Ein Krieg im Nahen Osten, ein taumelnder Yen und eine EZB, die trotz Wachstumssorgen die Zinsen anhebt: Die globalen Notenbanken stecken in einem Dilemma. Steigende Energiepreise treiben die Inflation weltweit wieder nach oben, während die Konjunktur längst nicht robust genug ist, um höhere Zinsen locker wegzustecken. Diese Gemengelage bestimmt die Märkte in dieser Woche gleich auf mehreren Kontinenten.
Öl als Brandbeschleuniger der Inflation
Der Auslöser der jüngsten Turbulenzen liegt vor der Straße von Hormus. Nachdem die USA und Iran gegenseitig Schiffe angegriffen haben, kündigte Teheran eine Sperrzone außerhalb der wichtigen Öl-Passage an. Die Folge: Brent-Rohöl kletterte auf 96,45 Dollar je Barrel, nach einem Plus von fast zehn Prozent in der Vorwoche. US-Rohöl (WTI) zog auf 91,85 Dollar an.
Besonders schmerzhaft trifft es die Dieselpreise in den USA. Mit durchschnittlich 5,90 Dollar pro Gallone erreichten sie ein Rekordhoch – befeuert auch durch Drohnenangriffe auf russische Raffinerien und ein russisches Exportverbot für Kraftstoffe. US-Energieminister Chris Wright stellte gegenüber CBS klar, die Regierung setze auf mehr Förderung statt auf Exportbeschränkungen. „Die Lösung für eine Angebotsknappheit ist mehr Angebot“, so Wright – ein Exportstopp bleibe vom Tisch, obwohl Spekulationen darüber die Runde machten.
Diese Öl-Rally ist der rote Faden, der sich durch fast alle Zinsentscheidungen dieser Woche zieht.
EZB zwischen Vorsicht und Zinserhöhung
Die Europäische Zentralbank dürfte am Donnerstag die Zinsen um einen Viertelpunkt anheben – Marktteilnehmer haben den Schritt praktisch vollständig eingepreist. Die Eurozone-Inflation kletterte im August wieder über drei Prozent, angetrieben von höheren Energiekosten. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski nennt es eine „Versicherungs-Zinserhöhung“ oder, für alle, die den Begriff nicht mögen, eine „taubenhafte Zinserhöhung“.
Ein Selbstläufer ist die Sache trotzdem nicht. Die Dienstleistungsinflation sank im August trotz des Gesamtanstiegs, der Arbeitsmarkt bleibt schwach, und das Lohnwachstum verlangsamt sich weiter. Genau deshalb rechnen die meisten Ökonomen damit, dass die EZB nach September erst einmal pausiert. Spannend wird laut Commerzbank-Ökonom Marco Wagner vor allem, wie die Notenbank die Weitergabe der Energiepreise auf die Kerninflation einschätzt – ein Thema mit „viel Unsicherheit“.
Verschärft wird die Lage durch die Anleihemärkte. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen sind in Frankreich und Italien um rund 65 Basispunkte gestiegen, in Deutschland um 50 Basispunkte – ein Zeichen wachsender Sorgen um Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung. Diese steigenden Kapitalmarktzinsen erledigen laut Beobachtern einen Teil der geldpolitischen Arbeit bereits von selbst. State-Street-Stratege Michael Metcalfe erwartet, dass die EZB betont, nur bei Bewegungen einzugreifen, die nicht durch Fundamentaldaten gerechtfertigt sind – „das scheint hier nicht der Fall zu sein“.
Yen-Wende schockt Spekulanten
Während Europa über Zinserhöhungen debattiert, erlebt Japan gerade eine handfeste Währungsüberraschung. Sechs Wochen nach einem Vier-Jahrzehnte-Tief steuert der Yen auf ein Wochenplus von rund zwei Prozent gegenüber dem Dollar zu – der stärkste Anstieg seit der seltenen gemeinsamen US-japanischen Intervention Ende Juli.
Mehrere Kräfte wirken hier zusammen. Erstens: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung der Bank of Japan im September liegt inzwischen bei fast 100 Prozent, verglichen mit gerade einmal 52 Prozent noch vor einem Monat. Takuji Aida, Wirtschaftsberater von Premierministerin Sanae Takaichi und eigentlich ein bekannter Kritiker von BOJ-Zinserhöhungen, geht inzwischen sogar von einem Zinsschritt im September aus – gefolgt von einem weiteren bis Januar. Zweitens ziehen japanische Institutionelle offenbar in großem Stil Kapital aus dem Ausland ab, nachdem die heimischen Anleiherenditen historische Höchststände erreicht haben. Drittens lastet der Abbau jahrelanger Yen-Carry-Trades auf der Position der Shortspekulanten.
Wie teuer diese Wende bereits war, zeigen die japanischen Devisenreserven: Sie fielen im August um rekordverdächtige 79,6 Milliarden Dollar auf 1,208 Billionen Dollar – der größte monatliche Rückgang der Geschichte. Grund war der Verkauf von Devisenpapieren, vermutlich größtenteils US-Staatsanleihen, um die massivste Yen-Intervention aller Zeiten zu finanzieren: 15,4 Billionen Yen zwischen dem 30. Juli und 26. August.
Eurizon-SLJ-Chef Stephen Jen zieht einen historischen Vergleich zur Asienkrise 1998 und dem Kollaps von Long-Term Capital Management: Die Positionierung sei so extrem, dass ein abrupter Umkehrschub jederzeit möglich sei. JPMorgan beziffert die aufgebauten Yen-Shortpositionen seit Amtsantritt von Takaichi auf umgerechnet 109 Milliarden Dollar – ein vollständiger Abbau könnte den Dollar-Yen-Kurs auf 142 bis 146 drücken, deutlich unter das aktuelle Niveau von rund 156.
Dollar unter Druck trotz Zinsfantasie
Paradoxerweise profitiert der Dollar kaum von den steigenden Zinserwartungen der Fed. Nach den überraschend starken US-Arbeitsmarktdaten preisen Händler eine Wahrscheinlichkeit von 57 bis 58 Prozent für eine Fed-Zinserhöhung am 16. September ein. Doch der Dollar-Index verharrt bei rund 99,1 Punkten, nicht weit von seinem jüngsten Tief bei 98,558.
BBH-Stratege Elias Haddad bringt es auf den Punkt: Selbst wenn eine Fed-Erhöhung im September beschlossene Sache werde, dürfte der Dollar kaum neue zyklische Höchststände erreichen – schlicht weil auch andere große Notenbanken straffen und die Zinsdivergenz schrumpft. Sorgen um die wachsende US-Staatsverschuldung und politische Unsicherheiten treiben Anleger zusätzlich in knappe Anlagen wie Gold, das bei rund 4.426 Dollar je Unze notiert, und Bitcoin, das über der Marke von 80.000 Dollar verharrt.
Ausblick
Die kommenden Tage dürften zeigen, wie ernst es den Notenbanken mit ihrem koordinierten Kurswechsel ist. Am Donnerstag entscheidet die EZB, am 16. September die Fed, am 17. und 18. September die Bank of Japan – dazwischen liefert der US-Verbraucherpreisindex am Freitag den nächsten wichtigen Fingerzeig. JPMorgan-Chefvolkswirt Bruce Kasman bringt die Lage auf den Punkt: Die geduldige Haltung der Notenbanken während des Energieschocks habe die Märkte bislang gestützt – „doch jetzt sind die Notenbanken in Bewegung“. Ob Öl, Yen oder Anleihemärkte: Die Frage ist nicht mehr, ob gehandelt wird, sondern wie synchron und wie weit die globale Zinswende noch reicht.
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