesamten Lieferverpflichtungen auf 145 Milliarden Dollar.

Hinzu kommt eine Aktienrückkauf-Ermächtigung über 80 Milliarden Dollar, zusätzlich zu bereits verbliebenen 39 Milliarden Dollar aus einem älteren Programm. Das Management bekräftigt seine Prognose von einer Billion Dollar Umsatz aus Blackwell- und Rubin-Chips zwischen 2025 und 2027. Die ersten Vera-Rubin-Auslieferungen im großen Stil sollen in der zweiten Jahreshälfte starten, mit einem bis zu 35-fach höheren Inferenz-Durchsatz gegenüber Blackwell in bestimmten Anwendungen.

Der Kurs liegt aktuell 24,74 Prozent über seinem 52-Wochen-Tief von 142,26 Euro. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten von 264,07 Euro impliziert ein Aufwärtspotenzial von rund 48,8 Prozent. Die Stimmung unter Analysten ist trotz des jüngsten Rücksetzers also keineswegs gekippt.

Bär-Szenario: Bewertungssorgen und Short-Positionen

Die Bewertungsdebatte bleibt ungelöst. Die Aktie notiert 12,37 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro aus Mitte Mai. Der RSI von 48,8 signalisiert Unentschlossenheit, keine klare Richtung – die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 35,02 Prozent deutet auf anhaltend unruhige Kursbewegungen hin.

Der breitere KI-Handel kühlt sich sichtbar ab. Reuters berichtete Ende Juni, dass OpenAI seinen Börsengang möglicherweise bis 2027 verschiebt, um eine Bewertung von einer Billion Dollar zu schützen. Das ist ein Warnsignal: Wenn der größte Name der Branche lieber wartet, statt den Markt zu testen, deuten Investoren das als Zeichen überzogener Bewertungen – und Nvidia gilt als Taktgeber des gesamten Sektors.

Positionsdaten großer Händler zeigen ebenfalls Skepsis. Sogenanntes Smart Money hält derzeit eine Netto-Short-Position von etwa 16,7 Millionen Dollar in Nvidia, die größte unter allen bedeutenden Chip-Werten.

Die eigene Prognose des Konzerns trägt zudem einen expliziten China-Vorbehalt. Nvidia erwartet einen Umsatz von 78,0 Milliarden Dollar, plus/minus 2 Prozent – ohne jegliche Rechenzentrums-Umsätze aus China einzurechnen. Jedes zusätzliche China-Geschäft aus der H20-Lizenzvergabe ist damit noch nicht in der offiziellen Guidance enthalten. Es bleibt abhängig davon, wie breit die Lizenzen tatsächlich vergeben werden.

Ausblick

Bleiben die Aussagen von Microsoft, Meta, Amazon und Alphabet zu ihren KI-Investitionen Ende Juli robust, dürfte das Bull-Szenario aus Blackwell-Rubin-Auftragsbestand und Physical-AI-Diversifikation die Aktie über ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 165,34 Euro stützen – aktuell liegt der Kurs 7,33 Prozent darüber. Enttäuscht die Investitions-Guidance dagegen oder stockt die China-Lizenzvergabe erneut, könnte die Aktie ihren 100-Tage-Durchschnitt bei rund 171,71 Euro testen. Nur bei bestätigt guten Nachrichten wäre ein Vorstoß zur 50-Tage-Linie bei 181,83 Euro realistisch.

Der nächste harte Katalysator bleibt Nvidias eigener Quartalsbericht zum Fiskal-Q2, den Marktbeobachter derzeit für Ende August 2026 einordnen. Ein offizielles Datum hat das Unternehmen noch nicht bestätigt – bis dahin entscheiden fremde Termine über die Richtung, nicht die eigenen Zahlen.