Ölschock lähmt Weltmärkte

Explodierende Energiepreise nach Angriffen im Nahen Osten treiben die Inflation und zwingen Zentralbanken weltweit, ihre geldpolitischen Pläne zu überdenken.

Ölschock lähmt Weltmärkte
Kurz & knapp:
  • Brent-Rohöl notiert über 110 Dollar je Barrel
  • Fed und EZB sehen sich mit Stagflationsrisiko konfrontiert
  • Globale Aktienmärkte verzeichnen deutliche Verluste
  • Schwellenländer bremsen geplante Zinssenkungen aus

Der Nahe Osten hat die Finanzwelt neu sortiert. Seit israelisch-amerikanische Angriffe auf den Iran Ende Februar die Region in Aufruhr versetzten, kämpfen Notenbanken rund um den Globus mit einem Problem, das sie längst überwunden glaubten: Inflation, angeheizt durch explodierte Energiepreise.

Brent-Rohöl notiert bei über 110 Dollar je Barrel, US-Rohöl überschritt die psychologisch bedeutsame Marke von 100 Dollar. Nachdem der Iran Irans riesiges Südpars-Gasfeld Angriffen ausgesetzt sah und daraufhin mit Raketenangriffen auf Qatar und Saudi-Arabien antwortete, schossen Erdgaspreise um mehr als 5 Prozent nach oben. Die Botschaft an die Märkte ist unmissverständlich: Dieser Konflikt trifft die Infrastruktur des globalen Energiesystems – und damit die Kalkulationsgrundlagen aller großen Zentralbanken.

Notenbanken im Stagflations-Dilemma

Die Federal Reserve ließ die Zinsen am Mittwoch unverändert und hält formal an einer einzigen Senkung für 2026 fest. Doch unter der Oberfläche hat sich viel verschoben. Fed-Chef Jerome Powell räumte offen ein, dass die Notenbank kaum abschätzen kann, wie stark und wie lange der Ölpreisschock auf die Kerninflation durchschlägt. „We’re prepared to do what needs to be done“, sagte er lapidar – ein Satz, der an den Märkten wie eine Zinserhöhungsdrohung klingt. Händler preisen inzwischen keine vollständige Zinssenkung mehr für 2026 ein.

Die Europäische Zentralbank steht vor demselben Dilemma, nur mit europäischer Färbung. Sie hielt ihren Leitzins bei 2 Prozent – doch ihre Botschaft für den Rest des Jahres dürfte alles andere als beruhigend ausfallen. Die Märkte erwarten, dass die Inflationsrate in der Eurozone auf über 3 Prozent steigt. Händler wetten auf zwei Zinsanhebungen bis Dezember. Besonders das Trauma von 2022 lastet schwer: Damals hatte die EZB den energiepreisgetriebenen Inflationsschub nach Russlands Ukraine-Invasion als vorübergehend abgetan – und sich damit gründlich verrechnet. Niemand will diesen Fehler wiederholen.

„The experience of the 2022 energy crisis, and consumers‘ expectations still scarred from that episode, could make the ECB quicker to hike if energy pressures are sustained“, warnt HSBC-Ökonom Fabio Balboni. EZB-Rat Isabel Schnabel sieht einen wichtigen Unterschied zu damals: Geld- und Fiskalpolitik seien diesmal nicht locker – was die Inflationsdynamik dämpfen könnte. Ob das reicht, bleibt offen.

Charu Chanana, Chefinvestmentstrategen bei Saxo in Singapur, bringt das Unbehagen der Märkte auf den Punkt: „It is now hitting the plumbing of the global energy system. What is unsettling markets now is the growing stagflation risk.“ Steigende Preise bei gleichzeitig schwächerem Wachstum – das ist der Albtraum für Notenbanker, weil Zinserhöhungen zwar Nachfrage dämpfen, aber kein Öl fördern können.

Risikoaversion erfasst globale Märkte

An den Börsen zeigt sich das Unbehagen unmittelbar. Japans Nikkei verlor 2,5 Prozent, südkoreanische Aktien brachen um ebenfalls 2,5 Prozent ein. Europäische Futures lagen mehr als 1,5 Prozent im Minus. In den USA schlossen S&P 500 und Dow Jones auf dem niedrigsten Stand seit November – alle elf Sektoren des S&P 500 im Minus.

Der Dollar profitiert als sicherer Hafen: Der Dollar-Index ist seit Kriegsausbruch Ende Februar um 2,5 Prozent gestiegen und notiert bei rund 100. Emerging-Market-Währungen stehen unter Druck, darunter koreanischer Won, südafrikanischer Rand und polnischer Zloty. Gold hingegen – eigentlich ein klassischer Krisengewinner – fiel um 4 Prozent auf ein Monatstief unter 5.000 Dollar, wohl weil steigende Anleiherenditen Goldanlagen relativ unattraktiver machen.

Schwellenländer zwischen Ölschock und Zinswende

Auch Brasilien kämpft mit den Folgen. Die Zentralbank des Landes startete am Mittwoch mit einer vorsichtigen Zinssenkung um 25 Basispunkte – deutlich weniger als die ursprünglich erwarteten 50 Punkte. Ökonomen hatten mit einem mutigeren Schritt gerechnet, doch die Eskalation im Nahen Osten hemmte den Spielraum. Öl kostet inzwischen rund 60 Prozent mehr als beim letzten Zinsentscheid im Januar angenommen. Der brasilianische Realsatz liegt weiterhin bei über 10 Prozent – einer der höchsten unter den großen Volkswirtschaften.

Besonders plastisch wird die globale Verknüpfung in den Pazifikstaaten. Australiens Arbeitsmarktdaten für Februar enttäuschten: Die Arbeitslosenquote stieg auf 4,3 Prozent, Vollzeitstellen gingen zurück, während Teilzeitjobs zulegten. Die Reserve Bank of Australia, die erst zu Wochenbeginn die Zinsen anhob, steht nun vor der Frage, ob ein Ölpreisschock eine weitere Straffung rechtfertigt oder das Wachstum zu sehr bremst.

Neuseeland wiederum wuchs im vierten Quartal 2025 nur um 0,2 Prozent – weit unter den Erwartungen von 0,4 Prozent. Der Neuseeländische Dollar verlor daraufhin rund 1,3 Prozent. ANZ-Ökonom Matthew Galt sieht den Silberstreif: Die schwächeren Daten geben der Zentralbank etwas mehr Spielraum, den unmittelbaren Inflationsdruck durch den Ölschock vorerst zu tolerieren. Doch ASB-Ökonom Kim Mundy warnt, die neuseeländische Notenbank befinde sich in einer „zunehmend unbequemen Lage“ – Wachstumsrisiken nach unten, Inflationsrisiken nach oben.

Ungarn blockiert Ukraine-Hilfe

Parallel zu den globalen Verwerfungen bleibt der Blick auf Europa gerichtet – nicht nur wegen der EZB. Beim EU-Gipfel in Brüssel drängen die 27 Staats- und Regierungschefs den ungarischen Premierminister Viktor Orbán, seinen Widerstand gegen den 90-Milliarden-Euro-Kredit für die Ukraine aufzugeben. Orbán blockiert die Auszahlung seit Februar mit Verweis auf eine beschädigte Ölpipeline. Kiew droht innerhalb von Wochen das Geld auszugehen.

Dass Orbán – der sich in einem schwierigen Wahlkampf befindet – ausgerechnet jetzt auf Zeit spielt, verärgert die EU-Partner massiv. Der zypriotische Präsident Nikos Christodoulides stellte klar: „In December, we took a political decision at the level of the European Council. Now is the time to deliver.“ Orbáns Antwort auf X liest sich kompromisslos: „No oil deliveries? No money. It’s that simple.“

Die Entscheidungen dieser Tage – ob in Washington, Frankfurt, Brasília oder Brüssel – hängen alle an einer einzigen unbekannten Variable: wie lange der Konflikt im Nahen Osten dauert. Darauf hat derzeit niemand eine Antwort.

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Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.