Der Iran-Krieg lässt die Welt nicht zur Ruhe kommen. Kaum schien ein Waffenstillstand zwischen den USA und Iran in Reichweite, droht er bereits zu zerbrechen — und die Finanzmärkte reagieren entsprechend nervös. Öl schießt nach oben, Aktien geben nach, und von Kanada bis Australien zieht ein wirtschaftlicher Gegenwind auf.
Waffenstillstand auf der Kippe
Das fragile Abkommen zwischen Washington und Teheran steht unter schwerem Druck. Nachdem die USA ein iranisches Frachtschiff beschlagnahmten, sagte Iran seine Teilnahme an einer zweiten Verhandlungsrunde ab — und drohte mit Vergeltung. Die Folge: Der Ölpreis explodierte. US-Rohöl verteuerte sich um knapp 7 Prozent auf 89,61 Dollar je Barrel, die Nordseesorte Brent stieg auf 95,48 Dollar. Hintergrund ist die anhaltende Blockade des Seewegs durch die Straße von Hormus, über die rund ein Fünftel des weltweiten Ölangebots transportiert wird.
An den Aktienmärkten blieben die Verluste überschaubar. Der S&P 500 gab 0,28 Prozent nach, der Nasdaq verlor 0,36 Prozent und beendete damit eine 13-tägige Gewinnserie — die längste seit Januar 1992. „Wir sehen keinen großen Verkaufsdruck, weil der Markt in der Vorwoche gezeigt hat, wie wichtig es ist, investiert zu bleiben“, sagte Robert Pavlik vom Vermögensverwalter Dakota Wealth. Der Gedanke, eine Rallye verpasst zu haben, hält viele Anleger davon ab, jetzt zu verkaufen.
Der europäische STOXX 600 gab stärker nach, minus 0,82 Prozent, während asiatische Märkte sich besser hielten: Japans Nikkei stieg um 0,60 Prozent.
Inflation als Kollateralschaden
Der Ölpreisanstieg hinterlässt in verschiedenen Volkswirtschaften sichtbare Spuren — besonders in Kanada. Die kanadische Jahresinflation kletterte im März auf 2,4 Prozent, monatlich stiegen die Preise um 0,9 Prozent, so stark wie seit 14 Monaten nicht mehr. Benzinpreise legten im Monatsvergleich um über 21 Prozent zu. Auch Lebensmittel verteuerten sich: Frisches Gemüse kostete 7,8 Prozent mehr als im Vorjahr, der stärkste Anstieg seit August 2023.
Bemerkenswert: Die Kerninflation — also bereinigt um extreme Preisausschläge — bleibt mit 2,2 bis 2,3 Prozent stabil. Bank-of-Canada-Gouverneur Tiff Macklem zeigte sich daher zuletzt gelassen gegenüber dem kurzfristigen Inflationsanstieg. Die Geldmärkte preisen dennoch eine Zinserhöhung von 25 Basispunkten später in diesem Jahr ein.
Umfragen der Zentralbank zeichnen ein besorgniserregendes Verbraucherbild: 28 Prozent der kanadischen Haushalte haben größere Ausgaben verschoben oder reduziert, 21 Prozent haben Reisen abgesagt — in erster Linie wegen gestiegener Reisekosten. Unternehmen in energieintensiven Branchen wie Landwirtschaft, Transport und Fertigung berichten bereits von höheren Inputkosten durch teurere Treibstoffe und Frachtraten.
EZB wartet ab — vorerst
Auch die Europäische Zentralbank tastet sich vorsichtig durch das Nebel der Unsicherheit. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte in Berlin, dass die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts noch nicht das Ausmaß des eigenen Negativszenarios erreicht hätten. Zwar seien die Energiepreise deutlich gestiegen, doch Erdgaspreise lägen noch unter der Basisprognose — unter anderem weil asiatische Käufer auf Kohle umsteigen.
Lagarde verwies auf zwei gegenläufige Kräfte: Das Inflationsgedächtnis der Bevölkerung aus 2022 könnte Lohn- und Preisforderungen früher anheizen als in früheren Schocks. Gleichzeitig drücken höhere Energiekosten die verfügbaren Einkommen und begrenzen die Preissetzungsmacht der Unternehmen. Für die Sitzung am 30. April dürfte das Signal klar sein: Abwarten, mehr Daten sammeln. Bemerkenswert ist, dass Jetfuel-Preise sich seit Kriegsbeginn nahezu verdoppelt haben und an einzelnen Flughäfen bereits Kontingentierungen gelten — ein stiller Vorbote möglicher Zweitrundeneffekte.
US-Häusermarkt unter Druck
Besonders sichtbar ist die Wirkungskette aus Öl, Inflation und Zinsen am US-Immobilienmarkt. Höhere Ölpreise verteuern Baustoffe, da Erdöl in zahlreiche Produkte des Hausbaus einfließt — von Rohren bis zur Dämmung. Hinzu kommen Zölle auf Importmaterialien und Engpässe beim Arbeitskräfteangebot.
„Geopolitische Spannungen, höhere Zinsen und wirtschaftliche Unsicherheit belasten die Verbraucher in einer entscheidenden Phase der Frühjahrskaufsaison“, sagte Barclays-Analyst Matthew Bouley. Typischerweise läuft der Immobilienmarkt zwischen März und Juni auf Hochtouren — doch in diesem Jahr enttäuschen die Verkaufszahlen. Evercore-ISI-Analyst Stephen Kim bezeichnete die diesjährige Saison als „enttäuschend“, mit schlechteren Nachfragetrends als in den Vorjahren.
Der 30-jährige Hypothekenzins, der Ende Februar kurz unter 6 Prozent gefallen war, stieg bis Anfang April wieder auf rund 6,5 Prozent. Unternehmen wie Lennar und KB Home, die in dieser Woche Quartalsergebnisse vorlegen, dürften erneut Margendruck eingestehen müssen. DR Horton, PulteGroup und NVR folgen in den nächsten Tagen.
Venezuela und die Hoffnung der Gläubiger
Inmitten der globalen Verwerfungen gibt es einen überraschenden Lichtblick — ausgerechnet in Caracas. Beim IWF-Weltbank-Frühjahrstreffen vergangene Woche dominierten zwar düstere Wachstumsprognosen die offizielle Agenda, doch auf den Seitenveranstaltungen war Venezuela das meistdiskutierte Thema. Sechs Banken, darunter JPMorgan, Bank of America und Barclays, luden zu gut besuchten Investorenbriefings — mit einem klaren Fokus: der möglichen Umstrukturierung von Venezuelas rund 60 Milliarden Dollar an ausgefallenen Anleihen, inklusive weiterer Verpflichtungen möglicherweise bis zu 170 Milliarden Dollar.
Seit der Verhaftung von Ex-Präsident Nicolas Maduro und der Annäherung zwischen Washington und der Übergangsregierung unter Delcy Rodriguez sind die Preise einiger venezolanischer Anleihen auf den höchsten Stand seit einem Jahrzehnt gestiegen. Der IWF nahm erstmals seit 2019 wieder Kontakt zu Caracas auf — ein wichtiger Schritt, der Zugang zu rund 5 Milliarden Dollar an Sonderziehungsrechten ermöglichen könnte.
Während Investoren optimistisch sind, mahnen JPMorgan-Analysten zur Geduld: Von einer raschen Einigung sei noch nichts zu sehen.
Ausblick: Wie haltbar ist die Erholung?
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Waffenstillstand standhält — und damit, wohin sich Ölpreis und Inflation bewegen. Die EZB, die Bank of Canada und die Finanzmärkte warten auf dasselbe Signal. Sollte der Konflikt eskalieren, drohen weitere Preisschübe, die Zentralbanken zu schärferen Reaktionen zwingen könnten. Hält der Frieden, bleibt die Lage beherrschbar. Beide Szenarien sind derzeit gleichwahrscheinlich — und genau das ist das Problem.


