Ölschock reißt Märkte in den Abgrund

Der Krieg im Nahen Osten treibt den Ölpreis über 114 Dollar und löst einen breiten Marktverkauf aus, bei dem selbst Gold als Sicherer Hafen versagt. Zentralbanken stehen vor einem Stagflationsdilemma.

Ölschock reißt Märkte in den Abgrund
Kurz & knapp:
  • Brent-Öl steigt um über 55 Prozent im Monat
  • Aktienindizes weltweit fallen auf Tiefststände
  • Gold verliert trotz Krise deutlich an Wert
  • EZB signalisiert entschlossenen Kampf gegen Inflation

Der Nahe Osten brennt – und die Finanzmärkte spüren die Hitze. Vier Wochen nach Ausbruch des US-israelischen Krieges gegen Iran hat der Ölschock eine neue, bedrohliche Qualität erreicht. Der MSCI-Weltaktienindex fiel auf ein Viermonatstief, Anleiherenditen schossen auf Achtsmonathöchststände, und Investoren weltweit suchen Schutz in Cash – während kaum ein Vermögenswert verschont bleibt.

Wenn Trumps Ultimatum die Märkte aufweckt

Präsident Trump setzte Iran am Wochenende eine 48-Stunden-Frist: Entweder werde die Straße von Hormus vollständig für den Schiffsverkehr geöffnet – oder die USA würden iranische Kraftwerke, darunter ein Atomkraftwerk, angreifen. Teheran reagierte mit einer Gegendrohung: Die Meerenge bleibe „vollständig geschlossen“, und im Falle eines Angriffs auf Energieinfrastruktur würden Wasser- und Energieversorgungsanlagen der Golfnachbarn attackiert.

Rund ein Fünftel des weltweiten Öls durchquert normalerweise diese Meerenge. Derzeit passiert kaum ein Tanker sie. Brent-Rohöl handelte am Montag bei über 114 US-Dollar je Barrel – ein Anstieg von mehr als 55 Prozent allein im laufenden Monat. Zum Vergleich: Vor Kriegsausbruch Ende Februar kostete das Fass noch rund 70 US-Dollar.

„Der Krieg könnte noch viele Wochen andauern und Ölpreise von bis zu 150 US-Dollar je Barrel bringen“, warnte Shane Oliver von AMP. Die IEA-Chefin Fatih Birol sprach in Australien von einer „sehr schweren“ Krise – schlimmer als die beiden Ölschocks der 1970er-Jahre zusammengenommen.

Keine Zuflucht mehr – weder in Aktien noch in Gold

Die Verwerfungen treffen Anleger mit besonderer Wucht, weil nahezu alle Anlageklassen gleichzeitig unter Druck geraten. Japans Nikkei verlor am Montag 3,5 Prozent und damit im Monatsverlauf bereits über 12 Prozent. Südkoreas Leitindex brach um 5,8 Prozent ein. In Europa sanken DAX- und EuroStoxx-Futures um 1,5 Prozent, S&P-500-Futures verloren rund 0,8 Prozent.

Anleihen bieten keinen Schutz: Zehnjährige US-Staatsanleiherenditen kletterten auf 4,415 Prozent – ein Achtsmonatshoch, 44 Basispunkte über dem Stand zu Kriegsbeginn. Auch Gold, traditionell der sichere Hafen schlechthin, gibt nach. Es verlor am Montag rund 2,6 Prozent auf 4.371 US-Dollar je Unze und hat seine Jahresgewinne damit weitgehend abgegeben.

„Ob Aktien, Anleihen oder Gold – alles fällt“, brachte es Jason Chan von der Bank of East Asia auf den Punkt. „Kurzfristig scheint Cash der einzige Schutz zu sein.“

Das spiegelt sich in Kapitalflüssen wider: Netto-Verkäufe asiatischer Aktien belaufen sich in diesem Monat auf 44,4 Milliarden US-Dollar – Kurs auf den größten monatlichen Abfluss seit mindestens 2008.

Zentralbanken zwischen Inflation und Wachstumsschwäche

Der Energiepreisschock stellt Zentralbanken vor ein klassisches Stagflationsdilemma – und verändert die geldpolitische Landschaft rasant. Goldman Sachs erwartet nun zwei EZB-Zinserhöhungen um je 25 Basispunkte, zunächst im April und dann im Juni, was den Einlagensatz auf 2,5 Prozent heben würde. Gleichzeitig senkte die Bank ihre Wachstumsprognose für den Euroraum auf lediglich 0,7 Prozent zum Jahresende. Die Inflationsspitze wird nun bei 3,2 Prozent im zweiten Quartal erwartet.

EZB-Ratsmitglied Peter Kazimir unterstrich diese Bereitschaft unmissverständlich: „Falls wir urteilen, dass das Risiko einer dauerhaft über unserem Ziel liegenden Inflation erheblich ist, werden wir mit angemessener Entschlossenheit handeln.“ Die Erinnerung an die Hochinflationsjahre sei noch frisch, warnte er – Unternehmen könnten niedrigere Hemmschwellen für Preiserhöhungen entwickeln, Haushalte schneller Lohnforderungen stellen.

Genau das zeigt sich bereits in Japan. Japanische Unternehmen einigten sich auf Lohnerhöhungen von durchschnittlich 5,26 Prozent – das dritte Jahr in Folge mit mehr als fünf Prozent. Ökonomen warnen, dass steigende Ölpreise den Inflationsdruck weiter verstärken könnten, was Arbeitnehmer zu noch aggressiveren Lohnforderungen veranlasst. Die Bank of Japan ihrerseits bereitet die Märkte auf mögliche weitere Zinsschritte vor, steht aber vor dem Widerspruch, dass politischer Druck aus Tokio und die Wachstumsgefährdung durch den Konflikt einen April-Schritt erschweren.

Stagflation als das eigentliche Schreckgespenst

Was Anleger besonders beunruhigt, ist nicht die Inflation allein – es ist das Zusammenspiel aus steigenden Preisen und abflauendem Wachstum. Saxo-Strategin Charu Chanana bezeichnete die Lage als „dauerhaften stagflationären Impuls“. Dieser ist für Portfolios besonders gefährlich, weil er die traditionelle Diversifikation zwischen Aktien und Anleihen aushebelt.

Besonders exponiert sind Technologiewerte, deren lange Laufzeiten empfindlich auf steigende Zinsen reagieren, sowie Bergbauunternehmen, die unter schwächeren Wachstumserwartungen leiden. Fluggesellschaften wie United Airlines planen Kapazitätskürzungen und kalkulieren intern mit Ölpreisen von 100 US-Dollar bis Ende 2027.

Ob Trumps widersprüchliche Signale – mal droht er mit Vernichtungsschlägen, mal deutet er ein baldiges „Winding down“ an – zu einer Entspannung führen, bleibt offen. Analysten von Vital Knowledge sehen ihn auf einem „Ausstiegsrampen-Kurs“, getrieben von innenpolitischem Gegenwind. Doch selbst ein Waffenstillstand würde die zerstörte Infrastruktur nicht über Nacht wiederherstellen. Die Normalisierung der Energiemärkte, so der breite Konsens, braucht Zeit – und die Märkte fangen gerade erst an, das einzupreisen.

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Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.