Der Iran-Krieg erschüttert die globalen Finanzmärkte – und ein Ende ist nicht in Sicht. Brent-Rohöl notiert hartnäckig über 100 US-Dollar pro Barrel, Aktienfutures zeigen nach unten, und Zentralbanken von Frankfurt bis London stehen vor einer unbequemen Frage: Wie reagiert man auf einen Ölpreisschock, wenn die Inflation ohnehin noch nicht bezwungen ist?
Ölpreis als Fieberthermometer des Konflikts
Bevor der Krieg Ende Februar ausbrach, kostete ein Barrel Brent noch rund 70 US-Dollar. Seither ist der Preis um fast 45 Prozent gestiegen – zwischenzeitlich sogar auf fast 120 US-Dollar geschnellt, bevor er kurz unter 90 US-Dollar zurückfiel. Am Freitag stabilisiert er sich knapp über 101 US-Dollar. Der Treiber dahinter ist der Streit um die Straße von Hormus.
Durch diese schmale Meerenge im Süden des Iran fließt rund ein Fünftel des weltweiten Ölangebots. Irans neuer Oberster Führer Mojtaba Khamenei hat geschworen, die Passage geschlossen zu halten. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte zwar auf einer Pressekonferenz, das US-Militär werde die Straße wieder öffnen, lieferte aber kaum konkrete Details. General Dan Caine, Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs, ergänzte, man ziele darauf ab, Irans Fähigkeit zur Verminung der Meerenge zu neutralisieren.
Präsident Donald Trump behauptete gegenüber G7-Staats- und Regierungschefs, Iran sei „kurz vor der Kapitulation“. Gleichzeitig räumte er ein, dass unklar sei, wer überhaupt eine formelle Übergabe erklären könnte – ein bezeichnendes Bild für die Unübersichtlichkeit des Konflikts. Analyst Adam Crisafulli von Vital Knowledge brachte das Dilemma auf den Punkt: „Trump sucht zwar nach einem Ausweg, ist aber nicht vollständig Herr der Lage.“
Zentralbanken zwischen Abwarten und Handeln
Die Kombination aus Ölpreisschock und schwelender Inflation stellt Notenbanker weltweit vor eine Zerreißprobe. Die Erinnerungen an 2022 sind noch frisch – damals unterschätzten fast alle großen Zentralbanken die Hartnäckigkeit der Teuerung. Jetzt droht sich die Geschichte zu wiederholen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) steht besonders im Fokus. Über 90 Prozent der von Reuters befragten Ökonomen erwarten, dass die EZB ihren Einlagensatz bei zwei Prozent belässt – und das trotz massiver Marktbewegungen. Die zweijährige deutsche Bundesanleihe hat bereits rund 40 Basispunkte zugelegt, der Terminmarkt preist eine Zinserhöhung bis Ende Juli vollständig ein. Die Inflation in der Eurozone soll laut der aktuellen Reuters-Umfrage im zweiten Quartal auf durchschnittlich 2,3 Prozent steigen, nach zuletzt 1,9 Prozent. Der Euro hat seit Kriegsbeginn knapp drei Prozent gegenüber dem Dollar verloren – was zusätzlichen Importpreisdruck erzeugt.
„Die EZB hat noch keinen Grund zur Panik, aber einen Panikraum einzurichten wäre derzeit keine schlechte Idee“, formulierte Carsten Brzeski, globaler Makrochef bei ING, treffend. Mark Wall von der Deutschen Bank mahnte: „2026 ist nicht 2022 – aber das Persistenzrisiko ist nicht zu vernachlässigen.“
Für die Bank of England (BoE) sieht die Lage noch angespannter aus. Die Bank of America hat ihre Prognose revidiert und erwartet nun, dass die BoE ihren Leitzins im März bei 3,75 Prozent hält statt ihn zu senken. Die erwarteten Zinssenkungen wurden auf Juni und September verschoben. Sollten die Energiepreise bis ins zweite Halbjahr erhöht bleiben, könnten selbst diese Schritte entfallen – theoretisch wären sogar Erhöhungen denkbar, auch wenn die Hürde dafür hoch bleibt.
Fed und der Inflationsdruck aus Washington
Auch die US-Notenbank Federal Reserve steht unter Beobachtung. Das bevorzugte Inflationsmaß der Fed – der sogenannte Core-PCE-Preisindex, also die persönlichen Konsumausgaben ohne Lebensmittel und Energie – blieb im Januar bei 0,4 Prozent und damit im Rahmen der Erwartungen. Auf Jahressicht werden 3,1 Prozent erwartet. Wichtig dabei: Diese Zahlen bilden den Zeitraum vor Kriegsausbruch ab. Die eigentliche Frage – wie sich der Ölpreisschock auf die kommenden PCE-Daten auswirkt – bleibt vorerst unbeantwortet.
Gold, traditionell der sichere Hafen in Krisenzeiten, verliert paradoxerweise an Glanz. Ein stärkerer US-Dollar – angeheizt durch höhere Zinsspekulationen – macht Gold für internationale Käufer teurer. Gleichzeitig nähren Inflationssorgen die Erwartung, dass die Fed weniger schnell lockert. Der Goldpreis steuert auf seinen zweiten Wochenverlust in Folge zu.
Chinas Kreditkrise: Schwache Nachfrage als Gegengewicht
Während der Westen mit Inflationsdruck kämpft, leidet China unter dem gegenteiligen Problem. Die chinesischen Banken vergaben im Februar lediglich 900 Milliarden Yuan an neuen Krediten – deutlich weniger als die erwarteten 979 Milliarden Yuan und ein drastischer Rückgang gegenüber 4,71 Billionen Yuan im Januar. Das Kreditwachstum auf Jahressicht fiel auf ein Rekordtief von sechs Prozent. Haushaltskredite einschließlich Hypotheken schrumpften um 650,7 Milliarden Yuan.
Die Pekinger Behörden haben ein Wachstumsziel von 4,5 bis 5,0 Prozent für 2026 ausgegeben und versprechen Stimuli: 300 Milliarden Yuan für staatliche Banken, 250 Milliarden Yuan für Konsumgüterprogramme und einen 100-Milliarden-Yuan-Fonds zur Stärkung der Binnennachfrage. Wie wirksam diese Maßnahmen angesichts anhaltend schwacher Kreditnachfrage sein werden, bleibt abzuwarten.
Ausblick: Entscheidende Wochen für die Märkte
In der kommenden Woche verdichten sich die Entscheidungspunkte. Die Fed, die EZB, die Bank of England, die schweizerische Nationalbank sowie Notenbanken in Japan, Australien, Kanada und Brasilien halten allesamt Sitzungen ab. Selten war die Ausgangslage so unübersichtlich.
Der Iran-Krieg bleibt der alles überlagernde Faktor. Solange die Straße von Hormus gesperrt ist, bleibt der Ölpreis das Fieberthermometer der Weltmärkte – und die Fieberkurve zeigt nach oben. Das dürfte spannend werden.


