Liebe Traderinnen und Trader,

162.000 neue Jobs statt der erwarteten 55.000 – das ist der stärkste US-Arbeitsmarktbericht seit Monaten, und normalerweise wäre das Gift für Risikoassets. Zinssenkungshoffnungen schmelzen, Renditen ziehen an, Gold gibt nach. Genau das ist am Freitag auch passiert. Nur hat sich der Markt nicht daran gehalten, in die Knie zu gehen. Stattdessen zieht ein knapper Trennstrich durch die Kurstafel: Tesla und Lululemon brechen ein, Nvidia, AMD und Intel legen zweistellig zu. Wer nur den Gesamtmarkt betrachtet, sieht Gegenwind. Wer in die Sektoren schaut, sieht eine Rotation – und die ist heute das eigentliche Handelssignal.

Nvidia kauft sich die Modell-Ebene. 13 Milliarden Dollar für Hugging Face, plus 2,5 Milliarden Dollar Investment in Thinking Machines Lab – Nvidia bewegt sich damit vom reinen Chiplieferanten zum Kontrolleur der KI-Software-Schicht. Die Aktie notiert bei 198,72 Euro, ein Plus von 1,1 Prozent, und damit nur noch knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro. Bei einer Marktkapitalisierung von 4,52 Billionen Euro ist das kein Nebenkriegsschauplatz. Der Sektor zieht geschlossen mit: AMD springt 3,0 Prozent auf 404,15 Euro, Intel legt 3,9 Prozent auf 81,74 Euro zu. Die Lektion der vergangenen Wochen: Rücksetzer in diesen Namen, ausgelöst durch Zinsängste, waren zuletzt Kaufgelegenheiten, keine Warnsignale – die M&A-Dynamik im KI-Komplex läuft weitgehend entkoppelt vom Fed-Newsflow. Wer hier einsteigt, kauft allerdings nahe am Rekordniveau. Positionsgröße bleibt Pflicht, nicht Kür.

Bitcoin testet 82.000 Dollar und wird zurückgeworfen. Am Mittwoch flossen 730,8 Millionen Dollar in US-Spot-Bitcoin-ETFs, der beste Tag seit neun Monaten, davon 453,96 Millionen Dollar allein in BlackRocks IBIT. Der gesamte August brachte 3,52 Milliarden Dollar an Zuflüssen, gegenüber magaren 172 Millionen im Juli – institutionelles Kapital kommt spürbar zurück. Der Kurs sprang daraufhin zwischenzeitlich über 82.000 Dollar. Dann kam der Jobbericht, die Zinssenkungshoffnungen für September bröckelten, und binnen Stunden wurden mehr als 500 Millionen Dollar an Positionen liquidiert, davon 415 Millionen Dollar Shorts – ein Short-Squeeze, der sich selbst ins Gegenteil verkehrte. Aktuell notiert Bitcoin bei rund 79.400 Dollar, gut 2,7 Prozent über dem Vortagesschluss von 77.297 Dollar, aber immer noch fast 30 Prozent unter dem Niveau vor einem Jahr. Die Zone zwischen 77.000 und 82.000 Dollar bleibt damit der Rahmen, an dem sich die nächsten Tage entscheiden.

Der Jobbericht ist der Auslöser, nicht die Story. Bei einer stabilen Arbeitslosenquote von 4,1 Prozent und Lohnwachstum von 3,1 Prozent zum Vorjahr rutschte die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinssenkung am 15./16. September im Tagesverlauf von über 60 Prozent auf teils nur noch rund 50 Prozent. Die Folge: Die zweijährige US-Staatsanleihe kletterte auf 4,425 Prozent Rendite, Gold gab 2,23 Prozent auf 4.438,50 Dollar nach, der Dow verlor rund 0,4 Prozent. Diese Zahlen erklären, warum Tesla und Lululemon heute die Verlierer sind – nicht wegen eigener Nachrichten, sondern weil sie zinssensitiv beziehungsweise konsumnah sind. Tesla notiert zeitweise über 6 Prozent im Minus bei rund 303 Euro, Lululemon brach nach Quartalszahlen regelrecht ein. Das ist kein breites Risk-on, sondern eine gezielte Umschichtung: rein in KI-Infrastruktur, raus aus allem, was am Fed-Zyklus hängt.

Der deutsche Chip-Zulieferkomplex reitet die Welle mit. Infineon notiert 2,2 Prozent im Plus bei 57,04 Euro, Süss MicroTec springt 5,8 Prozent auf 72,75 Euro, Siltronic legt 3,8 Prozent auf 78,45 Euro zu. Der DAX hält sich trotz der restriktiveren Zinsfantasie über der 26.000-Punkte-Marke, liegt aber auf Wochensicht noch rund 1,7 Prozent unter seinem jüngsten Rekordhoch. Für das DAX-Depot heißt das: Die deutschen Zulieferer sind ein gehebeltes, volatileres Spielfeld auf denselben KI-Capex-Trend, den Nvidia und AMD international vorgeben. Chancen und Schwankungsbreite gehen hier Hand in Hand.

Für eine ausgewogene Portfolio-Strategie lohnt sich neben dem KI-Trade auch ein Blick auf einen Sektor, der komplett unabhängig vom Fed-Newsflow läuft: Energie.

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Marschroute

Bei Bitcoin bleibt die Zone zwischen 77.000 und 82.000 Dollar der entscheidende Rahmen – ein nachhaltiger Bruch nach oben bestätigt den Reaktivierungsversuch der ETF-Zuflüsse, ein Rückfall unter 77.000 Dollar stellt ihn wieder infrage. Bei Nvidia lohnt der Blick auf 202,50 Euro als bisheriges Jahreshoch; darüber wäre der Weg für den ganzen Chip-Sektor frei. Und mit Blick auf die Fed-Sitzung am 15./16. September gilt: Jede weitere US-Konjunkturzahl dürfte die Zinssenkungswahrscheinlichkeit erneut hin- und herschieben, mit Ausschlägen bei Gold, Renditen und den Werten, die heute noch stillhalten. Wer die kommenden zwei Wochen handelt, sollte diese Zahlen im Kalender rot markieren.

Für alle, die jetzt ins Wochenende gehen: Die Positionen bleiben offen, die Marken stehen fest – der Rest ist Geduld.

Gute Trades, Ihr Andreas Sommer