Die Rohölexporte aus dem Nahen Osten steigen wieder, bringen dem globalen Energiemarkt aber kaum Entlastung. Zwar erreichen die Lieferungen wieder einen Großteil ihres früheren Umfangs, gefährliche Seewege und exorbitante Transportkosten halten das Angebot jedoch verknappt. Der Preis für Brent-Rohöl verharrt bei 102,72 Dollar je Barrel.
Im September kletterten die Ausfuhren aus der Nahost-Region wieder auf schätzungsweise 80 Prozent des Vorkriegsniveaus. Rund 12,8 Millionen Barrel verließen die Förderländer zuletzt täglich. Vor allem Saudi-Arabien steigerte seine Lieferungen spürbar und näherte sich wieder dem Niveau des Vorjahres an.
Hinter diesen Exportzahlen steckt ein aufwendiger logistischer Kraftakt. Um die Gefahrenzone der Straße von Hormus zu umgehen, verlagern Reedereien das Rohöl zunehmend über riskante Umladungen auf hoher See. Tanker nehmen die Ladung im Persischen Golf auf und pumpen sie vor Oman oder den Vereinigten Arabischen Emiraten auf andere Schiffe um.
Diese zweistufigen Transporte binden erhebliche Schiffskapazitäten. Für den September wurde ein Umladevolumen von rund 2,5 Millionen Barrel pro Tag erwartet. Die weltweiten Bestände auf schwimmenden Lagern fielen im Zuge dieses Mangels an verfügbaren Schiffen von 145 Millionen Barrel im April auf etwa 88 Millionen Barrel zurück.
Teure Ausweichrouten treiben Transportkosten
Die Verknappung treibt die Charterraten in beispiellose Höhen. Für Supertanker, die Routen durch die Meerenge von Hormus bedienen, werden Tagesraten zwischen 1,0 und 1,27 Millionen Dollar fällig. Parallel dazu kletterten die Frachtraten für Container zwischen Ostasien und Nordeuropa um 85 Prozent.
Reedereien zahlen diese immensen Aufschläge nicht ohne Grund. Die Sicherheitslage an der strategischen Meerenge bleibt hochgradig instabil. Seit dem Ausbruch des Konflikts am 28. Februar gab es 80 verifizierte Angriffe auf Handelsschiffe, bei denen mindestens 22 Seeleute ums Leben kamen.
Puffer durch staatliche Notreserven
Hoffnungen auf eine rasche diplomatische Lösung brachten bisher kein greifbares Ergebnis. Zwar stellte die US-Führung ein mögliches Ende der Kampfhandlungen nach den anstehenden Präsidentschaftswahlen in Aussicht, verbindliche Schritte fehlen jedoch. Während Teheran auf seinen Bedingungen für eine freie Passage beharrt, wurde vor der Küste Omans kürzlich erneut ein Tanker von einem Projektil getroffen.
Um die Versorgung dennoch zu stabilisieren, greifen westliche Industriestaaten zu ihren Notreserven. Die G7-Länder haben die koordinierte Freigabe von bis zu 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel über einen Zeitraum von vier Monaten beschlossen. Dieser Eingriff dämpft die Notierungen an den Terminmärkten kurzfristig ab, beseitigt aber nicht das strukturelle Nadelöhr auf den Seewegen.


