Ein neuer Waffengang zwischen den USA und Iran schickt die Finanzmärkte auf Talfahrt. Steigende Ölpreise nähren Inflationssorgen, die Anleiherenditen klettern auf Mehrjahreshochs – und die US-Notenbank steht plötzlich vor einem Dilemma, das noch vor Wochen kaum jemand für möglich hielt: eine Zinserhöhung mitten in einer geopolitischen Krise.

Am Dienstag griffen die USA erneut Ziele im Iran an, Teheran reagierte mit Vergeltungsschlägen. Es ist die ernsteste Eskalation seit Wochen in einem Konflikt, der bereits seit einem halben Jahr schwelt. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA warnte parallel, sie könne den Verbleib von Irans hochangereichertem Uran nicht mehr verifizieren, da Inspektoren der Zugang zu den Anlagen verwehrt wird. Direktor Rafael Grossi sprach von einem „Proliferationsrisiko“ und forderte dringend neue Zugänge – ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor, der die Nervosität an den Märkten verstärkt.

Ölpreise als Brandbeschleuniger für die Inflation

Die unmittelbare Folge der Kämpfe: Brent-Rohöl kletterte in der Spitze um rund fünf Prozent und notierte am Mittwoch bei 95,52 Dollar je Barrel, WTI stieg auf 91,02 Dollar. Grund zur Sorge bereitet vor allem die Straße von Hormus, durch die ein Großteil der weltweiten Energieexporte läuft. Jede weitere Eskalation dort dürfte die Ölpreise weiter anheizen.

Die Wirkung zeigt sich bereits in harten Zahlen. Südkoreas Verbraucherpreise legten im August um 3,1 Prozent zum Vorjahr zu, nach 2,8 Prozent im Juli – getrieben von Energiekosten und Telekompreisen. Die Kernrate ohne Nahrungsmittel und Energie sprang sogar von 2,6 auf 3,4 Prozent. Die Bank of Korea, die bereits im August die Zinsen auf 3 Prozent angehoben hatte, dürfte damit weiteren Handlungsdruck verspüren.

Anleihemärkte im Ausverkaufsmodus

Während Öl die Inflationsängste schürt, tobt an den globalen Anleihemärkten bereits ein handfester Ausverkauf. Japans zehnjährige Rendite kletterte am Dienstag erstmals seit 1996 über die Marke von 3 Prozent. Britische 30-jährige Gilts markierten den höchsten Stand seit 30 Jahren, deutsche und französische Zehnjahresrenditen erreichten Niveaus, die zuletzt 2011 beziehungsweise 2008 zu sehen waren. Auch in den USA rentierten zehnjährige Treasuries bei 4,8 Prozent – der höchste Wert seit Januar 2025.

Hinter diesem Zinsschub steckt mehr als nur die Nahost-Krise. Analysten verweisen auf wachsende Zweifel, ob die G7-Staaten ihre Schuldenlast überhaupt noch tragfähig managen können. Die Zinskosten übersteigen vielerorts das Wirtschaftswachstum, während Schuldenquoten bei fast allen großen Industrienationen – außer Deutschland – die 100-Prozent-Marke reißen. In den USA hat der Schuldenberg jüngst die Schwelle von 40 Billionen Dollar überschritten. Hinzu kommt ein weiterer Treiber: Tech-Konzerne wie Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle haben allein in diesem Jahr Anleihen im Volumen von 220 Milliarden Dollar begeben, um ihre KI-Investitionen zu finanzieren – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Diese zusätzliche Nachfrage nach Kapital treibt die Renditen zusätzlich nach oben.

Kein Wunder also, dass Anleger nervös reagieren: Steigende Zinsen verteuern nicht nur Staatsanleihen, sondern auch Hypotheken – US-Hypothekenzinsen für 30 Jahre kletterten bereits auf ein Jahreshoch von fast 6,7 Prozent.

Fed vor schwieriger Entscheidung

Ausgerechnet in dieser angespannten Lage verdichten sich die Signale für eine Zinserhöhung der US-Notenbank. Fed-Gouverneur Michael Barr, als eher zentristische Stimme im Offenmarktausschuss geltend, erklärte, die Notenbank müsse „entschlossen“ handeln, sollte sich die Inflation nicht rasch abkühlen. Zusammen mit drei Gegenstimmen aus der Juli-Sitzung und einer zunehmend restriktiven Tonlage anderer Mitglieder zeichnet sich ein enges Rennen ab.

Der Markt hat seine Erwartungen bereits angepasst: Laut CME-FedWatch-Tool preisen Fed-Fund-Futures inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent für eine Zinsanhebung bei der Sitzung am 15. und 16. September ein – vor einer Woche lag dieser Wert noch bei rund 40 Prozent. Bemerkenswert dabei: Die zugrunde liegenden Konjunkturdaten sprechen eigentlich nicht für einen strafferen Kurs. Die JOLTS-Stellenangaben für Juli und der ISM-Einkaufsmanagerindex für August fielen schwächer aus als erwartet, und für den Arbeitsmarktbericht am Freitag rechnen Ökonomen im Schnitt nur mit 56.000 neuen Stellen. Doch die Furcht vor angebotsbedingter Inflation durch die Ölpreise dürfte solche Signale überlagern.

Dollar gestärkt, Yen unter Druck, Aktien auf Talfahrt

Von dieser Gemengelage profitiert der US-Dollar als sicherer Hafen. Der Dollarindex hielt sich bei 99,67 Punkten, nahe dem höchsten Stand seit zwei Wochen. Der japanische Yen dagegen bleibt schwach und notiert bei rund 160 Yen je Dollar – deutlich jenseits der psychologisch wichtigen Marke. US-Finanzminister Scott Bessent drängte BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda in einem Treffen zu „entschlossenen“ geldpolitischen Schritten gegen die Yen-Schwäche. Eine koordinierte Intervention von Japan und den USA Ende Juli hatte nur kurzzeitig Entlastung gebracht; inzwischen ist rund die Hälfte der damaligen Gewinne wieder verpufft. Marktanalysten wie Tony Sycamore von IG sehen kaum Chancen auf eine neuerliche Intervention, solange die Ölpreise durch die Nahost-Spannungen hochgehalten werden.

An den Aktienmärkten hinterließ die Gemengelage aus Zinssorgen und Kriegsangst deutliche Spuren. Südkoreas Kospi brach zu Handelsbeginn um 3 Prozent ein, Japans Nikkei 225 verlor 2,2 Prozent. An der Wall Street hatten S&P 500 und Nasdaq bereits am Vortag mit minus 0,7 beziehungsweise minus 1 Prozent nachgegeben. Gold, traditionell ebenfalls ein Krisenschutz, notierte dagegen nahezu unverändert bei knapp 4.329 Dollar je Unze – ein Hinweis darauf, dass Anleger derzeit eher auf den Dollar als auf Edelmetalle setzen.

Politische Nebenschauplätze

Für etwas Verschnaufpause sorgte immerhin die US-Innenpolitik: Das Repräsentantenhaus verabschiedete mit großer Mehrheit eine Übergangsfinanzierung, die einen Regierungsstillstand bis zum 11. Dezember verhindert. Weder Republikaner noch Demokraten wollten einen vierten Shutdown riskieren, kurz vor den Zwischenwahlen im November. Auch Finnland schnürte unterdessen ein Budget für 2027, das Wachstum stützen und das Defizit auf 12,4 Milliarden Euro drücken soll – ein kleines Signal fiskalischer Disziplin in einem ansonsten von Schuldensorgen geprägten Umfeld.

Ob sich die Lage beruhigt, hängt maßgeblich davon ab, wie sich der Konflikt in Nahost weiterentwickelt. Eine Entspannung an der Straße von Hormus würde nicht nur die Ölpreise dämpfen, sondern auch den Druck von den Anleihemärkten nehmen. Bis dahin dürfte die Kombination aus geopolitischer Unsicherheit, hartnäckiger Inflation und wachsenden Schuldenbergen die Märkte in Atem halten.