Liebe Leserinnen und Leser,
107 Dollar für ein Barrel Brent – das ist kein Ausreißer mehr, das ist die neue Normalität dieses Kriegssommers. Während Trump auf Truth Social von einem Iran, der um Frieden „fleht“, schreibt, drohen iranische Staatsmedien mit der Blockade einer zweiten Meerenge. Kein Wunder, dass der DAX heute 1,5 Prozent verlor und die Wall Street ebenfalls unter Druck geriet. Aber der Ölpreis ist nur die offensichtlichste Geschichte des Tages. Hinter den Kulissen passiert gerade eine stille Neusortierung: Energieaktien überholen Tech, Meta bekommt ein Gerichtsurteil zu spüren, das weit über drei Millionen Dollar Schaden hinausgeht – und Bitcoin rutscht unter 70.000 Dollar, weil gleich zwei Belastungen zusammenkommen.
Der Ölpreis als Dirigent
Kein anderer Indikator bewegt gerade so viel wie der Brentpreis. Heute legte er rund fünf Prozent zu und handelte zeitweise bei über 107 Dollar – das ist der Stand, bei dem Inflationsängste und Wachstumssorgen sich gegenseitig aufschaukeln. Die OECD warnte heute explizit: Der Iran-Konflikt habe die Weltwirtschaft von einem stärkeren Wachstumspfad abgebracht. Eine Schließung der Straße von Hormus würde die Inflation „scharf ansteigen“ lassen.
BlackRock-Chef Rob Kapito legte noch nach. Selbst bei einem schnellen Kriegsende könne Öl noch auf 150 Dollar steigen, sagte er bei einer Veranstaltung in Melbourne – weil Lieferketten Zeit brauchen, um sich zu erholen. Das klingt nach Panikmache, ist aber keine irrationale Einschätzung. Die iranischen Revolutionsgarden haben in der Straße von Hormus ein Kontrollsystem eingerichtet, durch das Schiffe Freigabecodes einholen und einen überwachten Korridor passieren müssen. Seit dem 15. März sind keine Durchfahrten mehr auf der üblichen Route erfasst worden.
Für deutsche Anleger bedeutet das: Die Energiekosten bleiben hoch, der ifo-Geschäftsklimaindex signalisiert bereits Rezessionsterrain für das zweite Quartal, und die Baubranche kämpft zusätzlich mit steigenden Finanzierungskosten.
In einem von Geopolitik und Marktvolatilität geprägten Umfeld überdenken viele Anleger ihre Depotaufstellung grundlegend. Wie Sie Ihr Vermögen vor drohenden Kursstürzen schützen und welche konkreten Absicherungsstrategien jetzt sinnvoll sind, zeigt Experte Dimitri Speck in diesem kostenlosen Sonderreport. Gratis-Report „Stürmische Märkte“ jetzt sichern
Die stille Umkehr: Exxon schlägt Nvidia
Eine Zahl, die heute kaum jemand auf dem Schirm hatte, verdient einen genaueren Blick. ExxonMobil wird aktuell mit dem 18,3-Fachen der für 2027 erwarteten Gewinne bewertet – Nvidia nur mit dem 16,1-Fachen. Vor einem Jahr wäre diese Konstellation undenkbar gewesen.
Was steckt dahinter? Energieaktien haben seit Jahresbeginn rund 53 Prozent zugelegt, während Nvidia rund sechs Prozent verloren hat. Und das ist kein kurzfristiges Phänomen. Investoren wenden sich zunehmend einem Sektor zu, der über die Hälfte seiner Gewinne als Dividende ausschüttet – verglichen mit elf Prozent im Technologiebereich. Big Tech hingegen gibt mittlerweile nahezu jeden operativen Dollar für KI-Infrastruktur aus. Für kapitalorientierte Anleger ist das ein echtes Argument, das Depot zu überdenken.
Rüstungswerte, die in den letzten Wochen so stark gestiegen waren, gaben heute nach – Rheinmetall minus 3,4 Prozent, RENK sogar minus 8,5 Prozent. Analysten sprechen von Gewinnmitnahmen. Gleichzeitig stufte die Bank of America Hensoldt auf „Buy“ hoch und begründet das mit dem iranischen Raketenangriff auf den US-Stützpunkt Diego Garcia: Luftverteidigung werde in Europa zur Priorität. Mit einem Kursziel von 88,50 Euro sieht Analyst Benjamin Heelan für Hensoldt rund 20 Prozent Erholungspotenzial – und das, obwohl die Aktie heute 5,6 Prozent verlor. Hier lohnt ein genauer Blick auf die Zahlen.
Rheinmetall selbst meldete derweil ein Milliardenprojekt in Spanien: Zusammen mit dem Technologiekonzern Indra soll noch in diesem Jahr ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet werden, das sich um spanische Ausschreibungen für bis zu 3.000 Militär-Lastwagen und gepanzerte Fahrzeuge bewirbt. „Wir sprechen von einigen Milliarden Euros“, sagte Rheinmetall-Chef Papperger. Die Aktie verlor trotzdem – der Gesamtmarkt zog sie mit.
Meta und Google: Drei Millionen Dollar und eine viel größere Gefahr
Drei Millionen Dollar klingt für einen Konzern wie Meta nach Kleingeld. Aber darum geht es nicht. Eine Jury in Los Angeles befand heute, dass Meta (Instagram) und Googles YouTube fahrlässig gehandelt haben – ihre Plattformen seien so gestaltet, dass sie Jugendliche süchtig machen und schaden. Die Klägerin, eine 20-Jährige, erhält drei Millionen Dollar Schadenersatz. Parallel dazu wurde Meta in New Mexico zu 375 Millionen Dollar verurteilt, weil das Unternehmen Nutzer über die Sicherheit seiner Plattformen für Kinder getäuscht haben soll.
Meta-Aktien verloren heute rund 6,3 Prozent auf ein Zehn-Monats-Tief, Alphabet büßte 2,2 Prozent ein. Mehr als 2.400 ähnliche Klagen liegen bereits gebündelt bei einem Bundesgericht in Kalifornien. Reichen diese Urteile aus, um eine systematische Neubewertung der rechtlichen Risiken von Social-Media-Konzernen auszulösen? Die Antwort hängt davon ab, wie die Berufungsverfahren laufen – und ob die bisherigen Schutzparagrafen für Plattformbetreiber standhalten. Das Risiko ist jedenfalls real genug, um den Sektor heute um 2,4 Prozent zu drücken.
Porsche SE: Wenn der Ausblick mehr erschreckt als die Zahlen
Die VW-Holding Porsche SE meldete heute, dass der bereinigte Nettogewinn 2025 auf 2,89 Milliarden Euro gesunken ist – ein Rückgang von gut acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das liegt noch am oberen Ende der eigenen, bereits gesenkten Erwartungen. Die Dividende je Vorzugsaktie sinkt um 40 Cent auf 1,51 Euro.
Eigentlich kein Desaster. Was den Markt aber wirklich beunruhigte, war der Ausblick: Für 2026 rechnet das Management mit einem bereinigten Ergebnis zwischen 1,5 und 3,5 Milliarden Euro. Diese Spanne ist so breit, dass sie im schlechtesten Fall die Konsenserwartungen um mehr als die Hälfte verfehlt. Die Aktie verlor am Ende rund drei Prozent und lag damit am DAX-Ende. In diesem Jahr hat das Papier bereits mehr als ein Fünftel seines Wertes verloren – der Preis für die enge Bindung an VW und Porsche AG, die beide unter Zöllen, Elektrostrategie-Kehrtwenden und Stellenabbau leiden.
Interessant: Vorstandschef Hans Dieter Pötsch sieht im Verteidigungs- und Sicherheitssektor „erhebliches Wachstumspotenzial“ und hat Anfang des Jahres Anteile an einem Verteidigungsfonds der Beteiligungsgesellschaft DTCP gezeichnet – Volumen: 100 Millionen Euro. Das ist kein Zufall, sondern ein Zeichen, wohin die Familien Porsche und Piëch diversifizieren wollen.
Bitcoin: Zwei Bremsklötze auf einmal
Bitcoin fiel heute auf rund 69.200 Dollar – ein Rückgang von etwa 2,5 Prozent. Das ist keine Katastrophe, aber der Kontext ist aufschlussreich. Erstens drückte der steigende Ölpreis auf die Risikobereitschaft der Anleger weltweit. Zweitens sorgte ein Verkauf von 15.133 Bitcoin durch den börsennotierten Miner Mara Holdings für Unruhe. Zwischen dem 4. und 25. März verkaufte das Unternehmen Bitcoin im Wert von rund 1,1 Milliarden Dollar – um Schulden zurückzukaufen. Solche konzentrierten Verkäufe eines großen Marktteilnehmers hinterlassen Spuren.
Gleichzeitig gibt es regulatorische Unsicherheit: Der sogenannte Clarity Act, das wichtigste US-Krypto-Regulierungsgesetz im Entstehen, stößt auf gemischte Reaktionen in der Branche. Coinbase ist unzufrieden mit dem aktuellen Entwurf, besonders beim Thema Zinszahlungen auf Stablecoin-Einlagen. Große US-Banken wollen diese blockieren, Coinbase sieht darin einen Wettbewerbsnachteil für Amerika. Der Fear-and-Greed-Index fiel heute auf 30 – tief im „Angst“-Bereich.
Wer in einem volatilen Marktumfeld auf stabile Erträge setzt, schaut sich die Dividendenseite neu an: Energieaktien schütten bereits über die Hälfte ihrer Gewinne aus – deutlich mehr als der Technologiesektor. Welche drei konkreten Dividendenaktien mit 5–8% Ausschüttung jetzt eine echte Alternative zu Anleihen bieten, zeigt dieser kostenlose Premium-Report von Dr. Bastian Siegert. Kostenloser Dividenden-Report: Namen und WKN jetzt herunterladen
Ethereum verlor 4,5 Prozent auf rund 2.070 Dollar, Solana gab knapp fünf Prozent nach. Breite Krypto-Verluste bei breiten Marktverlusten – das ist keine Überraschung. Überraschend ist eher, dass Coinbase gleichzeitig eine neue Produktlinie ankündigte: Zusammen mit Better Home & Finance können US-Hauskäufer künftig Bitcoin oder USDC als Sicherheit für Anzahlungen hinterlegen – ohne ihre Krypto-Position verkaufen zu müssen. Ein kleiner, aber symbolisch wichtiger Schritt in Richtung Mainstream-Nutzung digitaler Assets.
Was jetzt zählt
Vor den Osterfeiertagen dürften Anleger keine großen neuen Positionen aufbauen – zu viele offene Fragen, zu viel Volatilität. Die entscheidende Frage der nächsten Tage: Gibt es vor dem Wochenende irgendein Signal aus den Verhandlungen zwischen Washington und Teheran? Trump hat einen 15-Punkte-Plan vorgelegt, den der Iran als „einseitig und unfair“ ablehnt. Gleichzeitig signalisiert Teheran, dass die Diplomatie nicht tot ist.
Sobald ein halbwegs stabiles Waffenstillstandssignal kommt, dürften Ölpreis und Anleihrenditen fallen – und damit der Druck auf Aktien und Krypto nachlassen. Bis dahin gilt: Sparpläne laufen lassen, Panikverkäufe vermeiden, und die Berichtssaison im Blick behalten. Die Q1-Zahlen der großen Konzerne kommen in wenigen Wochen und werden zeigen, wie stark der Energiepreisschock die Margen bereits getroffen hat.
Bleibt wachsam – und einen kühlen Kopf,
Andreas Sommer
26. März 2026


