Liebe Traderinnen und Trader,
eine Pipeline, die vier bis fünf Prozent der globalen Ölversorgung transportiert, steht still. Eine Insel am Bab al-Mandab, einem der wichtigsten Nadelöhre des Welthandels, ist in der Hand von Houthi-Rebellen. Und der US-Dieselpreis notiert bei über sechs Dollar je Gallone, einem Rekordhoch. Wer glaubt, das sei nur eine Geschichte für Energiehändler, hat die vergangene Woche nicht genau genug gelesen: Genau diese Eskalation entscheidet gerade darüber, warum Drohnenaktien rund um den Globus in völlig unterschiedliche Richtungen ausschlagen.
Der Öl-Verteidigung-Nexus: Eskalation als Kurstreiber
Saudi-Arabien hat nach einem Drohnenangriff seine East-West-Pipeline gestoppt. Fast zeitgleich besetzten die Houthi-Rebellen die strategische Insel Perim sowie die Hafenstadt Mocha, und über das Wochenende meldeten Agenturen einen weiteren Angriff auf ein Schiff in der Straße von Hormus. Iran und Oman haben als Reaktion neue Schifffahrtsrouten vereinbart, in der Golfregion nehmen Schiff-zu-Schiff-Transfers spürbar zu – ein Indiz dafür, wie schnell sich Handelsströme bereits umleiten, wenn die Nadelöhre unsicher werden. Brent hält sich hartnäckig über der 100-Dollar-Marke.
Für Anleger ist das mehr als ein Nachrichtenfetzen aus dem Nahen Osten: Genau dieses Eskalationsszenario nährt die Nachfrage nach Drohnen- und Abwehrtechnologie. Nur reagieren die betroffenen Aktien dabei erstaunlich uneinheitlich, und wer das ignoriert, verwechselt Sektor-Story mit Einzeltitel-Realität. DroneShield notiert nach einem Rückgang von rund 42 Prozent seit Jahresbeginn bei etwa 1,04 Euro, nahe seinem 52-Wochen-Tief – obwohl das Unternehmen seine Jahresprognose zuletzt bestätigt hat. Genau diese Diskrepanz lesen manche Anleger als Kontra-Signal. Noch deutlicher zeigt sich das Auseinanderlaufen von Zahlen und Kurs bei AeroVironment: Der Rüstungselektronik-Spezialist meldete für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Rekordquartalsumsatz von 480,5 Millionen Dollar und einen Auftragsbestand von 1,5 Milliarden Dollar – und die Aktie brach in den vergangenen 30 Tagen dennoch um rund ein Viertel ein, seit Jahresbeginn steht ein Minus von rund 41 Prozent zu Buche. Wenn Rekordzahlen und Kursverfall zusammenfallen, ist das kein Rauschen, sondern ein Warnsignal für überzogene Vorab-Erwartungen, die jetzt korrigiert werden.
Frischen Rückenwind gibt es dagegen aus Kanada, und der zeigt, worauf es im Sektor wirklich ankommt: echte Aufträge statt Kriegsangst. Draganfly hat einen Fünfjahresvertrag der kanadischen Regierung über zunächst 100 taktische Aufklärungsdrohnen gewonnen, mit Optionen auf bis zu 4.900 weitere Systeme im Wert von rund 24,25 Millionen kanadischen Dollar. Auch Volatus Aerospace sicherte sich einen Auftrag der kanadischen Streitkräfte; Stifel Canada sieht bei einem Kursziel von 1,00 kanadischen Dollar gegenüber dem Schlusskurs von 0,63 Dollar ein Potenzial von rund 59 Prozent. Die Lehre für den Sektor: Wer pauschal „Drohnen kaufen“ denkt, übersieht den Unterschied zwischen Story-Aktien mit echtem Auftragsschub und rein sentimentgetriebenen Kursausschlägen.
Während Drohnenangriffe und Pipeline-Stopps am Golf zeigen, wie eng Energiesicherheit und Verteidigung inzwischen verflochten sind, rückt auch in Europa eine ähnliche Dynamik in den Fokus: Über 800 Milliarden Euro fließen derzeit in Rüstung, Energie und Infrastruktur, um die strategische Unabhängigkeit des Kontinents zu stärken. Ein kostenloser PDF-Report von Analyst Volkmar Michler ordnet ein, welche Unternehmen von diesem Billionenprogramm am stärksten profitieren könnten. Jetzt Profiteure entdecken
BASF nutzt die Öl-Rally zur Portfoliobereinigung
Während die Eskalation am Golf Drohnenbauer treibt, nutzt ein deutsches Schwergewicht sie ganz anders: zum Ausstieg. BASF hat die aktuelle Stärke bei Harbour Energy genutzt, um Kasse zu machen. Der Konzern platzierte insgesamt 133 Millionen Harbour-Energy-Aktien zu je 266 Pence. Davon gingen 80 Millionen Aktien an institutionelle Investoren – die eigentlichen Verkaufserlöse für BASF –, während Harbour Energy die verbleibenden 53 Millionen Aktien im Rahmen eines eigenen Rückkaufprogramms erwarb. In der Gesamttransaktion sinkt der BASF-Anteil an dem Öl- und Gasförderer von 24,3 auf 16,4 Prozent. Ein Lehrbuchbeispiel für aktives Portfoliomanagement in einer Phase, in der Energiewerte von der Angebotsangst profitieren: BASF bleibt zwar größter Anteilseigner, reduziert aber sein Risiko in einem Sektor, dessen Bewertung derzeit stärker von geopolitischen Schlagzeilen abhängt als von operativen Fundamentaldaten.
Flatexdegiro: Governance-Beben drückt Aktie auf Jahrestief
Abseits der Öl-Geschichte sorgte in Frankfurt der Rückzug des Flatexdegiro-Aufsichtsratsvorsitzenden Lotter für Wirbel, der zum 10. Oktober aus dem Gremium ausscheidet. Die Aktie brach daraufhin um rund 7,4 Prozent ein und markierte mit 30,58 Euro ein neues 52-Wochen-Tief. Governance-Themen wiegen in einem ohnehin nervösen Marktumfeld doppelt schwer – ein Warnsignal für Anleger, die Nebenwerte mit dünner Handelsliquidität im Depot halten.
Zinsdruck bleibt der Hintergrundfaktor
Die überraschend feste US-Inflation im August – Verbraucherpreise plus 0,4 Prozent zum Vormonat, Kernrate plus 0,3 Prozent – hat die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Fed-Zinserhöhung am 16. September auf rund 86 bis 90 Prozent nach oben getrieben. Dass Wall Street trotzdem zulegte, lag vor allem daran, dass die Ölpreise zum Wochenschluss von ihren Wochenhochs zurückkamen. Für den DAX bedeutet das eine unbequeme Doppelbelastung: Steigende Zinsen drücken auf Bewertungen, ein Ölpreis über 100 Dollar treibt gleichzeitig die Kosten – eine Gemengelage, die auch die jüngste Zinserhöhung der EZB nicht entschärft hat.
Marschroute
Der DAX beendete die Woche bei rund 25.560 Punkten nach einem Wochenverlust von etwa zwei Prozent und kämpft weiterhin mit dem Widerstand um die 25.600/25.750er-Marke, während die Unterstützungszone bei 25.250 bis 25.300 Punkten das nächste kritische Level bleibt. Richtungsweisend wird die Fed-Zinsentscheidung am Mittwoch, gefolgt von US-Einzelhandelsdaten, Immobilienzahlen und Industrieproduktion in der zweiten Wochenhälfte. Bei DroneShield lohnt der Blick auf die Zone um 1 Euro als möglichen Boden, bei AeroVironment auf die Diskrepanz zwischen operativen Zahlen und Kursverlauf – und beim Ölpreis selbst darauf, ob sich die Lage rund um Hormus und den Bab al-Mandab weiter zuspitzt oder die neuen Ausweichrouten über Oman erste Entspannung bringen. Das Wochenende neigt sich, die Fed-Woche steht bevor – halten Sie die Levels im Blick.
Gute Trades, Ihr Andreas Sommer
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