Liebe Leserinnen und Leser,
120 Dollar für ein Fass Rohöl – das war heute Nacht kurz Realität. Ein Wert, den wir zuletzt im Sommer 2022 gesehen haben. Und wie damals schickte der Ölpreis-Schock die Börsen in den Keller. Der DAX rauschte unter die 23.000-Punkte-Marke, Lufthansa verlor fast sechs Prozent, und selbst die Rüstungsriesen zeigten gemischte Signale. Doch inmitten des Chaos gab es überraschende Gewinner: Bitcoin kletterte drei Prozent nach oben, Hensoldt sprang fünf Prozent in die Höhe – und Novo Nordisk beendete einen Rechtsstreit mit einem Handschlag, der die Aktie von Hims & Hers um über 40 Prozent katapultierte. Ein Tag voller Widersprüche. Ich versuche, Ordnung in das Chaos zu bringen.
Der Ölpreis als Marktdiktator: Wenn eine Meerenge die Weltwirtschaft in Atem hält
Stellen Sie sich vor, eine einzige Wasserstraße – 54 Kilometer breit an ihrer engsten Stelle – entscheidet darüber, ob die Weltwirtschaft läuft oder stockt. Genau das ist die Straße von Hormus. Und seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs ist diese Passage faktisch zum Erliegen gekommen.
Das Ergebnis: Brent-Rohöl schoss in der Nacht auf Montag um bis zu 29 Prozent auf fast 120 Dollar hoch – der höchste Stand seit dem Sommer 2022. Seit Kriegsbeginn vor gut einer Woche hat sich der Ölpreis um fast 50 Prozent verteuert. Der Erdgaspreis in Europa verdoppelte sich im gleichen Zeitraum sogar nahezu. Für deutsche Autofahrer bedeutet das: E10 nähert sich der 2-Euro-Marke.
Etwas Erleichterung brachte ein Bericht der Financial Times, wonach die G7-Staaten über eine koordinierte Freigabe ihrer strategischen Ölreserven beraten. Frankreichs Finanzminister Roland Lescure formulierte es vorsichtig: Man habe sich darauf geeinigt, „alle notwendigen Mittel zu nutzen, um den Markt zu stabilisieren“. Eine Entscheidung steht noch aus – aber allein die Debatte drückte den Brent-Preis wieder unter die 100-Dollar-Marke. Deutschland hält strategische Reserven für mindestens 90 Tage, die EU-Kommission sieht die Energieversorgung vorerst nicht gefährdet.
Die entscheidende Frage für Anleger formulierte Marktanalyst Jochen Stanzl von der Consorsbank nüchtern: „Je länger der Ölpreis über 100 Dollar notiert, desto größer ist das Inflationsrisiko, desto stärker nimmt die Rezessionsgefahr zu.“ JPMorgan-Stratege Mislav Matejka sieht den Kursrutsch allerdings möglicherweise bald enden – historisch findet der Markt sein Tief meist dann, wenn die Stimmung am schlechtesten ist.
DAX unter 23.000: Schwache Industrie trifft Ölschock
Der heutige Tag war für DAX-Anleger ein Doppelschlag. Nicht nur der Ölpreis, auch hausgemachte Daten drückten auf die Stimmung. Die deutschen Industrieaufträge brachen im Januar um satte 11,1 Prozent ein – Analysten hatten lediglich ein Minus von 4,3 Prozent erwartet. Die Industrieproduktion fiel ebenfalls um 0,5 Prozent, obwohl ein Plus von 1,0 Prozent prognostiziert worden war.
„Die heutigen Zahlen lassen nicht erwarten, dass die Industrie im ersten Quartal das Wachstum der deutschen Wirtschaft unterstützen wird“, kommentieren Experten der Commerzbank. Der DAX schloss letztlich bei 23.409 Punkten, ein Minus von 0,77 Prozent – deutlich besser als das Tagestief von 22.927 Punkten, aber ein klares Zeichen der Nervosität.
Besonders hart traf es Lufthansa: Die Aktie verlor fast sechs Prozent auf ein Mehrmonatstief. Analysehaus Bernstein hob zwar das Kursziel auf 9,20 Euro an und sieht Lufthansa unter den europäischen Fluggesellschaften vergleichsweise gut positioniert – doch angesichts explodierender Kerosinpreise und gesperrter Lufträume verpuffte die positive Studie. Seit Kriegsbeginn wurden über 37.000 Flüge in und aus dem Nahen Osten gestrichen. Auch die Lufthansa-Gruppe verlängerte ihren Flugstopp nach Dubai, Abu Dhabi und Dammam bis mindestens 15. März.
Hensoldt & Gabler: Rüstung als Gegenpol – aber mit Tücken
Während der breite Markt litt, glänzten einige Rüstungswerte. Hensoldt sprang um über fünf Prozent nach oben, gestützt von einer Kaufempfehlung des Analysehauses Jefferies, das das Papier von „Hold“ auf „Buy“ hochstufte und ein Kursziel von 90 Euro ausgibt. Die Begründung: Starker Auftragsfluss, steigende Nachfrage nach Luftabwehrsystemen wie dem TRML-4D-Radar und ein freier Cashflow-Ausblick, der Jefferies zufolge zu konservativ wirkt.
Rheinmetall legte rund drei Prozent zu. Doch das Bild ist nicht einheitlich. MTU Aero Engines verlor 3,5 Prozent – das Unternehmen steckt in einem Dilemma: Das Militärgeschäft boomt, aber die zivile Luftfahrtsparte leidet massiv unter den Kerosinpreisen. TKMS gab 1,5 Prozent nach, RENK bewegte sich kaum.
Das Paradox dahinter ist real: Viele Rüstungsaktien hatten die geopolitische Eskalation bereits antizipiert und kräftig zugelegt. Mit dem tatsächlichen Kriegsausbruch trat das Börsensprichwort „Buy the rumor, sell the fact“ in Kraft. Hinzu kommen operative Engpässe: Volle Auftragsbücher nützen wenig, wenn Kapazitäten fehlen, um sie abzuarbeiten.
Interessant war auch das Börsendebüt von Gabler, einem Lübecker Spezialisten für U-Boot-Ausrüstung wie Periskope und Sensormasten. Die Aktie startete bei 47,20 Euro – sieben Prozent über dem Ausgabepreis von 44 Euro. Im Tageshoch kletterte sie auf 49,50 Euro, gab dann aber nach und rutschte zwischenzeitlich knapp unter den Ausgabepreis. Ein holpriger Start, der aber das wachsende Interesse an Rüstungs-IPOs unterstreicht. Nach TKMS im Oktober und dem tschechischen Munitionshersteller CSG im Januar ist Gabler das nächste Zeichen dafür, dass die Branche den Kapitalmarkt für sich entdeckt hat.
Anzeige: Die starken Kursbewegungen bei Rheinmetall, Renk und anderen Rüstungswerten zeigen eindrücklich, wie viel Potenzial in gezielt ausgewählten Trades stecken kann – wenn man weiß, wann man ein- und aussteigt. Trader und Analyst Jörg Mahnert hat genau diese Aktien in seinem „Absahnplan“ genutzt: Rheinmetall brachte in seinem System +108 Prozent in 60 Tagen, Renk +68 Prozent in 62 Tagen – jeweils mit klar definiertem Einstieg und vorher bekanntem Kursziel. Mahnert setzt dabei auf die bewährte Point-&-Figure-Methode, die aus dem aktuellen Marktchaos strukturierte, binäre Handelssignale ableitet: Entweder eine Kursmarke hält – oder sie bricht. In seinem Live-Webinar zeigt er konkret, wie diese Methode funktioniert und liefert am Ende einen direkt umsetzbaren ersten Trade. Das erklärte Ziel des Dienstes: aus 1.000 Euro in planbaren Etappen bis zu 25.000 Euro aufbauen – mit ein bis zwei Trades pro Woche. Zum Absahnplan von Jörg Mahnert
Bitcoin trotzt dem Sturm – und Strategy kauft für 1,28 Milliarden Dollar nach
Hier kommt der vielleicht überraschendste Teil des Tages: Während Aktien weltweit unter Druck gerieten, legte Bitcoin um rund drei Prozent auf knapp 69.350 Dollar zu. Ethereum kletterte sogar vier Prozent auf über 2.026 Dollar, Solana stieg um vier Prozent, Dogecoin um 3,3 Prozent.
Warum? Krypto-Märkte handeln rund um die Uhr und hatten den ersten Schock bereits am Wochenende verdaut. Zudem profitiert Bitcoin in dieser Phase von einem anderen Narrativ: Als Asset ohne direkte Ölmarkt-Abhängigkeit zieht es Kapital an, das aus traditionellen Märkten flieht.
Ein starkes Signal lieferte auch Strategy – das Unternehmen rund um Michael Saylor, das Bitcoin als primäre Vermögensreserve hält. Strategy kaufte zwischen dem 2. und 8. März weitere 17.994 Bitcoin für rund 1,28 Milliarden Dollar zu einem Durchschnittspreis von 70.946 Dollar. Die Gesamtposition liegt nun bei 738.731 BTC, aktuell rund 50 Milliarden Dollar wert. Das entspricht 3,52 Prozent des gesamten Bitcoin-Angebots. Kein Zögern trotz Marktturbulenzen – das ist ein klares Bekenntnis.
Allerdings: Bitcoin notiert mit rund 45 Prozent unter seinem Allzeithoch von 126.198 Dollar vom 7. Oktober 2025, und die Bitcoin-Spot-ETFs in den USA verzeichneten zuletzt Nettoabflüsse von 349 Millionen Dollar an einem einzigen Tag. Der Fidelity-Bitcoin-Fonds führte die Abflüsse mit 159 Millionen Dollar an. Das zeigt: Institutionelle Investoren sind noch nicht einheitlich bullisch.
Novo Nordisk & Hims und Hers: Aus Feinden werden Geschäftspartner
Die überraschendste Unternehmens-Meldung des Tages kam aus der Pharmabranche. Noch vor wenigen Wochen standen Novo Nordisk und Hims & Hers Health vor Gericht – Novo Nordisk hatte den US-Telemedizin-Anbieter wegen Patentverletzungen verklagt, weil dieser eine günstige Semaglutid-Kopie für 49 Dollar vermarktete.
Heute die Kehrtwende: Beide Unternehmen einigten sich auf eine Kooperation. Ab Ende März darf Hims & Hers Wegovy und Ozempic zu Novo Nordisks Selbstzahlerpreisen über seine Plattform anbieten. Im Gegenzug bewirbt Hims & Hers keine nachgemischten GLP-1-Präparate mehr. Novo Nordisk zieht die Klage zurück – behält sich aber das Recht vor, sie erneut einzureichen.
Die Marktreaktion war eindeutig: Hims & Hers schoss um über 40 Prozent nach oben. Für das Unternehmen ist die Einigung existenziell – das bisherige Geschäftsmodell mit günstigen Kopien war unter massivem rechtlichen Druck, nachdem die FDA die Semaglutid-Engpässe für beendet erklärt hatte. Novo Nordisk legte rund drei Prozent zu. Der strategische Nutzen ist klar: Der Konzern erschließt sich einen direkten Vertriebskanal zu preissensiblen Patienten, die bisher zu Nachahmerpräparaten griffen.
EZB im Dilemma: Wenn Öl die Zinspolitik durchkreuzt
Eine wichtige Einordnung für deutsche Anleger lieferte UBS in einer aktuellen Analyse: Die Europäische Zentralbank steht vor einem klassischen Stagflations-Dilemma. Der Iran-Krieg hat die Ölpreise um 27 Prozent und die europäischen Gaspreise um 73 Prozent in die Höhe getrieben – das drückt gleichzeitig auf das Wachstum und nach oben auf die Inflation.
Die Markterwartungen haben sich bereits dramatisch verschoben: Noch vor Kurzem preisten Märkte Zinssenkungen von sechs bis acht Basispunkten für 2026 ein. Heute sind es Zinserhöhungen von 32 Basispunkten bis Dezember. Die EZB wird laut UBS bei ihrer Sitzung am 19. März die Zinsen bei zwei Prozent belassen – aber sie kann sich nicht mehr als „in einer guten Lage“ bezeichnen. Stattdessen dürfte sie in einen Abwarte-Modus wechseln.
Für deutsche Anleger bedeutet das: Die Hoffnung auf weitere Zinssenkungen, die Aktien und Anleihen gestützt hätte, schwindet. Gleichzeitig steigen die Energiekosten für Unternehmen und Verbraucher. Das ist kein gutes Umfeld für breite Marktgewinne.
Ausblick: Was diese Woche noch zählt
Die kommenden Tage bleiben herausfordernd. Am Mittwoch kommen die US-Inflationsdaten für Februar – ein wichtiger Test, ob der Ölpreisschock bereits in den Zahlen sichtbar wird. Am Donnerstag folgt der PCE-Preisindex, das bevorzugte Inflationsmaß der Fed. Beide Datenpunkte könnten die Zinsdebatte in den USA neu entfachen.
Auf Unternehmensseite legt BioNTech morgen früh seine Quartalszahlen vor. Die Erwartungen sind gedämpft: Analysten rechnen mit einem Verlust von 0,25 Euro je Aktie bei einem Umsatzrückgang von rund 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Corona-Ära ist vorbei, die Onkologie-Pipeline noch nicht reif für Einnahmen. Wie CEO Uğur Şahin die Lücke erklärt, dürfte die Aktie bewegen.
Mein Eindruck nach diesem turbulenten Montag: Die Märkte sind in einem Modus, in dem schlechte Nachrichten sehr schnell eingepreist werden – aber auch Erholungen möglich sind, sobald sich die Lage auch nur minimal entspannt. Wer jetzt in Panik verkauft, riskiert, die Erholung zu verpassen. Wer blind kauft, unterschätzt die Risiken eines länger andauernden Konflikts. Die unbefriedigende Wahrheit ist: Geduld ist gerade die wichtigste Tugend.
Ich wünsche Ihnen eine ruhige Woche – auch wenn die Märkte das anders sehen mögen.
Herzliche Grüße,
Andreas Sommer
09. März 2026


