Ölschock bedroht Weltwirtschaft

Die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran-Krieg hat die Ölpreise massiv erhöht und droht, das globale Wachstum zu bremsen. Zentralbanken sehen steigende Inflations- und Rezessionsrisiken.

KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert
Kurz & knapp:
  • Ölpreise über 50 Prozent höher als vor Kriegsbeginn
  • Goldman Sachs sieht US-Rezessionsrisiko bei bis zu 30 Prozent
  • Fed beobachtet gleichzeitige Risiken für Arbeitsmarkt und Inflation
  • China profitiert von geringerer Ölabhängigkeit und Rohstoffvorteilen

Der Iran-Krieg hat die globale Wirtschaft in eine gefährliche Lage manövriert. Seit fünf Wochen blockiert der Konflikt rund ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung — und die Folgen reichen von indischen Fabrikschließungen bis zu geplatzten Lieferverträgen in Kalifornien. Am Dienstagabend verkündete US-Präsident Donald Trump dann eine zweiwöchige Pause der geplanten Militärschläge gegen Iran, vermittelt durch Pakistan. Der S&P-500-ETF stieg daraufhin um rund 1,6 Prozent im Nachhandel, der WTI-Rohölpreis fiel um knapp 7 Prozent auf rund 102,50 Dollar.

Wenn Öl zur Waffe wird

Brent-Rohöl kostet derzeit rund 109 Dollar pro Barrel — mehr als 50 Prozent über dem Niveau von etwa 70 Dollar kurz vor Kriegsbeginn am 28. Februar. Die Straße von Hormus, durch die täglich bis zu 20 Millionen Barrel Öl und Raffinierieprodukte flossen, ist de facto geschlossen. Nur ein Bruchteil davon erreicht Weltmärkte noch über alternative Pipelinerouten.

Für Kevin Kelly, der in Kalifornien Plastiktüten für den Lebensmittelhandel produziert, bedeutet das Existenzangst. Die Kosten für Kunstharz sprangen binnen weniger Wochen von 45 auf 85 Cent pro Pfund — ein Anstieg, der seine Verträge wirtschaftlich unerfüllbar macht. „Wir erklären einfach höhere Gewalt“, sagte er. In Indiens Gujarat mussten Dutzende Aluminiumhütten schließen — vier bis fünf Tage nach Kriegsbeginn, wegen fehlender Gasversorgung. Indien gehört zu den führenden Exporteuren von Aluminiumprofilen weltweit, die unter anderem für Solaranlagen und Bauwerke benötigt werden.

Goldman Sachs beziffert das US-Rezessionsrisiko inzwischen auf bis zu 30 Prozent. Der Internationale Währungsfonds will seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft senken und die Inflationserwartungen anheben, wie IWF-Chefin Kristalina Georgieva in dieser Woche ankündigte. Nathan Sheets, Chefökonom bei Citi, warnte: „Je größer dieser Schock wird, desto stärker steigen die Rezessionsrisiken. Es gibt wahrscheinlich Schwellenwerte, ab denen bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten nicht mehr rentabel sind.“

Fed zwischen Inflation und Jobmarkt

Die US-Notenbank Fed beobachtet die Lage mit wachsender Sorge. Vizepräsident Philip Jefferson räumte am Dienstag offen ein, er sehe „Abwärtsrisiken für den Arbeitsmarkt und Aufwärtsrisiken für die Inflation“ zugleich. Der Leitzins verharrt bei 3,50 bis 3,75 Prozent — die Fed signalisiert, weitere Fortschritte bei der Inflation abwarten zu wollen, bevor sie die Zinsen senkt.

Die Dallas Fed hat unterdessen durchgespielt, was ein längerer Hormuz-Verschluss für die Inflation bedeuten könnte. Bei einer Schließung von einem Quartal könnte die Inflation auf Jahresbasis zeitweise um 5,2 Prozentpunkte steigen. Hält die Blockade neun Monate an, könnte Öl auf 167 Dollar klettern und die Jahresinflation zum Jahresende um bis zu 1,8 Prozentpunkte nach oben treiben. Die gute Nachricht: Langfristige Inflationserwartungen dürften sich kaum verschieben — eine wichtige Orientierungsgröße für die Notenbanker.

Zentralbanken und die Vertrauenskrise im Dollar

Nicht nur die Fed ist alarmiert. Eine Umfrage unter fast 100 Zentralbanken mit insgesamt über 9,5 Billionen Dollar Währungsreserven zeigt: Geopolitische Spannungen sind zur meistgenannten Risikoqelle aufgestiegen. Fast 70 Prozent der befragten Institute nennen Geopolitik als größtes Risiko — 2024 waren es noch 35 Prozent.

Gleichzeitig gerät das Vertrauen in den Dollar ins Wanken. Nur noch ein Drittel der Befragten erwartet, dass US-Anleihen andere G7-Bonds überperformen werden — vor zwei Jahren waren es noch über 70 Prozent. Der Anteil der Zentralbanken, die den Dollar als prägenden Faktor für ihr Reservemanagement nennen, stieg von gut 3 auf 16 Prozent. Gold profitiert: Knapp drei Viertel der Zentralbanken halten das Edelmetall in ihren Reserven, fast 40 Prozent erwägen, ihre Bestände auszubauen.

Lateinamerikanische Währungen spiegeln die Nervosität wider. Der chilenische Peso verlor 0,67 Prozent gegenüber dem Dollar — die schwächste Entwicklung der Region seit Kriegsbeginn. Öl-Importabhängigkeit trifft auf allgemeine Dollastärke, was Pantheon Macroeconomics als „strukturelle Verwundbarkeit gegenüber gleichzeitigen Öl- und Dollarschocks“ beschreibt.

Lieferketten unter Druck — China überrascht

Während viele Volkswirtschaften leiden, zeigt sich China erstaunlich widerstandsfähig. Das Land ist wenig abhängig von Golfstaaten-Öl, stark elektrifiziert — und nutzt seinen Rohstoffvorteil gezielt. Export-Beschränkungen für seltene Erden und Metalle hatten 2025 US-Unternehmen unter Druck gesetzt und Washingtons Zölle letztlich gedämpft. „China hat bewiesen, dass seltene Erden eine Massenvernichtungswaffe sind“, sagte Denis Depoux von Roland Berger. „Eine nukleare Waffe des Handels.“

Das zeigt sich auch am Handelsbilanzüberschuss: Für die ersten zwei Monate 2026 meldete Peking 213,6 Milliarden Dollar — gegenüber 169,2 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Chinas Fertigungssektor wuchs im März so schnell wie seit einem Jahr nicht mehr.

Für Unternehmen wie Agilian Technology aus Dongguan bleibt die Lage dennoch komplex. Der Elektronikhersteller, der überwiegend für westliche Marken produziert, hat zwar seinen operativen Betrieb weitgehend stabilisiert. Die zweite Jahreshälfte 2025 war die produktivste in der Firmengeschichte — Produktionsstunden stiegen um 29 Prozent. Parallel baut das Unternehmen Kapazitäten in Malaysia und Indien auf, als Absicherung. „Wir wollen ein Mehrländer-Hersteller werden“, sagt Vizepräsident Renaud Anjoran. „Den langen Zeithorizont im Blick.“

Ausblick: Zwischen Waffenstillstand und Rezession

Trumps zweiwöchige Feuerpause schafft Spielraum — aber keine Gewissheit. Die Bedingung, die Straße von Hormus vollständig zu öffnen, bleibt eine hohe Hürde. Selbst wenn der Konflikt bald endet, warnen Branchenvertreter vor monatelangen Nachwirkungen: beschädigte Raffinerien, gestörte Logistikketten, aufgebrauchte Lagerbestände.

„Sie könnten den Krieg morgen beenden, und es würde trotzdem noch passieren“, sagt Plastikproduzent Kelly. Wie lange die Welt auf eine echte Entspannung warten muss, bleibt die entscheidende Frage.

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Felix Baarz arbeitet seit 2016 als Wirtschaftsjournalist und gehört zur Redaktion der YES Investmedia GmbH.Unter seinem Namen erscheinen auf Trading-Treff seit März 2025 Beiträge zu Aktien, Trading und Indizes sowie zu wirtschaftlichen Rahmenthemen. Schwerpunkte sind Rohstoffwerte sowie KI- und Technologiewerte.Quellen dieses Ressorts: Unternehmensmitteilungen und Pflichtveröffentlichungen, Geschäftsberichte und Quartalszahlen, Kurs- und Handelsdaten der Börsenplätze sowie Meldungen der Nachrichtenagenturen. Bei Index- und Trading-Themen zusätzlich die Zusammensetzung und Anpassungen der Indexanbieter sowie Terminmarktdaten; bei Technologie- und KI-Werten Produktankündigungen und Geschäftszahlen der Unternehmen.Einordnung: Analystenurteile und Kursziele erscheinen als Aussage der jeweiligen Häuser, nicht als Bewertung der Redaktion. Kurs- und Unternehmensangaben geben den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder.