Öl rallyt, Kaffee crasht, Edelmetalle bluten — fünf Rohstoffe im Stresscheck

Brent-Rohöl steigt auf über 109 Dollar, während Gold und Silber unter Inflations- und Zinsängsten stark nachgeben.

Silber Preis Aktie
Kurz & knapp:
  • Brent Crude über 109 Dollar gestiegen
  • Gold fällt auf 4.543 Dollar je Unze
  • Silber erlebt Tageseinbruch von 10,5 Prozent
  • Kaffee-Terminpreis auf Jahrestief gefallen

Vier Millionen Barrel pro Tag fehlen am Markt. Die Hormuz-Blockade diktiert nicht nur den Ölpreis, sondern setzt über steigende Inflation eine Kettenreaktion in Gang, die Gold, Silber, Kupfer und selbst Kaffee erfasst. Wer am Freitag die Rohstofftafel beobachtete, sah ein seltenes Bild: Brent Crude mit kräftigem Plus, alle anderen Rohstoffe tief im Minus.

Brent Crude: Über 109 Dollar — und die Risiken zeigen weiter nach oben

Die Juli-Futures für Brent-Rohöl schlossen am Freitag bei 109,24 US-Dollar je Barrel, ein Tagesgewinn von mehr als 3 Prozent. Auf Wochensicht summiert sich das Plus auf knapp 8 Prozent. Seit dem Beginn des US-israelischen Militäreinsatzes gegen den Iran Ende Februar haben Brent-Futures rund 45 Prozent zugelegt.

Der Treiber ist bekannt, aber seine Wucht nimmt nicht ab. Die Internationale Energieagentur warnte diese Woche, dass der Ölmarkt bis Oktober schwer unterversorgt bleiben könnte — selbst wenn die Kampfhandlungen im Juni enden. Der Tankerverkehr durch die Straße von Hormuz ist praktisch zum Erliegen gekommen. Im März und April fielen die Rohöl- und Treibstoffströme durch die Meerenge um etwa vier Millionen Barrel pro Tag.

Saudi-Aramco-Chef Amin Nasser verschärfte den Ton: Sollte Hormuz über Mitte Juni hinaus blockiert bleiben, brauche der Ölmarkt bis 2027 zur Normalisierung. Citi-Analysten sehen die Preisrisiken weiter nach oben geneigt, solange der Iran die Kontrolle über Zeitpunkt und Bedingungen einer möglichen Wiedereröffnung behält. Die stockenden US-Iran-Verhandlungen liefern derzeit keinen Grund zur Entwarnung.

Gold: Korrektur vom Rekordhoch beschleunigt sich

Gold hat ein Problem — und es heißt Inflation. Der Preis fiel am Freitag auf 4.543,60 US-Dollar je Feinunze, ein Minus von knapp 3 Prozent an einem einzigen Tag. Auf Monatssicht hat das Edelmetall rund 5,6 Prozent verloren und notiert mittlerweile gut 16 Prozent unter dem Allzeithoch bei 5.450 Dollar vom Januar.

Die Ironie ist offensichtlich: Dieselbe geopolitische Krise, die den Ölpreis nach oben katapultiert, drückt Gold nach unten. Steigende Energiekosten heizen die Inflation an. Die US-Erzeugerpreise kletterten im April mit der höchsten Rate seit 2022. Zinssenkungen der Federal Reserve hat der Markt inzwischen vollständig ausgepreist. Einige Händler wetten sogar auf eine Erhöhung bis Jahresende.

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Das ändert nichts an den strukturellen Stützfaktoren. Zentralbanken — allen voran aus China und den Schwellenländern — kaufen weiterhin in großem Stil. Auf Jahressicht liegt Gold trotz der Korrektur noch deutlich im Plus. Für europäische Anleger federt der stärkere US-Dollar den Rückgang teilweise ab: In Euro notierte die Feinunze zuletzt bei rund 3.930 Euro. Der RSI von knapp 50 signalisiert eine neutrale technische Lage — weder überkauft noch überverkauft.

Silber: Tageseinbruch von über 10 Prozent erschüttert den Markt

Der Freitag war brutal für Silber-Anleger. Ein Minus von 10,5 Prozent auf 76,34 US-Dollar je Feinunze — das ist kein normaler Rücksetzer, das ist ein Ausverkauf. Der Abstand zum Allzeithoch bei knapp 117 Dollar beträgt mittlerweile fast 35 Prozent.

Die Gründe liegen auf mehreren Ebenen. Kurzfristig reduzierten Anleger ihre Edelmetall-Positionen breit, was auf einen systematischen Risikoabbau hindeutet. UBS-Strategen senkten ihre Jahresprognose für die Investitionsnachfrage drastisch — von über 400 Millionen Unzen auf 300 Millionen. Gleichzeitig schrumpfte die erwartete Angebotslücke am Silbermarkt von 300 Millionen auf nur noch 60 bis 70 Millionen Unzen.

Die industrielle Seite liefert einen Kontrapunkt. Silber bleibt unverzichtbar für Solarpanels, Elektronik und Hochleistungsanwendungen. Das Gold-Silber-Ratio liegt aktuell bei rund 58, nachdem es sich vom Tief bei 43 deutlich erholt hat. Langfristig orientierte Anleger dürften dieses Niveau als attraktiv betrachten — kurzfristig dominieren allerdings Zinsängste und Positionsabbau. Die annualisierte Volatilität von fast 60 Prozent unterstreicht, wie nervös der Markt ist.

Kupfer: Gewinnmitnahmen nach dem Höhenflug

Kupfer verlor am Freitag 4,2 Prozent auf 6,29 US-Dollar je Pfund. An der Londoner Metallbörse fiel der Preis auf 13.599 Dollar je Tonne. Nach einer starken Monatsrally setzten Gewinnmitnahmen ein — wenig überraschend angesichts der Tatsache, dass das Metall nur gut 5 Prozent unter seinem frischen 52-Wochen-Hoch notiert.

Die Nachfrageseite bleibt robust:

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  • Chinas industrielle Aktivität zeigt sich widerstandsfähig, trotz geopolitischer Gegenwinde
  • Der Ausbau von Stromnetzen, erneuerbarer Energie und KI-Rechenzentren treibt den Verbrauch
  • Chinas Exportbeschränkungen für Schwefelsäure und Störungen der Schwefelproduktion im Nahen Osten könnten die Angebotsseite zusätzlich verknappen

Die beschleunigte US-Inflation belastet allerdings auch hier. Höhere Zinsen verteuern die Lagerhaltung und bremsen spekulative Positionen. Kupferproduzent Aurubis spiegelt die Zweiteilung wider: Die Aktie markierte trotz nachgebender Rohstoffpreise ein neues Allzeithoch bei 211,40 Euro — operative Stärke und knappe Versorgung treiben den Kurs unabhängig von den Tagesbewegungen am Terminmarkt.

Kaffee: Terminpreis am Jahrestief, Supermarktpreise steigen trotzdem

Kaffee steht stellvertretend für eine Marktanomalie, die Verbraucher frustriert. Der Terminpreis fiel am Freitag auf 265,75 US-Cent je Pfund — ein neues 52-Wochen-Tief und ein Minus von fast 10 Prozent an einem einzigen Tag. Seit Jahresbeginn hat Arabica-Kaffee über 25 Prozent verloren.

Die angebotsseitige Entlastung ist real. In Brasiliens Anbaugebieten begünstigen trockenes Wetter und hohe Temperaturen die Ernte. Die Produktion für die Saison 2026/27 könnte laut Prognosen um 12 Prozent auf 71,4 Millionen Säcke steigen. Arabica-Futures bleiben im Mai deutlich unter der 3-Dollar-Marke — weit entfernt vom Rekordhoch über 4 Dollar im vergangenen Herbst.

Im Supermarkt sieht die Welt anders aus. Röstereien und Importeure arbeiten mit Terminkontrakten, die Monate im Voraus abgeschlossen wurden. Die Preisexplosion von Anfang bis Mitte 2025 schlägt erst jetzt vollständig auf die Regale durch. Erste Einzelhändler haben diese Woche zwar Preise um 10 bis 50 Cent gesenkt, eine Kilopackung Bohnen kostet aber weiterhin zwischen 10,49 und 11,49 Euro. Die Internationale Kaffeeorganisation warnt zudem, dass steigende Düngemittelpreise — befeuert durch die Hormuz-Krise — die Produktionskosten für Kaffeebauern weltweit erhöhen könnten.

Geopolitik gegen Zinspolitik — die Bruchlinie durch den Rohstoffsektor

Mitte Mai 2026 verläuft eine klare Trennlinie durch den Rohstoffmarkt. Auf der einen Seite Energie: Brent profitiert direkt von der Hormuz-Blockade, durch die rund 20 Prozent des global per Schiff gehandelten Rohöls fließen. Auf der anderen Seite Edelmetalle: Gold und Silber leiden unter genau derselben Krise — weil explodierende Energiepreise die Inflation anheizen und Zinssenkungsfantasien begraben.

Kupfer und Kaffee bewegen sich zwischen diesen Polen. Kupfer hat mit struktureller Nachfrage ein solides Fundament, wird aber durch Zinsängste und Gewinnmitnahmen gebremst. Kaffee entkoppelt sich zunehmend von den Terminpreisen, weil verzögerte Weitergabe und steigende Inputkosten die Branche belasten.

Hormuz bleibt der Schlüssel für alle fünf Märkte

Die entscheidende Variable heißt weiterhin Straße von Hormuz. Citi rechnet mit einer iranischen Einigung zur Wiedereröffnung gegen Ende Mai, sieht die Risiken aber in Richtung Verzögerung oder nur teilweiser Öffnung. Eine Deeskalation würde den Inflationsdruck mildern und könnte Zinssenkungsfantasien zurückbringen — Rückenwind für Gold und Silber, Gegenwind für Brent. Kupfer bliebe durch die KI-Infrastruktur und den Energieumbau langfristig gestützt. Beim Kaffee deutet die brasilianische Ernteprognose auf weiteren Druck am Terminmarkt — bis das im Supermarktregal ankommt, vergehen allerdings Monate.

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