Liebe Leserinnen und Leser,
ein Gasfeld brennt, Brent klettert auf über 109 Dollar – und ausgerechnet Bitcoin schlägt sich besser als Gold und US-Aktien zusammen. Das ist der Widerspruch, der heute die Märkte prägt. Der DAX schloss mit knapp einem Prozent im Minus bei 23.502 Punkten, nachdem er morgens noch fast die 24.000er-Marke angetastet hatte. Der Auslöser für den Stimmungsumschwung: Berichte über den israelischen Angriff auf das iranische South-Pars-Gasfeld – die größte Anlage dieser Art weltweit. Dazu die Fed-Entscheidung am Abend, die Zinspause, aber ein hawkisher Ausblick. In dieser Ausgabe schauen wir auf die Mechanik hinter dem Ölpreisschock, was SAPs überraschende Strategiewende bedeutet, warum Nvidia gerade unaufhaltsam wirkt – und was Bitcoin in diesem Umfeld wirklich antreibt.
Straße von Hormus: Der Flaschenhals, der alles bestimmt
Morgens sah es noch gut aus. Der Irak und die Türkei hatten sich auf ein Pipeline-Abkommen geeinigt, das irakische Ölexporte am blockierten Seeweg vorbei ermöglicht. Die Börsen atmeten auf, der DAX legte zu. Dann kamen die Meldungen aus dem Iran – und alles drehte sich.
Das South-Pars-Gasfeld, das der Iran mit Katar teilt, soll nach einem Raketenangriff den Betrieb eingestellt haben. Der Iran drohte mit Gegenschlägen auf Energieinfrastruktur in der gesamten Region. Brent sprang auf über 109 Dollar, zeitweise sogar auf fast 110 Dollar – ein Niveau, das Inflationssorgen in einer Qualität befeuert, die Notenbanken in echte Bedrängnis bringt.
Für Deutschland ist das besonders heikel. Als schwerer Energieimporteur leidet die ohnehin schwächelnde Wirtschaft doppelt: höhere Produktionskosten, schwächere Kaufkraft. Analysten des Bundesverbandes Öffentlicher Banken (VÖB) formulierten es heute klar: Solange der Ölpreis nicht dauerhaft über 100 Dollar bleibt, halten die Aktienmärkte stand. Kippt dieses Szenario, droht Deutschland eine Stagflation – steigende Preise bei stagnierenden Wachstum. Das Wort, das niemand hören will, steht wieder im Raum.
Fed im Dilemma, EZB unter Druck
Die US-Notenbank ließ die Zinsen heute Abend erwartungsgemäß unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Spannender als die Entscheidung selbst war der Ausblick – und der dürfte hawkish ausgefallen sein. Die Erzeugerpreise im Februar stiegen stärker als erwartet. Noch ist der Ölpreisanstieg durch den Iran-Krieg, der Anfang März begann, darin nicht enthalten. Was kommt, wenn er sich in den März-Daten niederschlägt, lässt sich leicht ausrechnen.
Am Terminmarkt hat sich das Bild komplett gedreht: Kurz vor Kriegsbeginn Ende Februar preisten Futures noch eine EZB-Zinssenkung bis Dezember ein. Heute wird bereits eine mögliche Erhöhung eingepreist. Für Anleger bedeutet das: Anleihen werden attraktiver, Bewertungen von Wachstumsaktien geraten unter Druck. Die Hürde für einen deutlichen Zinsanstieg im Euroraum sei zwar hoch, sagt Dekabank-Stratege Joachim Schallmayer – aber wenn Brent mehrere Monate über 100 Dollar notiert, könnte sie fallen.
SAP bricht mit dem Abo-Modell – und der Markt zuckt
Europas wertvollstes Tech-Unternehmen wechselt das Geschäftsmodell. SAP-Chef Christian Klein kündigte heute an, ab Juli sogenannte „Forward Deployed Engineering“-Teams aufzustellen, die direkt mit Kunden KI-Anwendungen entwickeln. Die Abrechnung soll nicht mehr pauschal per Abo erfolgen, sondern nach tatsächlichem KI-Verbrauch. „Es wäre töricht, weiterhin auf ein Abonnementmodell zu setzen, weil KI so leistungsfähig ist, dass sie viele Aufgaben automatisieren wird“, sagte Klein gegenüber Bloomberg.
Das ist mutiger, als es klingt. Abonnements liefern planbare, wiederkehrende Einnahmen – der Liebling jedes Investors. Verbrauchsbasierte Modelle schwanken mit der Nutzung. SAP wettet darauf, dass Kunden so intensiv KI einsetzen werden, dass der Umsatz pro Kunde langfristig steigt. Die Aktie reagierte mit einem Minus von knapp drei Prozent auf 161 Euro – auch ein neues 52-Wochen-Tief. Hier lohnt ein genauer Blick auf die Zahlen in den kommenden Quartalen: Wächst der KI-Verbrauch tatsächlich schnell genug, um den Übergang zu rechtfertigen?
Heidelberger Druck: Vom Druckmaschinen-Hersteller zum Drohnenabwehr-Anbieter
Eine der ungewöhnlichsten Unternehmenstransformationen im deutschen Mittelstand geht in die nächste Runde. Heidelberger Druckmaschinen – einst Weltmarktführer bei Offsetdruckmaschinen – plant ein Joint Venture mit der US-israelischen Ondas Autonomous Systems für autonome Drohnenabwehrsysteme. Heideldruck hält 49 Prozent, der Vertrieb soll zunächst in Deutschland und der Ukraine starten, später auf ganz Europa ausgeweitet werden.
Die Aktie legte zeitweise um 13 Prozent zu, schloss aber nur noch mit rund acht Prozent Plus bei 1,43 Euro. Der Markt erinnert sich: Beim ersten Rüstungsschritt im Sommer 2025 schoss der Kurs ähnlich hoch – und bröckelte danach wieder ab. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 440 Millionen Euro ist das Unternehmen klein und volatil. Wer hier investiert, braucht starke Nerven und einen langen Atem.
Nvidia: Wenn Analysten nicht mehr aufhören zu erhöhen
Am Nvidia GTC in San Jose läuft dieser Tage ein Analyst-Briefing nach dem anderen. Das Ergebnis ist immer dasselbe: höhere Kursziele. Truist hob auf 287 Dollar an, Rosenblatt auf 325 Dollar, Bernstein bekräftigt 300 Dollar mit Outperform. Die Begründung ist jedes Mal ähnlich: Nvidias kumulativer Auftragsbestand für Blackwell- und Rubin-Produkte soll bis 2027 die Marke von einer Billion Dollar erreichen – und CEO Jensen Huang deutete an, dass da noch Luft nach oben sei.
Besonders interessant: Nvidia hat die Produktion der H200-Prozessoren für den chinesischen Markt wieder aufgenommen. Das öffnet einen Absatzkanal, der monatelang geschlossen war. Ross Seymore von der Deutschen Bank sieht darin eine Festigung der Marktdominanz. Für deutsche Anleger ohne direkten Nvidia-Zugang bleibt der Umweg über KI-Infrastruktur-ETFs oder indirekte Profiteure wie Siemens Energy – das heute immerhin 1,5 Prozent zulegte – eine Option.
Anzeige: Die Frage, wer hinter Nvidia wirklich das Geld verdient, beschäftigt gerade viele Anleger – und genau darauf hat das kostenlose Webinar der Depot-Architekten eine konkrete Antwort. Dr. Bernd Heim und Jörg Mahnert zeigen darin, welche spezialisierten Zulieferer und Hardware-Hersteller den KI-Boom erst physisch möglich machen – Unternehmen, die kaum jemand auf dem Radar hat, obwohl sie über 50 Prozent der KI-Server-Hardware für die großen Chip-Designer fertigen. Ergänzt wird die Aktienauswahl durch eine Hebel-Strategie, die normale Marktbewegungen dieser Zulieferer für Privatanleger multipliziert. Das Webinar ist 30 Tage lang kostenlos zugänglich, inklusive eines direkt umsetzbaren Musterdepots mit konkreten Einstiegskursen und Stop-Loss-Marken. Zum kostenlosen Webinar: KI-Zulieferer und Depot-Architektur
Bitcoin schlägt Gold – ausgerechnet jetzt
Gold fiel heute um fast drei Prozent auf rund 4.865 Dollar je Feinunze. Steigende Zinsen und ein festerer Dollar machen das zinslose Edelmetall weniger attraktiv. Bitcoin dagegen verlor zwar ebenfalls rund vier Prozent auf knapp über 71.000 Dollar – hält sich damit aber im Vergleich bemerkenswert gut.
Seit Kriegsbeginn Ende Februar hat Bitcoin tatsächlich gegen den Trend zugelegt: plus 7,7 Prozent, während der S&P 500 im gleichen Zeitraum 3,6 Prozent verlor und Gold sogar 4,9 Prozent abgab. Das ist kein Zufall. Bitcoin wird zunehmend als eigenständige Assetklasse gehandelt, die weder mit Aktien noch mit Gold perfekt korreliert. In einem Umfeld, in dem klassische Absicherungen versagen, suchen Anleger nach Alternativen.
Wer breit diversifiziert in den Kryptomarkt einsteigen möchte, ohne Einzelwertrisiken einzugehen: Der Top 10 Crypto ETP von CoinShares und finanzen.net (WKN: A4A50V) bildet die zehn größten Kryptowährungen physisch ab und legte seit Kriegsbeginn sogar 12,2 Prozent zu – mehr als Bitcoin allein. Wichtig: Das bleibt ein spekulatives Produkt mit hoher Volatilität.
Commerzbank-Poker geht in die nächste Runde
Unicredit-Chef Andrea Orcel schlug heute versöhnlichere Töne an. Auf einer Bankenkonferenz in London skizzierte er ein „Zeitfenster von zwölf Wochen“ für Dialog mit Commerzbank-Management, Arbeitnehmervertretern und der deutschen Regierung. Das Ziel: eine gemeinsame Vision entwickeln – oder zumindest Missverständnisse abbauen. Eine Übernahme mit Kontrollmehrheit bezeichnete er als weniger wahrscheinliches Szenario.
Die Commerzbank-Aktie reagierte positiv und legte um 1,5 Prozent zu. Der Markt interpretiert Orcels Annäherung als Zeichen, dass das Angebot flexibel bleibt. Ob das reicht, um den Widerstand des Commerzbank-Managements zu brechen, das auf eigenständige Zukunft besteht, bleibt offen. Vorstandschefin Bettina Orlopp hatte den angebotenen Preis bereits als zu niedrig bezeichnet.
Was morgen zählt
Heute Abend liefert Micron Technology Quartalszahlen – ein wichtiger Stimmungstest für den Halbleitersektor. Morgen folgt die EZB-Zinsentscheidung: Keine Bewegung erwartet, aber der Ausblick wird unter dem Eindruck des Ölpreisschocks stehen. Am Freitag findet der große Verfall statt – der sogenannte Hexensabbat, an dem Optionen und Futures gleichzeitig auslaufen. Das kann kurzfristig für erhöhte Volatilität sorgen, bietet aber auch Chancen für geduldige Anleger.
Die entscheidende Frage bleibt dieselbe wie seit Wochen: Wie lange dauert die Blockade der Straße von Hormus? Solange sie anhält, sitzt der Ölpreis am Steuerrad – und alle anderen Faktoren spielen nur zweite Geige.
Bis morgen,
Andreas Sommer


