Ölschock: Märkte zwischen Hoffnung und Unsicherheit

Trumps verschobene Angriffe auf Iran brachten den Märkten kurze Erleichterung, doch die anhaltende Blockade der Straße von Hormus hält die Unsicherheit hoch und stellt Zentralbanken vor ein Inflationsdilemma.

Ölschock: Märkte zwischen Hoffnung und Unsicherheit
Kurz & knapp:
  • Aktienmärkte erholen sich nach Trump-Ankündigung
  • Ölpreise bleiben trotz Rückgang auf hohem Niveau
  • Zentralbanken zwischen Inflation und Wachstum gefangen
  • Gold verliert trotz Krise als sicherer Hafen

Der Nahe Osten hält die Finanzmärkte in Atem. Trumps kurzfristige Aussetzung der geplanten Angriffe auf Irans Energieinfrastruktur hat zwar eine Atempause gebracht – doch ob diese auch eine echte Entspannung einleitet, ist mehr als fraglich.

Kurze Erleichterung, anhaltende Nervosität

Die Reaktion kam prompt. Nachdem Trump auf seiner Truth-Social-Plattform von „sehr guten und produktiven“ Gesprächen mit dem Iran geschrieben und die Bombardierung der iranischen Strominfrastruktur um fünf Tage verschoben hatte, erholten sich die Aktienmärkte deutlich. Der Dow Jones legte am Montag rund 655 Punkte zu, der S&P 500 stieg um 1,19 Prozent. Asiens Börsen folgten am Dienstag: Der MSCI Asia-Pacific-Index außerhalb Japans kletterte um 1,3 Prozent, Japans Nikkei erholte sich um mehr als 2 Prozent – nachdem er tags zuvor noch 3,5 Prozent verloren hatte.

Teheran demontierte Trumps Darstellung allerdings umgehend. Das iranische Parlament wies jegliche direkten Verhandlungen zurück. Genau dieser Widerspruch hält die Märkte in einem fragilen Gleichgewicht.

„Die Nachrichten verschaffen der Volatilität zumindest eine kurze Pause, aber es ist schwer zu erkennen, ob daraus ein echter Risikoaufschwung wird“, sagte Rodrigo Catril von der National Australia Bank. Chris Weston von Pepperstone formulierte die entscheidende Frage präziser: Ist Trumps Schritt eine echte Annäherung – oder nur eine Verlängerung der Ungewissheit bis Freitag?

Ölpreis: Der Takt-Geber für alles andere

Öl bleibt das Herzstück der Krise. Der Konflikt hat den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus weitgehend zum Erliegen gebracht – rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen fließt durch diesen Engpass. Am Montag brachen die Preise um mehr als 8 bis 10 Prozent ein, als Trumps Ankündigung die Runde machte. Am Dienstag erholten sich Brent-Futures um rund 1 Prozent auf etwa 101 Dollar je Barrel – von ihren Hochs aber noch weit entfernt.

„Solange die Straße von Hormus nicht sehr schnell wiedereröffnet wird, ist es wahrscheinlicher als nicht, dass wir in den kommenden Wochen höhere Zinsen und deutlich steigende Kosten für Ölimporteure sehen“, warnte Kit Juckes von der Société Générale. Ein nüchterner Befund, der die Stimmung der Anleger treffend beschreibt: erleichtert, aber alles andere als beruhigt.

Zentralbanken unter Druck

Für die Notenbanken weltweit ist der Energieschock eine besonders unangenehme Herausforderung. Sie müssen abwägen zwischen einer drohenden Inflationswelle einerseits und wachstumsbremsenden Effekten durch höhere Energiekosten andererseits.

Besonders deutlich wird das Dilemma in Neuseeland. Die Reserve Bank of New Zealand hat ihre Leitzinsen nach zwei Jahren aggressiver Senkungen seit November bei 2,25 Prozent eingefroren. Doch die Inflation im vierten Quartal sprang mit 3,1 Prozent über das Zielband von 1 bis 3 Prozent. Gouverneurin Anna Breman betonte am Dienstag, sie wolle weder zu früh noch zu spät reagieren – und schloss sowohl Zinserhöhungen als auch weitere Senkungen ausdrücklich nicht aus.

Westpac-Chefökonom Kelly Eckhold und Darren Gibbs sehen die Lage trotzdem entspannt: „Es ist unwahrscheinlich, dass die RBNZ in den nächsten sechs Monaten die Zinsen erhöht.“ Breman hob hervor, dass gezielte Fiskalhilfen – also staatliche Unterstützungsmaßnahmen – in einem Energieschock wirkungsvoller seien als die Geldpolitik.

Auch für die Bank of England und die Europäische Zentralbank haben Marktteilnehmer ihre Zinserhöhungserwartungen zurückgeschraubt. Die Bank of England wird jetzt nur noch mit zwei Erhöhungen im laufenden Jahr gerechnet, gegenüber zuvor mehr als drei.

Japan: Inflation unterschreitet erstmals seit vier Jahren das Ziel

Einen anderen Kurs zeigt Japan. Die Kern-Inflation sank im Februar auf 1,6 Prozent – das erste Mal seit März 2022, dass sie unter das Zwei-Prozent-Ziel der Bank of Japan fiel. Regierungssubventionen für Treibstoff und Energie drücken den Preisindex künstlich nach unten und könnten den Kern-CPI laut Analysten um bis zu 0,5 Prozentpunkte senken.

Das erschwert der Bank of Japan die Kommunikation erheblich. Notenbank-Chef Kazuo Ueda hatte zuletzt weitere Zinsschritte in Aussicht gestellt, sofern sich die zugrunde liegende Inflation nachhaltig bei zwei Prozent stabilisiert. Die Kerninflation ohne Energie und frische Lebensmittel liegt mit 2,5 Prozent noch über dem Ziel – doch der überlagernde Effekt der Subventionen macht es schwierig, das wahre Preisniveau zu beurteilen. Ueda kündigte an, die Zentralbank werde bis zum Sommer einen neuen Preisindikator veröffentlichen, der staatliche Einmalmaßnahmen herausrechnet.

Japan ist als stark importabhängiges Land besonders anfällig für Energiepreisschocks. Die aktuellen Inflationsdaten spiegeln den jüngsten Ölpreisanstieg durch den Nahostkonflikt noch gar nicht wider.

Gold und Dollar: Sichere Häfen unter Druck

Auch der Goldmarkt erlebt turbulente Wochen. Seit Beginn des Konflikts Ende Februar ist der Goldpreis um rund 15 Prozent gefallen – obwohl das Edelmetall traditionell in Krisenzeiten gesucht wird. Der Grund: Höhere Zinsen, die zur Bekämpfung der Energieinflation nötig werden könnten, machen unverzinsliche Anlagen wie Gold kurzfristig weniger attraktiv. Goldbezogene ETFs verzeichneten seit Konfliktbeginn Abflüsse von rund 7,9 Milliarden Dollar.

„Gold sollte in einem stagflationären Umfeld gut abschneiden, aber es könnte zunächst noch mehr Gewinnmitnahmen und Liquidierungen geben“, sagt John Reade vom World Gold Council.

Der Dollar zeigte sich zuletzt schwächer, da die Risikobereitschaft vorübergehend zurückkehrte und der Ölpreisrückgang den Druck auf andere Währungen milderte. Der Euro notierte bei rund 1,16 Dollar, das Pfund Sterling bei rund 1,34 Dollar.

Was bleibt, ist eine Gemengelage voller Widersprüche: Hoffnung auf Diplomatie, aber kein Vertrauen in deren Bestand. Niedrigere Ölpreise – aber kein geschlossener Kanal. Notenbanken, die abwarten wollen – aber womöglich gezwungen sein werden zu handeln.

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Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.