Der Konflikt um die Straße von Hormus hält die Finanzmärkte in Atem. Drei Wochen nach Beginn der US-israelischen Militäroperationen gegen Iran sind die Ölpreise um mehr als 40 Prozent gestiegen – und die Weltwirtschaft spürt den Druck an immer mehr Stellen gleichzeitig.
US-Rohöl notiert inzwischen bei rund 98 Dollar je Barrel, Brent bei etwa 112 Dollar. Durch die Straße von Hormuz fließen normalerweise rund 20 Prozent des weltweiten Rohöl- und Flüssiggasangebots. Dieser Kanal ist faktisch blockiert – mit Folgen, die weit über die Energiemärkte hinausreichen.
Eskalation am Golf
Die jüngsten Entwicklungen zeichnen ein widersprüchliches Bild. Iran hat angekündigt, die Straße von Hormuz für „neutrale“ Schiffe zu öffnen – also solche, die nicht mit Irans Feinden in Verbindung stehen. Gleichzeitig berichtete ein iranischer Abgeordneter, dass passierende Schiffe künftig eine Gebühr von zwei Millionen Dollar zahlen müssten. Von echter Entspannung ist das weit entfernt.
Parallel dazu hatte US-Präsident Donald Trump ein 48-Stunden-Ultimatum gestellt: Teheran solle die Meerenge bedingungslos freigeben, andernfalls drohe die „Vernichtung“ iranischer Kraftwerke. Irans Militär antwortete mit einer Drohung symmetrischer Gegenangriffe auf Energie-, Wasser- und IT-Infrastruktur in der Region. Trump erklärte indes, die Militärkampagne laufe „Wochen vor dem Zeitplan“ – und lehnte Verhandlungen vorerst ab.
Die Lage wird durch den Tod von Irans Geheimdienstminister erschwert, der bei einem israelischen Luftangriff am 18. März ums Leben kam. Sein Nachfolger wurde noch nicht offiziell benannt – aus Sicherheitsgründen, wie es aus Teheran heißt.
Inflationsdruck und Zinswende in Sichtweite
An den Aktienmärkten hinterlässt der Energiepreisanstieg tiefe Spuren. Der S&P 500 verzeichnete seine vierte Woche in Folge mit Verlusten und fiel auf den tiefsten Stand seit sechs Monaten. Der Index unterschritt dabei erstmals seit Mai seine 200-Tage-Linie – ein Signal, das Techniker aufmerksam beobachten. Der Nasdaq liegt knapp 10 Prozent unter seinem Oktober-Allzeithoch.
Besonders heikel: Die Hoffnung auf Zinssenkungen in diesem Jahr ist weitgehend verflogen. Stattdessen preisen Terminmärkte inzwischen leichte Chancen auf Zinserhöhungen ein. Fed-Chef Jerome Powell gab sich auf der vergangenen Sitzung betont vorsichtig – die Unsicherheit über den weiteren Wirtschaftsverlauf sei schlicht zu groß.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg zuletzt auf 4,38 Prozent, den höchsten Stand seit dem vergangenen Sommer. Steigen die Renditen nachhaltig über 4,5 Prozent, könnte das den Druck auf Aktien weiter erhöhen, warnen Strategen von Truist Advisory Services. Anleihen würden dann relativ zu Aktien attraktiver – ein klassisches Umschichtungssignal.
Marginendruck bei Konsumwerten
Jefferies hat die Auswirkungen des Ölpreisschocks auf den Konsumsektor genauer untersucht – und kommt zu einem ernüchternden Befund. Höhere Energiekosten treffen Unternehmen zunächst über Fracht, Kraftstoff und Vorleistungen. Erst später spiegeln sich diese Belastungen in schwächerer Nachfrage wider, wenn die gestiegenen Preise die Kaufkraft der Haushalte aushöhlen.
Besonders anfällig sind Händler mit globalen Lieferketten und Logistik-Exposition. Asset-leichte Geschäftsmodelle mit lokaler Produktion und Anbieter für einkommensstarke Zielgruppen dürften dagegen stabiler durch den Schock kommen. Sollten die Ölpreise in Richtung 140 bis 175 Dollar je Barrel steigen, warnen manche Analysten vor einer Rezession in den großen Volkswirtschaften.
Japan besonders verwundbar
Japanische Aktien reagierten auf die Energiemarktturbulenzen mit einem scharfen Rückgang. Bank of America sieht im jüngsten Ausverkauf des Nikkei 225 ein kurzfristiges Tief – ausgelöst durch einen Mix aus Japans hoher Importabhängigkeit bei Energie und dem raschen Abbau von KI-lastigen Positionen.
Japan ist als rohstoffarme Volkswirtschaft besonders exponiert. Eine anhaltende Blockade der Straße von Hormuz würde nicht nur Öl-, sondern auch LNG-, Kohle- und Industriemetallimporte treffen. Normalisieren sich die geopolitischen Spannungen, könnte der japanische Aktienmarkt laut BofA seinen längerfristigen Aufwärtstrend wieder aufnehmen – gestützt durch solide Unternehmensgewinne und stabiles Engagement ausländischer Investoren. Ob das schnell genug geschieht, bleibt offen.
Chinas Balanceakt
Während der Nahe Osten brennt, versucht China, wirtschaftliche Stabilität zu signalisieren. Auf dem China Development Forum in Peking versprach Premierminister Li Qiang eine weitere Öffnung der Wirtschaft und ausgewogenere Handelsbeziehungen – nach einem Rekordsaldo von 1,2 Billionen Dollar im Außenhandel 2025.
Die Botschaft richtet sich an internationale Konzerne, die zunehmend unter Druck geraten, ihre Abhängigkeit von China zu überdenken. Apple-Chef Tim Cook bekräftigte dennoch die Zusammenarbeit mit chinesischen Zulieferern. Volkswagen, Samsung, Siemens und Novartis waren ebenfalls vertreten. Der Iran-Krieg hat Pekings Agenda zusätzlich kompliziert: US-Präsident Trump verschob wegen des Konflikts seinen geplanten Besuch bei Xi Jinping – ein Treffen, das die Handelsspannungen zwischen den USA und China abbauen sollte.
Märkte zwischen Hoffen und Bangen
Die Frage, die alle Marktteilnehmer umtreibt, lässt sich simpel formulieren: Handelt es sich um einen kurzfristigen Schock – oder den Beginn einer dauerhaften Neuordnung der globalen Energieversorgung?
UBS-Analysten warnten zuletzt, dass die jüngsten Entwicklungen die Märkte in Richtung eines „höher und länger“ bei Ölpreisen treiben. Chris Fasciano von Commonwealth Financial Network blieb trotzdem verhalten optimistisch: Die Korrektur verlaufe bislang „geordnet“, da die Fundamentaldaten amerikanischer Unternehmen noch intakt seien. Wie lange das so bleibt, hängt davon ab, wie schnell sich eine Lösung im Persischen Golf abzeichnet – und danach sieht es derzeit nicht aus.


